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: Die Revolution der Piraten

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Die Journalistin Dagmar von Taube bringt demnächst einen offenbar sehr interessanten Fotoband über die Berliner Gesellschaft heraus. Bei dem wenigen, das man gesehen hat, handelt es sich um ein Panorama von Schönheit und Coolness ...

          Die Journalistin Dagmar von Taube bringt demnächst einen offenbar sehr interessanten Fotoband über die Berliner Gesellschaft heraus. Bei dem wenigen, das man gesehen hat, handelt es sich um ein Panorama von Schönheit und Coolness und Macht, von Clubs und Bars, von Partys und Gastwirten - ganz Berlin, so scheint es, ist ein einziger Grill, auf dem Königskinder von heute in glühender Liebe zu Kunst und Smalltalk vor sich hin brutzeln. Aber ehe daraus eine neue Ära wird, hier der Hinweis: Etwas fehlt.

          Es fehlt nicht nur hier, es fehlt überall, wo solche balzacschen Gemälde entworfen werden. Es fehlt, wie ich feststelle, auch in allen meinen Artikeln und in fast allen Artikeln meiner Kollegen der letzten Jahre. Es fehlt nicht nur in Berlin, sondern in München, Frankfurt und Münster. Wir haben es entweder alle übersehen oder nicht ernst genommen, auch deshalb, weil Coolheitsgesichtspunkte einer Pop-Ökonomie dagegen sprachen. Fragen Sie jeden Feuilletonredakteur: Was ist cooler? Ein wabernder, wilder Text des Kult-Denkers und Model-Ehemannes Slavoj Zizek, der uns züchtigt und uns unsere eigene Spießigkeit schmerzlich bewusst macht; oder sind es die Satzbefehle, die irgendein pizzaverschlingender Zwanzigjähriger in seinem mit "Star Wars"-Memorabilien vollgestopften Kinderzimmer jetzt gerade in seinen Computer tippt? Könnte man sich vorstellen, dass sie in einem von Dagmar von Taubes Get-togethers, während Nadja Auermann und Norbert Bisky noch feiern und flirten, über das Problem von Botnets oder die besten Verfahren der "würdevollen Herabstufung" reden, der Art und Weise, wie man Websites auf Handys darstellt?

          Kurz: was fehlt, sind die Nerds.

          Wunder der Technik

          Und jetzt, da sich aus ihrem innersten Kern eine neue und wahrscheinlich bald auch immer un-nerdigere, weil moderne politische Bewegung formiert, kann man nicht anders, als voller Respekt und ohne Ironie ihren Siegeszug zu rühmen. Sie haben die Gesellschaft längst geentert, noch ehe Teile von ihnen sich als "Piraten" zusammentaten. Ob die "Piraten" Nerds sind oder nicht, ist eine der am heißesten diskutierten Fragen der politischen Blogs im Internet. Mit gutem Grund: der klassische Nerd trägt Kopfhörer, während er sich tief über seine Computertastatur beugt und gedankenlos mit der linken Hand nach einem kalten Stück Pizza greift. In "Jurassic Park" war der Typus, gespielt von Wayne Knight, zu besichtigen.

          Nerds sind meist männliche junge Leute, die schon im Alter von vier Jahren damit beginnen, Spielzeugautos, Radios und Computer zu zerlegen und ganz anders wieder zusammenzubauen. Es gibt auch weibliche Nerds. Marissa Mayer von Google, die sich selbst einen Nerd nennt, ist die prominenteste Frau. Nerds verehren Daniel Düsentrieb, Jules Verne und später Neal Stephenson. Meist fallen sie schon frühzeitig durch einen unbändigen Basteltrieb auf. Früher konnte man sie in der Schule leicht erkennen: Sie hatten Diplomatenkoffer mit Nummernschloss, dessen Code sie täglich änderten, trugen Pferdeschwanz und schwarze T-Shirts mit "Ultima Online"-Logo. Der Typus ist seltener geworden, aber, wie ein Blick in das Publikum des letzten ZDF-Wahlforums zeigte, nicht ganz ausgestorben. Ausgehend vom neuen Google-Stil sind Nerds heute von der Pizza-und-Cola-Phase in das "Healthy food"-Biotop gewechselt und deshalb, anders als die großen Nerd-Pioniere wie Jaron Lanier und Nathan Myrvold, nicht mehr ohne weiteres zu erkennen.

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