https://www.faz.net/-gmg-76zm8

: Es gibt sie doch, die gute Radioaktivität

  • Aktualisiert am

Einige haben Stöpsel im Ohr, andere lesen ein Buch, wieder andere dösen einfach nur. Knapp zwanzig Erwachsene im mehr oder weniger fortgeschrittenen Alter ...

          Einige haben Stöpsel im Ohr, andere lesen ein Buch, wieder andere dösen einfach nur. Knapp zwanzig Erwachsene im mehr oder weniger fortgeschrittenen Alter haben es sich auf Liegestühlen mit weißen Polstern bequem gemacht. Hinter ihnen und über ihnen natürlicher Fels, zum Teil von Folie verdeckt. Die Liegenden befinden sich im Rudolfstollen des Bad Kreuznacher Kauzenbergs. Die Luft, die sie einatmen, ist radioaktiv. In jedem Liter zerfallen pro Sekunde bis zu hundert Atome des Nuklids Radon-222 in energiereiche Alphateilchen und ebenfalls radioaktives Polonium-218. Das klingt nicht gesund. Doch genau wegen dieser zerfallenden Radon-Atome sind die Menschen hier. Die meisten von ihnen haben ein Rheumaleiden, viele Morbus Bechterew.

          Auch Angelika Krziwon leidet unter dieser schmerzhaften Entzündung der Wirbelgelenke. „Es sind tiefsitzende, starke Kreuzschmerzen - man kann kaum liegen, nicht lange sitzen und auch nicht lange stehen“, beschreibt es die Frau aus Marl im Ruhrgebiet, bei der die Bechterewsche Krankheit 1991 diagnostiziert worden war. Wie viele Betroffene greift auch sie häufig zu Schmerzmitteln, in der Regel Voltaren. Allerdings versuche sie, „sich durchzubeißen und so wenige Tabletten wie möglich zu nehmen“. Der regelmäßige Aufenthalt in Kreuznach helfe ihr dabei. 1992 bekam sie ihre erste Kur bewilligt, und die führte sie direkt an die Stadt an der Nahe. Seither kommt sie - mit einer Unterbrechung - jedes Jahr.

          Über zweihundertmal war sie schon im Rudolfstollen, in dem sie auch jetzt entspannt liegt. Mit jedem Atemzug gelangt Radioaktivität über ihre Lunge in die Blutbahn. Zwar setze die schmerzlindernde Wirkung in der Regel erst einige Wochen nach der Kur ein. „Doch dann brauche ich rund sechs Monate lang deutlich weniger Schmerzmittel“, sagt Krziwon. Eine Stunde dauert die Anwendung. Dann erheben sich alle langsam und streben durch einen schmalen Gang ins Freie. Nicht alle so aufrecht wie die 59-Jährige.

          Jedes Jahr kommen rund tausend Menschen aus ähnlichen Gründen wie die Marlerin nach Bad Kreuznach. Die Weinstadt ist einer von acht Kurorten in Deutschland, die Radon-Kuren anbieten. Er ist dabei der dienstälteste. Gerade vor einem Jahr feierte man den Beginn der Inhalationstherapie im Jahr 1912. In den meisten anderen Radon-Heilbädern nehmen die Patienten Wannenbäder in radonhaltigem Quellwasser. Das Radon gelangt dabei vor allem über die Haut in den Körper.

          So auch in Bad Schlema im Erzgebirge. Zu DDR-Zeiten baute man dort Uran für die Nuklearindustrie der Sowjetunion ab. Nach der Wende besann man sich auf die wirtschaftliche Nutzung eines Folgeprodukts des Uran-Zerfalls, ebendes gasförmigen Radons-222. Damit knüpfte der Ort an die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg an, als das damalige „Radiumbad Oberschlema“ bis zu 17 000 Kurgäste im Jahr anlockte.

          In Bad Schlema hat auch Euradon seinen Hauptsitz, der Dachverband der europäischen Radon-Bäder. Als mögliche Fälle für eine Radon-Behandlung nennt der Verband neben Rheumaleiden Erkrankungen der Atemwege wie Asthma oder chronische Bronchitis sowie Hautkrankheiten, etwa Schuppenflechte. Euradon führt eine Reihe kleinerer Studien an, welche die Wirksamkeit der RadonKur gegenüber Vergleichsgruppen aufgezeigt hätten. Zu den Effekten zählen dabei vor allem die auch von Angelika Krziwon bestätigte Schmerzlinderung und die damit einhergehende Absenkung der Schmerzmitteldosierung. Und offenbar verhilft die Kur Rheumakranken zu einer besseren Beweglichkeit.

          Topmeldungen