https://www.faz.net/-gmm-13iay

Literatur : Das Schwimmbad-Archiv

  • Aktualisiert am

Zürich. Er konnte sein Glück nicht fassen: "Es erscheint mir als ein dermassen voluminöses Schwein, dass ich es in der Wohnung meines Alltags kaum unterbringe", schreibt Max Frisch am 15. August 1943 an seinen Freund Werner Coninx.

          Zürich. Er konnte sein Glück nicht fassen: "Es erscheint mir als ein dermassen voluminöses Schwein, dass ich es in der Wohnung meines Alltags kaum unterbringe", schreibt Max Frisch am 15. August 1943 an seinen Freund Werner Coninx. Es war der erste Architektur-Wettbewerb, an dem er teilgenommen hatte, gerade mal drei Jahre nach Abschluss seines Studiums, zwischendurch war er immer wieder im Armeedienst und jetzt also - dieser Sieg: "Die Aufgabe ist sehr reizvoll, stark landschaftlich und gärtnerisch, unmonumental, fröhlich." Der junge Architekt Max Frisch bekam von der Stadt Zürich den Großauftrag, das Freibad am Letzigraben zu bauen. Der Krieg verzögerte das Bauvorhaben über Jahre, aber im Sommer 1949 schrieb Frisch: "Sie schwimmen, springen von den Türmen. Die Rasen sind voll von Menschen, halb nackt und halb bunt, und es ist wie ein wirkliches Fest." Ein Schriftsteller steht stolz inmitten seines Werks und strahlt. Es hat in der Welt wohl kein zweiter Autor je ein so lebendiges, weltoffenes, sportfreudiges, lichtes Kunstwerk geschaffen wie Frisch mit diesem Bad.

          Die Sonne scheint in Zürich, das Bad am Letzigraben ist voller Menschen. Alles sieht aus wie auf den Bildern von damals. Drei große Becken, an den Rändern flache weiße Bungalows für Umkleiden, Schränke. In der Mitte von allem, leicht erhöht, ein heller, karussellartiger Pavillon mit blau-weißen Markisen. Es gibt Rivella und Bier in Dosen. Erst vor zwei Jahren wurde es komplett renoviert. Seitdem gibt es auch vorne in einem der ersten Bungalows eine Ausstellung des Max-Frisch-Archivs über die Bauphase, Frischs Entwürfe, Frischs Sätze: "Das aufregende Gefühl: das ist dein Werk, von außen gesehen, dein Gesicht." Sogar die Bäume hat er ausgesucht damals. Und beschreibt die Allmachtsphantasien eines stolzen Schriftstellers, als die Bauarbeiter auf antike Ausgrabungen gestoßen waren: "Zurzeit bin ich es, der seinen Willen einträgt, in dieses Flecklein Erde, Feldherr über fünfunddreissigtausend Quadratmeter."

          Doch heute ist die Ausstellung geschlossen. Ein Paar mit grauen Haaren und großen Badetaschen drückt die Nasen platt an den Scheiben. Er sagt, er war hier, damals, in der Woche nach der festlichen Eröffnung. "15 Rappen kostete der Eintritt. Mit der Schulklasse nur 10. Es war herrlich!" Beinahe nichts habe sich verändert seitdem, sagen beide. Sie waren all die Jahre nicht mehr hier, die beiden Gründungsschwimmer, haben in Hamburg gelebt und in München. Sie reden, als wären sie über einen Zeitgraben gesprungen, zurück in die Zeit, in der Max Frisch noch baute.

          Kein Körper lockt

          Er hat das Bauen kurz danach wieder aufgegeben, um sich nur noch dem Schreiben zu widmen, seinen Theaterstücken zunächst vor allem und seinem Tagebuch. Dem ersten von, wie wir neuerdings wissen, drei geplanten Tagebüchern. Die ersten zwei sind Höhepunkte seines Werkes, das dritte hat er nicht fertiggestellt. Erst vor zwei Wochen gab der Suhrkamp-Verlag diesen Fund bekannt. Es wurde dort drüben, in der Max-Frisch-Nachlass-Zentrale, gefunden, auf dem Hügel, in der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH). Hier ist das Max-Frisch-Archiv untergebracht, bei den Spezialsammlungen, ein Arbeitsraum für die Benutzer, ein Büro für die Leiterin Margit Unser und dann: ein langer Gang mit Metallschränken. In diesen Schränken lagern die gesammelten Spuren des Lebens und Schreibens von Max Frisch. Alles fein ordentlich in weißen Schubfächern, Beschriftungen hinter bunter Plastikfolie. Vor allem Briefe: ungefähr 10 000 Briefe von und an Max Frisch lagern in den Schränken des Archivs. 1000 Fotografien, 500 Videoaufnahmen und Tonbänder, Typoskripte, Reden, Interviews. Außerdem seine blauen Notizhefte, 140 Stück, in die er Mitschriften des Lebens, Dialoge, Romanentwürfe, Theaterstücke, Telefonnummern, Einkaufslisten, Abfahrtszeiten, Liebesszenen schrieb. Hier, im Notizheft 7, März 51, die Telefonnummer von Hermann Hesse mit Bleistift. Dann, unter der Überschrift "Situation", der erleichterte Satz einer Frau: "Ich war froh im Letzigraben, dass eigentlich kein Mann mich (als Körper) mehr gelockt hätte." Dazu der selbstquälerische Kommentar des männlichen Gegenparts: "(Also: sie sucht. Sie ist nicht ,da', nicht erfüllt, nur auf Zuwarten.)"

          Topmeldungen

          Gefährliche Hitzewelle : Amerikas Sommer der Extreme

          In vielen Gegenden Amerikas herrschen derzeit gefährlich hohe Temperaturen. Städte wie New York müssen sich in Zukunft auf noch extremere Sommer einstellen, warnen Klimaforscher.

          Attacke von Tony Blair : „Johnson ist kein Dummkopf“

          Der frühere britische Premierminister Tony Blair sieht einer möglichen Regierung von Boris Johnson kritisch entgegen. Die CDU wiederum könnte sich vorstellen, dass Johnson positiv überrascht.
          Weiß, was uns fehlt: ARD-Hauptstadtkorrespondentin Kristin Joachim.

          Klimahysterie im Ersten : Wir müssen gezwungen werden!

          Von der ARD lernen heißt, gehorchen lernen. Den Eindruck bekommt man, wenn man abends die „Tagesthemen“ einschaltet oder morgens das Radio. Da werden Vorschriften gemacht, dass es nur so kracht.