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: Es gibt sie doch, die gute Radioaktivität

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Einige haben Stöpsel im Ohr, andere lesen ein Buch, wieder andere dösen einfach nur. Knapp zwanzig Erwachsene im mehr oder weniger fortgeschrittenen Alter ...

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          Einige haben Stöpsel im Ohr, andere lesen ein Buch, wieder andere dösen einfach nur. Knapp zwanzig Erwachsene im mehr oder weniger fortgeschrittenen Alter haben es sich auf Liegestühlen mit weißen Polstern bequem gemacht. Hinter ihnen und über ihnen natürlicher Fels, zum Teil von Folie verdeckt. Die Liegenden befinden sich im Rudolfstollen des Bad Kreuznacher Kauzenbergs. Die Luft, die sie einatmen, ist radioaktiv. In jedem Liter zerfallen pro Sekunde bis zu hundert Atome des Nuklids Radon-222 in energiereiche Alphateilchen und ebenfalls radioaktives Polonium-218. Das klingt nicht gesund. Doch genau wegen dieser zerfallenden Radon-Atome sind die Menschen hier. Die meisten von ihnen haben ein Rheumaleiden, viele Morbus Bechterew.

          Auch Angelika Krziwon leidet unter dieser schmerzhaften Entzündung der Wirbelgelenke. „Es sind tiefsitzende, starke Kreuzschmerzen - man kann kaum liegen, nicht lange sitzen und auch nicht lange stehen“, beschreibt es die Frau aus Marl im Ruhrgebiet, bei der die Bechterewsche Krankheit 1991 diagnostiziert worden war. Wie viele Betroffene greift auch sie häufig zu Schmerzmitteln, in der Regel Voltaren. Allerdings versuche sie, „sich durchzubeißen und so wenige Tabletten wie möglich zu nehmen“. Der regelmäßige Aufenthalt in Kreuznach helfe ihr dabei. 1992 bekam sie ihre erste Kur bewilligt, und die führte sie direkt an die Stadt an der Nahe. Seither kommt sie - mit einer Unterbrechung - jedes Jahr.

          Über zweihundertmal war sie schon im Rudolfstollen, in dem sie auch jetzt entspannt liegt. Mit jedem Atemzug gelangt Radioaktivität über ihre Lunge in die Blutbahn. Zwar setze die schmerzlindernde Wirkung in der Regel erst einige Wochen nach der Kur ein. „Doch dann brauche ich rund sechs Monate lang deutlich weniger Schmerzmittel“, sagt Krziwon. Eine Stunde dauert die Anwendung. Dann erheben sich alle langsam und streben durch einen schmalen Gang ins Freie. Nicht alle so aufrecht wie die 59-Jährige.

          Jedes Jahr kommen rund tausend Menschen aus ähnlichen Gründen wie die Marlerin nach Bad Kreuznach. Die Weinstadt ist einer von acht Kurorten in Deutschland, die Radon-Kuren anbieten. Er ist dabei der dienstälteste. Gerade vor einem Jahr feierte man den Beginn der Inhalationstherapie im Jahr 1912. In den meisten anderen Radon-Heilbädern nehmen die Patienten Wannenbäder in radonhaltigem Quellwasser. Das Radon gelangt dabei vor allem über die Haut in den Körper.

          So auch in Bad Schlema im Erzgebirge. Zu DDR-Zeiten baute man dort Uran für die Nuklearindustrie der Sowjetunion ab. Nach der Wende besann man sich auf die wirtschaftliche Nutzung eines Folgeprodukts des Uran-Zerfalls, ebendes gasförmigen Radons-222. Damit knüpfte der Ort an die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg an, als das damalige „Radiumbad Oberschlema“ bis zu 17 000 Kurgäste im Jahr anlockte.

          In Bad Schlema hat auch Euradon seinen Hauptsitz, der Dachverband der europäischen Radon-Bäder. Als mögliche Fälle für eine Radon-Behandlung nennt der Verband neben Rheumaleiden Erkrankungen der Atemwege wie Asthma oder chronische Bronchitis sowie Hautkrankheiten, etwa Schuppenflechte. Euradon führt eine Reihe kleinerer Studien an, welche die Wirksamkeit der RadonKur gegenüber Vergleichsgruppen aufgezeigt hätten. Zu den Effekten zählen dabei vor allem die auch von Angelika Krziwon bestätigte Schmerzlinderung und die damit einhergehende Absenkung der Schmerzmitteldosierung. Und offenbar verhilft die Kur Rheumakranken zu einer besseren Beweglichkeit.

