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: Der Roman, in dem wir leben

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Es ist kein Zufall, dass in diesem Frühjahr der politische Berlin-Roman geboren worden ist, es ist nur ein Anfang. Für die Deutung aktueller politischer Vorgänge reichen Parteienforscher und Sozialexperten nicht mehr aus; in den ...

          Es ist kein Zufall, dass in diesem Frühjahr der politische Berlin-Roman geboren worden ist, es ist nur ein Anfang. Für die Deutung aktueller politischer Vorgänge reichen Parteienforscher und Sozialexperten nicht mehr aus; in den einschlägigen Talkshows werden bald immer häufiger Leser hinzugezogen werden müssen. Nicht die Leser von Google-News oder Presseausschnittsdiensten, sondern die von Dickens, H. G. Wells oder Kurbjuweit. Sie sind die Seelenexperten des Leviathan.

          Auch Balladen helfen. Dass, um nur ein Beispiel zu nennen, der Held aus Verzweiflung und Nächstenliebe seinen Gesichtsbart für eine Million Euro zum Verkauf anbietet, geht in der Literatur zwar nur andersherum - nämlich als Schwur, sich bis zum Eintreffen eines göttlichen Gnadenerweises nicht mehr zu rasieren oder auch nur zu kämmen, aber gerade weil erfahrene Leser genau das wissen, achten sie auf den wirklich neuartigen Konflikt der Geschichte. Der liegt hier darin, dass den Bart niemand haben will. Was hätte Dickens (der Held lässt den Bart ins Unermessliche wachsen und betreibt am Ende als Eremit einen Antiquitätenladen), was Balzac (er geht mit dem Preis tiefer und tiefer und senkt damit seinen eigenen), was Thomas Mann (er biete den Bart dem Teufel an, der ihn auch nicht will) aus diesem Stoff gemacht. Ein Mann, der zeitlebens an seinen Bart wie an einen Ladenhüter festgeklebt ist - und schon ist man, mit allen moralischen Implikationen, mittendrin im Roman unserer Zeit.

          Auch die ungleich ernstere Debatte um die Bundespräsidentenwahl ist eine Sache für geschulte Leser. Dass beide Protagonisten keine Berufspolitiker sind, hat sich herumgesprochen. Deshalb bekommen sie literarische Titel. Selbst Parteifreunde nennen den Bundespräsidenten wohlwollend einen Parzival, und wer sah, wie er nach Bekanntgabe seiner Kandidatur auch noch Fragen zuließ, als könnte es zu dieser Entscheidung überhaupt Fragen geben, wird diesen Eindruck nicht ganz dementieren. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis Gesine Schwan zur Mutter Courage mutiert. Hier der reine, wenn auch ökonomisch-versierte, aber trotzdem politisch-naive Held in einer Welt undurchsichtiger Verstrickungen; dort die beredte, aber in ihrer Patentheit auch leicht nervende Philosophin. Es bedarf der literarischen Analogie, um beide zu verstehen. Leser nämlich können die Protagonisten aus dem undurchsichtigen Beziehungsgeflecht der "Politik" mitsamt all den Hintergrundfiguren lösen. Man kann sie dann hörbarer machen. Horst Köhler hat bereits mit antikapitalistischer Rhetorik seine Rolle als Bürgerpräsident unterstrichen. Gesine Schwan, so wie die Dinge liegen, wird mit antikommunistischer Rhetorik antreten müssen.

          Leser haben ein gutes Gedächtnis. Sie erinnern sich der Zeichen, unter denen die letzte Bundespräsidentenwahl stand. Damals ging es um die Sehnsucht nach einer Generalumkehr von Staat und Gesellschaft. Neoliberale Gesinnung, so erklärungsbedürftig der Begriff auch ist, hatte begonnen, Teile des Konservatismus zu ersetzen. Der Einzelne empfand nicht nur seine eigene strukturelle Unterlegenheit, sondern die des ganzen gesellschaftlichen Gefüges angesichts globalisierter Herausforderungen - und wenn er angesichts dieser Wucht verstummte, gaben ihm die Talkshows zu sagen, was er leidet. Das ganze Land, so lautete die Botschaft, hatte sich einer Welttendenz entgegengestellt.

          Seit der Bundestagswahl und der Krise an den Finanzmärkten ist vieles von dem, was damals galt, kompromittiert. Plötzlich wird die Gesellschaft eines Vakuums inne, in dem der überwunden geglaubte Marxismus wieder Fuß fasst. Der Bundespräsident, selbst ein Fachmann der Wirtschaft und Repräsentant des Reformeifers, beschloss dieses ganze Kapitel mit einer religiösen Mahnung: er erwarte ein "mea culpa".

          War bereits diese Wortwahl erstaunlich, so war es das vielbeschworene Bild des "Monsters" noch mehr. Die Finanzmärkte, so Köhler, hätten sich "zu einem Monster entwickelt, das in die Schranken gewiesen werden muss". Und: "Die Überkomplexität der Finanzprodukte . . . (habe) das Monster wachsen lassen." Als Leser interessiert uns hier nur das Monster. Das Wort ist nur relevant, weil es von einem Kenner der Materie benutzt wird. Kein Leser, der nicht weiß, welche Tiefen der kollektiven Seele hier angesprochen werden. Wenn etwas ohne Kopf auftaucht, so hat Peter Hacks sinngemäß vermerkt, beginnt eine neue Phase der Aufklärung. Zuerst sind es die kopflosen Ritter und Mönche, die als Gespenster durch die Gesellschaft spuken, später die Wissenschaftler mit ihren selbstgeschaffenen Monstern und Kreaturen. Jetzt sind es die Finanzmarktwissenschaftler und ihre Produkte. So hat es Mary Shelley in "Frankenstein", so hat Dürrenmatt in den "Physikern" die Verantwortung des Wissenschaftlers persifliert: am Ende bleibt nur das "mea culpa", es tut mir leid.

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