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: 140 Zeichen heiße Luft Weil es Obama vorgemacht hat, nutzen im Wahljahr auch erstaunlich viele deutsche Politiker den Internetdienst Twitter. Wenn Sie nur wüssten, wozu

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Schon jeder zehnte Bundestagsabgeordnete, glaubte im Februar eine Studie der Marktforschungsfirma Nielsen Media ermittelt zu haben, nutze den Microblogging-Dienst Twitter. Für die ihrerseits unschätzbar hohe Zahl all jener Menschen, ...

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          Schon jeder zehnte Bundestagsabgeordnete, glaubte im Februar eine Studie der Marktforschungsfirma Nielsen Media ermittelt zu haben, nutze den Microblogging-Dienst Twitter. Für die ihrerseits unschätzbar hohe Zahl all jener Menschen, die schon einmal etwas von dem neuen Internetdings gehört haben, dessen größeren Sinn und Zweck aber für rätselhaft halten, ist das eine erschreckend hohe Zahl.

          Tatsächlich ist es nicht ganz leicht zu erklären, warum bemerkenswert viele Politiker gerade versuchen herauszufinden, ob Kurznachrichten von 140 Zeilen Länge, die sogenannten Tweets, ein zeitgemäßes Format der politischen Kommunikation sind, und man muss sich nicht lange mit der Lektüre der sogenannten Tweets aufhalten, um zu dem Schluss zu kommen, dass ihnen selten ein herausragender literarischer Wert innewohnt; die Frage ist nur, ob daran Twitter schuld ist, die Politik - oder doch das hartnäckige Missverständnis, es käme bei der Sache auf die Qualität der Texte an. Es ist schon konsequent, wenn etwa die Internet-Seite Wahl.de die Twitter-Aktivität der Politiker vor allem quantitativ bemisst und wie bei einem Aktien-Portal täglich die größten "Mover" und "Shaker" ermittelt.

          Es mag schon sein, dass es von großem Unverständnis für das Medium zeugt, wenn die Politiker Twitter mit einem persönlichen SMS-Tagebuch verwechseln, statt es zur Organisation des Wahlkampfs zu nutzen. Man sollte jedoch die Möglichkeit nicht ausschließen, dass Twitter nicht in erster Linie zur Mobilisierung von Wählern erfunden wurde. Angesichts der überschaubaren "Follower", die den Nachrichtenstrom der einzelnen Politiker abonniert haben, überzeugt wohl jedes kartoffelgedruckte Flugblatt mehr Unentschlossene als das digitale Händeschütteln. Immerhin lassen sich längst nicht mehr alle twitternden Politiker von der weit verbreiteten Illusion leiten, das Instrument sei eine Art Wunderwaffe für den Wahlsieg Barack Obamas gewesen. Viel aufschlussreicher sind da die Grundzüge einer neuen Form der Eigenvermarktung, die sich an den selbstdarstellerischen Bemühungen ablesen lassen; und an deren Scheitern - irgendwo zwischen Transparenz und Travestie.

          Was folgt, ist ein kurzer Streifzug durch die Twitter-Biographien der beliebtesten und aktivsten deutschen Politiker.

          Hubertus Heil, SPD, 3014 Follower

          Der SPD-Generalsekretär gilt als Entdecker von Twitter unter den deutschen Politikern. Epochal waren seine Berichte vom Nominierungsparteitag der Demokraten in Denver im vergangenen August, von wo er seriöse Beobachter mit jugendlichem Jargon ("Der Kracher war die Rede von Michelle Obama") und versuchten Gesellschaftsreportagen schockierte ("Mdb muetze hat ein skateboard, mdb annen schuh gekauft"). Hat sich als Pate des Twitterwesens in der SPD mittlerweile aus dem aktiven Geschäft etwas zurückgezogen und überlebt schon wieder mehrere Tage, ohne einen Eintrag zu verfassen.

          Volker Beck, Bündnis 90/ Die Grünen, 2353 Follower

          Wird in der sogenannten Internetgemeinde allseits als sachverständigster Twitterer gelobt. Verzichtet völlig auf private Anekdoten und glaubt offensichtlich tatsächlich an den Dialog mit seinen Anhängern. Zuletzt versuchte er tagelang vergeblich, einen hartnäckigen Debattanten von seinen Einwänden gegen den Auftritt fragwürdiger "Homo-Umpoler" auf einem Psychiatriekongress zu überzeugen. Erfolgreicher war der Wettbewerb, mit dem er seine Twitter-Anhänger um Vorschläge für einen Namen für sein Blog bat, das nun den schönen Titel "Beckstage" trägt.

          Angela Merkel, CDU, ca. 3000 Follower

          Die Kanzlerin kann an guten Tagen mit Hubertus Heil mithalten, wenn man die Follower der drei Spaßvögel zusammenzählt, die sich für sie ausgeben. Welcher der drei Pseudo-Merkels dabei die geschmackloseren Witze einfallen, ist ebenfalls tagesformabhängig.

          Franz Müntefering, SPD, 2918 Follower

          Auch der twitternde Müntefering ist angeblich nicht echt, sondern ein PR-Agent aus Berlin. Doch anders als im Fall des heimtückischen Schäfer-Gümbel-Accounts (s. u.) der "Titanic" lässt sich das parodistische Motiv des Identitätsdiebs hier nur schwer erkennen. Sogar echte Genossen ignorieren den Betrug gelassen und folgen dem falschen Parteivorsitzenden, und wenn man davon ausgeht, dass es sowieso ein Zeichen von Prominenz ist, andere twittern zu lassen, könnte die SPD den unbekannten Trittbrettmünte auch bald mal autorisieren.

          Thorsten Schäfer-Gümbel, SPD, 2843 Follower

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