          “Stoffwechsel, Immunsystem und Nervensystem werden positiv beeinflusst. Die Reparaturkapazität der Zellen wird verbessert, die Hormonproduktion angeregt.“ So heißt es in einem Flyer des Crucenia Gesundheitszentrums Bad Kreuznach zu den Wirkungen sogenannter „niedrig dosierter Strahlung“. Dennoch sind die genauen Mechanismen der therapeutischen Wirkung nur teilweise geklärt. Als ziemlich gesichert gilt zumindest, dass die vom Radon und auch von dessen Folgeprodukten freigesetzte Alphastrahlung in den getroffenen Zellen eine Apoptose auslöst. Dieser programmierte Zelltod geht mit einem Anstieg entzündungshemmender Botenstoffe einher. Tatsächlich haben österreichische Forscher im Serum radonbehandelter Morbus-Bechterew-Patienten erhöhte Mengen des Signalstoffs TGF- (Transforming Growth Factor beta) nachgewiesen. Warum die Umstimmung des Immunsystems offenbar über Monate anhält, ist aber noch Gegenstand der Forschung. Eine Rolle könnte die Lebensdauer sogenannter Gedächtniszellen spielen. Die genaue biologische Wirkung niedrig dosierter Alphastrahlen will derzeit unter anderem das Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung in Darmstadt klären. Das Anfang 2012 gestartete, auf mehr als drei Jahre angelegte Projekt soll auch helfen, etwaige gesundheitliche Risiken einer Radon-Behandlung besser abschätzen zu können.

          Denn ganz grundsätzlich gilt Radon als krebserregend. Das zeigen etwa Befunde an Mitarbeitern im Uranbergbau, wo Radon als Zerfallsprodukt des Urans vorkommt. In geringeren Mengen tritt das Edelgas auch in Wohnräumen auf, da es, je nach geologischen Bedingungen, an vielen Stellen aus dem Boden entweicht.

          Vor drei Jahren hatten Erlanger Mediziner im Deutschen Ärzteblatt vorgerechnet, dass fünf Prozent aller lungenkrebsbedingten Todesfälle in Deutschland auf Radon zurückgehen. Demnach stürben hierzulande jährlich knapp zweitausend Menschen an den Folgen des radioaktiven Edelgases. Radon wäre somit für alle Menschen ohne sonstige etwa beruflich bedingte Lungenkrebsrisiken die nach dem Rauchen zweithäufigste Ursache für einen Tod durch Lungenkrebs.

          Die Erlanger bezogen sich bei ihren Berechnungen auf die 2004 im British Journal of Medicine publizierte sogenannte Europäische Radon-Studie. Diese hatte Daten aus neun Ländern zusammengetragen und dabei versucht, Krebshäufigkeiten mit Radon-Konzentrationen in Wohnräumen in Zusammenhang zu bringen. Bei der Auswertung war eine lineare Dosis-Wirkungs-Beziehung ohne Schwellenwert zugrunde gelegt worden, unter Fachleuten auch LNT-Modell genannt (linear no threshold). Gemäß diesem Prinzip stiege das Krebsrisiko auch bei noch so kleinen Strahlendosen proportional zur Dosis.

          Genau dies ist in der Fachwelt aber umstritten. „Das LNT-Modell ist kein Naturgesetz, sondern lediglich eine Annahme“, betont etwa der Göttinger Biophysiker Dietrich Harder. Der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Strahlenschutzkommission erklärt, „dass diese Annahme aus Vorsorgegründen so lange gerechtfertigt ist, bis die wahre Dosis- Wirkungs-Beziehung erforscht ist“. Daran arbeitet unter anderem ein groß angelegtes europäisches Forschungsprojekt namens „Multidisciplinary European Low Dose Initiative“ (Melodi). Harder sieht in der Europäischen Radon-Studie keinen Widerspruch zu der Annahme eine Schwellenwertes. Auch wenn sie ihn nicht zugrunde lege, ließen sich die Daten der Studie mathematisch mit einem Schwellenwert fassen.

          Solange eine wissenschaftliche Widerlegung des LNT-Zusammenhangs aussteht, beurteilen die Experten des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) die Radon-Therapien zurückhaltend. „Aus Gründen des Strahlenschutzes gehen wir weiterhin vorsichtshalber von einer linearen Dosis-Wirkungs-Beziehung ohne jeglichen Schwellenwert aus“, sagt Cornelia Egblomassé-Roidl vom BfS und warnt: „Wie jede Radon-Exposition ist auch die Radon-Therapie grundsätzlich mit einem zusätzlichen Lungenkrebsrisiko verbunden.“ Die mit einer Radon-Kur einhergehende Strahlendosis für den Körper liegt, je nach Kurort, zwischen 0,5 und zwei Millisievert. Das ist weniger als die gesamte natürliche Strahlenexposition von 2,1 Millisievert, der ein Bundesbürger im Schnitt pro Jahr ausgesetzt ist und die etwa zur Hälfte vom Radon in der Wohnraumluft herrührt. „Selbst wenn man von einer linearen Dosis-Wirkungs-Beziehung ohne Schwelle ausgeht, trägt diese Größenordnung zum gesamten Lungenkrebsrisiko nur unbedeutend bei“, sagt der Biophysiker Harder.

