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FC Bayern : Münchner Transfer-Tuning

Sinnbild der Lebensfreude: Dante mit Bier, Brille und Papp-Schale Bild: dpa

Einkaufs-Volltreffer für den Champion-League-Sieg am Samstag? Martínez, Dante und Mandzukic kamen nicht als Stars. Aber sie haben die Bayern entscheidend vorangebracht.

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          Am ehrlichsten war - wie immer - der kaiserlich unbekümmerte Franz Beckenbauer. Als zu Beginn der Saison ein TV-Moderator den prominenten Studiogast um seine Einschätzung des Rekordzugangs des FC Bayern bat, des 40-Millionen-Euro-Mannes Javi Martínez, da sagte Beckenbauer auf gut Bairisch in entwaffnender Offenheit: „I muss sogn, i kenn den goar net!“

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Nicht nur ihm ging es so. Martínez war ein Fall für echte Kenner; einer, der auf den großen Bühnen des Fußballs zwar schon mal hospitiert, aber noch nicht brilliert hatte. 17 Minuten als Einwechselspieler reichten ihm, offiziell als Weltmeister 2010 zu gelten, 25 Minuten, um Europameister 2012 zu sein. An die Barça-Riege im Nationalteam kam er nicht heran. 40 Millionen für einen 1b-Star, das erforderte Mut. Trainer Jupp Heynckes versicherte Klub-Chef Karl-Heinz Rummenigge, Martínez sei genau der Spieler, der dem Team noch fehle.

          Neun Monate später darf sich Heynckes auch in dieser Sache als führender Fachmann bestätigt sehen - ein Jupp im Glück. Denn es gehört, bei aller Expertise, Glück dazu, mit einem Neuzugang einen Qualitätsgewinn für ein schon so starkes Team zu erzielen. Die Bayern haben den Gewinn gleich verdreifacht: mit Martínez, Dante und Mario Mandzukic. Drei Neue, von denen keiner als Star galt, allenfalls als mögliche Alternative zu Stars - und die sich in kurzer Zeit als Stützen des aktuell besten Teams in Europa erarbeitet haben.

          Achse der Neuen

          Der große Sprung der Bayern gegenüber der Vorsaison ist ihre defensive Qualität. Die Achse der drei Neuen steht für diese Stärke: Mandzukic, der defensiv fleißigste und geschickteste Mittelstürmer Europas, mit dessen laufintensiven Attacken das Pressing der Bayern beginnt; Martínez, der das Mittelfeld in einer Weise abdichtet, dass die Bayern in den 26 Ligaspielen des Spaniers bis zum Samstag kein einziges Gegentor aus dem offenen Spiel heraus kassierten; schließlich Dante, der auf Anhieb mit brasilianischer Bierruhe zum erstklassigen Abwehrchef wurde und am Montag die Meisterschale ins Klubmuseum überführen durfte.

          Kaiserlich-entwaffnende Offenheit im Fall Martinez: “I  muss sogen, I kenn den goar net.“
          Kaiserlich-entwaffnende Offenheit im Fall Martinez: “I muss sogen, I kenn den goar net.“ : Bild: dapd

          Während Borussia Dortmund seine Titel in den vergangenen beiden Jahren auch durch Neuzugänge gewann, die sich wie Kagawa, Lewandowski oder Gündogan in kurzer Zeit Richtung Weltklasse entwickelten, waren in dieser Saison die Transfer-Gewinne auf Seiten der Bayern. Dabei hatten die erst wie die Verlierer ausgesehen, weil sie im Kampf um Marco Reus gegen Dortmund den Kürzeren zogen. Stattdessen fanden sie drei, die die Mannschaft in allen drei Mannschaftsteilen verstärkt haben. Vielleicht auch in einem entscheidenden Körperteil: dem Kopf.

