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Momente des deutschen Films (V) : Was hat sich denn überhaupt verändert?

„Abschied von gestern“, Alexander Kluges Film aus dem Jahr 1966, lässt nichts auf sich beruhen, was die Bundesrepublik damals stillzustellen bemüht war. Zudem war der Titel Programm - Kluges Debüts wurde dann auch ein Zentralwerk des Neuen Deutschen Films.

          Gibt es eine deutsche Filmtradition der Nachkriegszeit? Die Kinoredaktion der F.A.Z. ist der Frage nachgegangen, wie zukunftsträchtig das deutsche Kino war und ist. Siehe auch F.A.Z.-Edition: Filme am Sonntag.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Der Titel hätte nicht besser und provozierender gewählt sein können: „Abschied von gestern“. Jeder Kinoliebhaber musste das 1966 als Bekräftigung des Oberhausener Manifestes verstehen, das vier Jahre zuvor Papas Kino schriftlich den Laufpass gegeben hatte. Aber die praktische Umsetzung des damit ausgerufenen Neuen Deutschen Films war eher schleppend in Gang gekommen. Umso begieriger erwartete man nun das Spielfilmdebüt des bislang nur als Dokumentarist hervorgetretenen Alexander Kluge, der in Oberhausen einer der Wortführer gewesen war.

          Und dann das: Auf einer dem Film vorangestellten Schrifttafel verkündet Kluge: „Von gestern trennt uns kein Abgrund, sondern die veränderte Lage.“ Hier wird also nicht Revolution beschworen, sondern Anpassung. Und doch ist der Satz keineswegs harmlos. Denn Kluge kündigte damit jenes bequeme Denkmuster auf, das zwischen „Drittem Reich“ und Bundesrepublik einen historischen Bruch sah. „Abschied von gestern“ proklamiert dagegen: Nur die Lage ist eine andere, die Protagonisten sind die gleichen geblieben und die Überzeugungen auch.

          „Abschied von gestern”: Szene mit Alexandra Kluge und Günter Mack

          Anita G. kommt ins Gefängnis

          Gezeigt wird das am Schicksal einer Jüdin, deren in juristischer Seminartradition abgekürzter Name in Klammern dem Filmtitel nachgestellt ist: Anita G. Sie war, einer realen Person nachgebildet, bereits Gegenstand einer Erzählung in Kluges 1962 erschienenem Prosaband „Lebensläufe“, der kleine Biographien versammelte, die der Autor als exemplarisch für Deutschland empfand.

          Einer dieser Lebensläufe war der jener kurz vor dem Krieg geborenen Anita G., die 1957 aus der DDR in den Westen gekommen war und dort 1959 wegen Diebstahls ins Gefängnis ging. Genau hier setzt der Film an: im Gerichtssaal. Hans Korte spielt mit schneidendem Ton einen in Distanz erstarrten Braunschweiger Richter, der in Anita G. nur die Täterin sieht, nicht auch das Opfer, das als jüdisches Kind verfolgt wurde, dessen Eltern unter den Nazis deportiert und nach der glücklichen Rückkehr in der DDR enteignet worden waren und das seiner aus all dem resultierenden ständigen Angst durch die Flucht in die Bundesrepublik zu entkommen suchte. Mildernde Umstände durch die Schreckenserlebnisse? Der Richter reagiert kühl: „Nach der Lebenserfahrung wirkt das bei jungen Leuten nicht nach.“ Seine Lebenserfahrungen als Angehöriger der deutschen Elite sind andere als die der Jüdin Anita G.

          Eine Montage der Assoziationen

          Deshalb kein Abgrund, der uns von der Vergangenheit trennt, sondern nur die anderen Umstände. Dass Anita G. nicht ins Lager geschickt wird, sondern ins Gefängnis, ist nicht einer anderen Einstellung gegenüber ihrer Person zu verdanken, sondern nur einer anderen Situation. Sie wird konkret im Ort des anfänglichen Geschehens: Braunschweig. Das ist jene Stadt, die Hitler eingebürgert hatte, in der aber auch nach dem Krieg für kurze Zeit ein Mann juristisch wirkte, der in „Abschied von gestern“ eine zentrale Rolle übernimmt, ohne sie zu spielen: der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer.

          Der einzige Bruch, den es überhaupt geben kann, ist der von einem Individuum zum anderen. Es sind solche untergründigen Bezüge wie der durch Braunschweig vermittelte von Hitler zu Fritz Bauer, die Kluges Film ausmachen. Noch beim wiederholten Ansehen wird man neue Themenketten erkennen, Details entschlüsseln oder Dialoge zueinander in Beziehung setzen. Es ist keine Montage der Attraktionen, wie Eisenstein sie entwickelt hat, sondern eine Montage der Assoziationen. „Abschied von gestern“, dieses Zentralwerk des Neuen Deutschen Films, entdeckt man selbst jedes Mal wieder neu. Denn auch seine Rezeption richtet sich nach der je veränderten Lage.

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