          Manche Strahlenbiologen glauben, dass niedrige Strahlendosen sogar die Krebsabwehr stimulieren könnten, etwa durch eine beflügelte Reparatur etwaiger DNA-Schäden. Dass es überhaupt körpereigene Reparaturmechanismen für Brüche im Erbgutmolekül gibt, wertet der Internist Hans Jöckel bereits als Argument für einen Schwellenwert. „Wenn es Reparaturmechanismen gibt, dann muss es auch einen Schwellenwert geben“, sagt Jöckel.

          Der Bad Kreuznacher Badearzt ist in Deutschland so etwas wie der Nestor der Radon-Therapie. Seit 1959 praktiziert er an der Nahe; seit 1998 leitet er den dortigen Radon-Stollen. Der inzwischen 82-Jährige siedelt die Zahl der von ihm mit Radon-Strahlung behandelten Patienten im fünfstelligen Bereich an. Einige davon habe er über eine lange Zeit begleitet, da sie sich der Behandlung regelmäßig unterzogen hätten, zum Teil mehr als zwanzigmal. „Ich habe in meiner fünfzigjährigen Tätigkeit in Kreuznach keinen Fall gesehen, wo auf die Radon-Behandlung hin irgendwelche Nebenwirkungen aufgetreten sind“, sagt Jöckel.

          Angelika Krziwon jedenfalls hat keine Angst vor der Radioaktivität. „Ich bin umfassend über die Größenordnung der Strahlendosis aufgeklärt worden“, sagt sie. „Seither weiß ich, dass auch jeder Urlaub im Hochgebirge mit einer Strahlenexposition verbunden ist.“ Und sie verweist auf die Schmerzmittel mit ihren unvermeidlichen Nebenwirkungen, die sie einspart. Bei ihr ist aber noch etwas anderes hinzugekommen. Schon vor ihrer Bechterew-Diagnose hatte die Patientin permanent Probleme mit den Nasennebenhöhlen. „Allergisch bedingte Polypen im Nasensiebbein-Bereich“, sagt Krziwon. Achtmal in zwanzig Jahren sei sie deswegen operiert worden. Seit ihren Kuren in Bad Kreuznach sei das vorbei. Mit einer Ausnahme: Das war in jener Zeit, als sie die Radon-Kur einmal für drei Jahre aussetzen musste.

          Und wer bezahlt? Es ist nicht ganz einfach, eine Radon-Behandlung verschrieben zu bekommen. Niedergelassene Ärzte können nicht einfach Radon auf den Rezeptschein schreiben. Üblicherweise werden allgemein Kuren verordnet, und die Badeärzte an den jeweiligen Kurorten können dann zu einer Radon-Behandlung raten. Bei diesem Weg zahlt in der Regel die Krankenkasse. Privatversicherten wird die Radon-Kur eventuell direkt erstattet. Ansonsten bleibt nur die Möglichkeit, die Behandlung aus eigener Tasche zu zahlen. Eine Stunde im Kreuznacher Stollen etwa kostet 21 Euro, neun bis zwölf Aufenthalte werden für einen Zyklus empfohlen. Ähnlich verhält es sich bei den Wannenbädern. Im sächsischen Bad Schlema beispielsweise kostet die zwanzigminütige Behandlung den Privatzahler ebenfalls 21 Euro. Karl Hübner Radon: edel und heimtückisch Im Jahre 1495 berichtet der Humanist Paul Schneevogel, genannt Niavis, eine „gefährliche Luft aus den Tiefen der Erde“ würde bei Bergleuten in den Silberminen Böhmens und Sachsens Lungenleiden auslösen. Als Krebs wurde die Krankheit 1879 erkannt, und erst 1900 entdeckte man den Stoff, der vor allem dafür verantwortlich ist: Radon, das schwerste der sechs Edelgase und das einzige, das nur instabile Isotope besitzt. Insgesamt 39 davon sind heute bekannt, vier kommen in der Natur als Zerfallsprodukte der Elemente Uran oder Thorium vor. Unter ihnen hat Radon-222 mit 3,8 Tagen die längste Halbwertszeit und stellt somit das Hauptproblem dar. Durch seine edle Gasnatur ist Radon sehr viel mobiler als alle anderen natürlichen Radionuklide und damit auch gefährlicher. Da viele Baumaterialien - und keineswegs nur moderne - Uranspuren enthalten, geht etwa die Hälfte der natürlichen Strahlenbelastung der Deutschen auf das schwere Gas zurück, das im Reinzustand achtmal dichter als Luft wäre und sich daher in Tiefgeschossen ansammeln kann. Zwar sendet Radon-222 beim Zerfall zumeist nur Alphateilchen aus, die sich schon durch ein Blatt Papier abschirmen lassen. Geschieht das aber in der Lunge, kann das trotzdem Schaden anrichten, zumal auch der Tochterkern Polonium-218 ein Alphastrahler ist und die anschließende Zerfallskette noch elf weitere Radionuklide umfasst. UvR Die Strahlendosen sind klein. Aber kein Mensch weiß, ob sie nicht doch das Krebsrisiko steigern. Bei Nebenhöhlenproblemen soll Radon ebenfalls helfen - wenn die Evidenz nur nicht so anekdotisch wäre.

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