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: Im Labyrinth der großen Irrtümer

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Fast ein Vierteljahrhundert war von Michael Scammells Biographie über Arthur Koestler die Rede als demnächst erscheinend. Jetzt, da sie endlich erscheint, ist ihr Gegenstand, der Schriftsteller und politische Essayist Arthur Koestler, bei dem allgemeinen Publikum nahezu vergessen.

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          Fast ein Vierteljahrhundert war von Michael Scammells Biographie über Arthur Koestler die Rede als demnächst erscheinend. Jetzt, da sie endlich erscheint, ist ihr Gegenstand, der Schriftsteller und politische Essayist Arthur Koestler, bei dem allgemeinen Publikum nahezu vergessen. Als er sich mit seiner viel jüngeren Frau Cynthia 1983 das Leben nahm, verstummte einer der streitbarsten Geister des zwanzigsten Jahrhunderts.

          Die letzte Debatte, zu der er Anlass gab, wurde 1999 durch die Behauptung des Engländers David Cesarani ausgelöst, Koestler sei nicht nur ein hemmungsloser Schürzenjäger und Trinker gewesen, sondern habe vielen Frauen Gewalt angetan. Die Zeitungen sprachen von ihm als "Serienvergewaltiger". In Edinburgh hatten daraufhin Studenten die Entfernung der Bronzebüste Koestlers erzwungen. In der Biographie von Michael Scammell erscheint dieser Vorfall nur als eine belanglose Episode, der Versuch eines Rufmords, dem Koestler leicht zum Opfer fallen konnte, weil er seine Neigung zur Gewalt auch sonst offen bekannte: "Without an element of initial rape, there is no delight", soll er gesagt haben.

          Das alles waren keine guten Auspizien für den Nachruhm eines der wirkungsvollsten und berühmtesten Intellektuellen des zwanzigsten Jahrhunderts. Er war diesem Jahrhundert auf seinen verschlungenen und rätselhaften Wegen so beharrlich gefolgt wie sonst keiner seiner Generation. Er hat nicht nur einmal die Seiten gewechselt, er war, wenn man so sagen kann, zu einem berufsmäßigen Renegaten geworden, in ganz Europa und auf allen Seiten bestaunt, als er das Geheimnis der intellektuellen Faszination der Sowjetunion in seinem Roman "Sonnenfinsternis" entlarvte.

          Nicht auf allen Seiten hat Koestler gestanden, aber immerhin war er, 1905 in Budapest geboren, in seiner Jugend ungarischer Nationalist, Mitte der zwanziger Jahre stürzte er sich in den Zionismus, dem er eine völlige Umwandlung des Judentums zutraute, einen radikalen Bruch mit der Geschichte des europäischen Judentums. Wir finden Koestler eben noch im Kibbuz in Palästina, aber schon ist er in Jerusalem Korrespondent für Ullstein und bald in Berlin stellvertretender Chefredakteur der "B. Z. am Mittag". 1931 ist er der einzige Journalist, der an dem Zeppelinflug über den Pol teilnehmen darf.

          Dass er ausgerechnet in dem Augenblick, da er seine erheblichen journalistischen Talente erfolgreich unter Beweis gestellt hat, der Kommunistischen Partei beitritt, ohne dass seine Parteizugehörigkeit bekannt wird und ohne seinen Posten aufzugeben, gehört zu den Verwegenheiten des ruhelosen jungen Mannes. Was er der Partei an Berichten ausgehändigt hat, mag von begrenzter Bedeutung gewesen sein - ihr einen Weg in das Innere des libera-

          len Ullstein-Konzerns zu öffnen, war Verrat und Illoyalität. Und nicht einmal Koestler konnte dies auf die Dauer ertragen: Er verriet sich selbst und verließ dann auch die Partei. "Ich habe mich dem Kommunismus wie einer Quelle frischen Wassers genähert, und ich verließ ihn, wie man sich aus einem vergifteten Fluß rettet, in dem die Trümmer überschwemmter Städte und die Leichen der Ertrunkenen treiben."

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