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José Luis Sampedro : Wie Europa zum Casino wurde

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José Luis Sampedro (1917 - 2013), hier auf einer Aufnahme vom November 2011. Bild: dpa

Der Ökonom und Schriftsteller José Luis Sampedro wurde mit dem Alter immer zorniger. Nun starb er im Alter von 96 Jahren. Kurz zuvor entstand noch dieses Gespräch über Spaniens desolate Lage und Europa.

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          José Luis Sampedro, 95, Schriftsteller und Ökonom, war einer der wichtigsten spanischen Intellektuellen. Er hat als junger Mann im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft, war stellvertretender Chef der spanischen Außenhandelsbank und Professor für Ökonomie an verschiedenen Hochschulen in Spanien und in Großbritannien. In Deutschland wurde er durch sein Buch „Das etruskische Lächeln“ bekannt. 2011 entdeckte ihn die spanische Jugend wieder. Die „Indignados“, die Globalisierungsprotestler, orientierten sich an seiner humanistischen Weltsicht und an seiner Systemkritik und feierten Sampedro wie einen Popstar. Seither gab der betagte Schriftsteller wieder ungezählte Interviews und trat regelmäßig im Fernsehen auf. Für sein Gesamtwerk wurde ihm im vergangenen Jahr vom Kulturministerium der „Premio Nacional de las Letras Españolas“ verliehen, der Nationalpreis der spanischen Literatur.

          Die Schreckensmeldungen über Spanien nehmen kein Ende. In welchem Zustand befindet sich Ihr Land?

          Spanien befindet sich in einem Prozess der Gegenreformation. Es ist die Antwort der Konservativen auf den historischen Prozess, den wir gerade durchleben, von einer kapitalistischen Etappe hin zu einer vollkommen neuen Ordnung.

           Was meinen Sie mit Gegenreformation?

           Dass unter dem rechten Ministerpräsidenten Mariano Rajoy all das wieder korrigiert wurde, was zuvor reformiert worden war. Sein erster politischer Akt war eine Arbeitsmarktreform, die die sozialen Errungenschaften der letzten Jahre eliminiert hat. Dem Justizminister fiel als erste Amtshandlung nichts anderes ein, als das Abtreibungsgesetz zu verschärfen und die Frauen damit erneut unter die Entscheidungsgewalt der Richter und Priester zu stellen. Und unser Bildungsminister kürzt radikal alle Forschungsgelder und Stipendien. Doch bis heute rührt niemand die Zuwendungen an die Kirche an, niemand kürzt die Gelder der Streitkräfte, im Gegenteil, sie werden erhöht. Mit dieser Regierung erleben wir gerade einen Schritt zurück in die Franco-Ära.

           Immerhin wurde diese Regierung, vor gut einem Jahr mit großer Mehrheit ins Amt gewählt.

          Es war eine Protestwahl. Die Sozialisten hatten sich in den vergangenen drei Jahren der Krise an die Seite der Banker gestellt und nicht die Rechte der Armen verteidigt. Und ihre Wähler waren enttäuscht. Die Regierungen, egal welche, repräsentieren nicht mehr das Volk. Und das kann man daran ablesen, dass das Volk gegen seine Regierungen auf die Straßen geht. Schauen Sie mal auf die Proteste in Madrid und in Barcelona. Dort sieht man jetzt auch Achtzigjährige aus der Mittelschicht, das gab es vorher nicht.

           In Katalonien haben sich im vergangenen September fast zwei Millionen Menschen zu einem friedlichen Marsch durch Barcelona zusammengefunden und für die Unabhängigkeit von Spanien protestiert. Entsteht dort so etwas wie eine kritische Masse?

           In Katalonien scheint eine solche Masse zu entstehen, ja. Die Rebellion wächst.

           Alejo Vidal-Quadras, Parteimitglied der konservativen PP und Vizepräsident des Europäischen Parlaments, hat zur Situation in Katalonien gesagt, man solle einen General der Guardia Civil dorthin schicken, um Ordnung zu schaffen. Fällt Spanien hier wieder in alte Muster zurück?

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