          Messlatte für die anderen

          Denn lange Zeit wirkte der Rekordmeister auch immer wie ein Refugium für die, die es geschafft haben und sich jetzt im gewohnten Erfolg gemütlich einrichten. Für den Sprung, den die Bayern im letzten Sommer nach zwei verpassten Meisterschaften und zwei Finalniederlagen machen mussten und wollten, war jedoch nicht nur eine taktische Weiterentwicklung nötig, auch ein Zuschuss an Willenskraft und Ehrgeiz. Er kam nicht zuletzt von Spielern wie Dante, Mandzukic und Martínez, für die der FC Bayern die größte Chance ihrer Karriere bedeutet.

          Mit ihrer Einsatzbereitschaft legten sie die Messlatte für die anderen. Auf die Frage nach dem Unterschied zum letzten Jahr pries Thomas Müller zuletzt die „guten Neuverpflichtungen“ und fand: „Vielleicht ist bei den Offensivspielern was im Kopf passiert“ - es sei da nun „eine Laufbereitschaft, die nicht alltäglich ist“.

          Große Entschlossenheit: Mario Mandzukic hat Mario Gomez verdrängt
          Große Entschlossenheit: Mario Mandzukic hat Mario Gomez verdrängt : Bild: dapd

          Die Neuen haben sie sich von klein auf zäh nach oben gearbeitet. Vor allem Dante mit seiner „schweren Kindheit“, wie er es beschreibt. Aufgewachsen in einer armen Großfamilie in Salvador de Bahia, schlug er sich ohne Sprachkenntnisse in Nordfrankreich durch, dann in Belgien, wo ihm der Meistertitel mit Standard Lüttich die Tür in die Bundesliga öffnete. Doch obwohl er in Mönchengladbach zum Publikumsliebling wurde, hätten die Bayern einen wie ihn wohl kaum ohne die Ausstiegsklausel von 4,7 Millionen Euro geholt - ein Schnäppchenpreis für einen stabilen Innenverteidiger für alle Fälle.

          Große Entschlossenheit

          Eine sorgenvolle Kindheit hatte auch Mandzukic, der auf der Flucht vor dem Bosnien-Krieg vier Jahre im schwäbischen Ditzingen zur Schule ging und die Rückkehr nach Kroatien als schwere Prüfung empfand. Nach drei Meistertiteln mit Dinamo Zagreb kam er zum VfL Wolfsburg, den er 2011 mit acht Toren in den letzten sieben Spielen vor dem Abstieg rettete, ohne als gleichwertiger Ersatz für einen Dzeko oder Grafite anerkannt zu werden. Trotz seiner guten EM 2012 mit Kroatien galt er deshalb nicht als die zwingendste Lösung gegen die Abhängigkeit von Mario Gomez, als Bayern ihn anstelle des zu teuren Dzeko für 13 Millionen Euro holte. Wie Dante nutzte er die unverhoffte Karrierechance Bayern von Beginn an mit großer Entschlossenheit - und verdrängte Gomez.

          Sogar Martínez, der eine eher behütete Kindheit erlebte, in der die einzige Gefahr die pubertäre Jagd mit den Jungbullen durch die Straßen Pamplonas war, brauchte einen Durchbruch in seiner schon verheißungsvollen Karriere - und fand ihn, verschmäht in Madrid und Barcelona, in München. Als der Prominenteste all jener spanischen Arbeitsmigranten, die nach Deutschland gingen, um einen angemessenen Job zu finden, ist er in dieser Woche die letzte Hoffnung der wankenden Fußballmacht Spanien, wenigstens noch einen Champions-League-Sieger zu besitzen; und sei es einer im bayrischen Trikot.

          Und sogar Franz Beckenbauer, der Martínez vor neun Monaten noch nicht kannte, weiß, wie sehr von manchen Zufällen spätere Karrieren abhängen können. Als Dreizehnjähriger stand er vor dem Wechsel vom SC 1906 München zum TSV 1860. Dann bekam er eine Watschn von einem Sechziger. Und ging lieber zu den Bayern - der erste von vielen Glücks-Transfers auf dem Weg nach Wembley.

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