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: Es gibt sie doch, die gute Radioaktivität

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Solange eine wissenschaftliche Widerlegung des LNT-Zusammenhangs aussteht, beurteilen die Experten des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) die Radon-Therapien zurückhaltend. „Aus Gründen des Strahlenschutzes gehen wir weiterhin vorsichtshalber von einer linearen Dosis-Wirkungs-Beziehung ohne jeglichen Schwellenwert aus“, sagt Cornelia Egblomassé-Roidl vom BfS und warnt: „Wie jede Radon-Exposition ist auch die Radon-Therapie grundsätzlich mit einem zusätzlichen Lungenkrebsrisiko verbunden.“ Die mit einer Radon-Kur einhergehende Strahlendosis für den Körper liegt, je nach Kurort, zwischen 0,5 und zwei Millisievert. Das ist weniger als die gesamte natürliche Strahlenexposition von 2,1 Millisievert, der ein Bundesbürger im Schnitt pro Jahr ausgesetzt ist und die etwa zur Hälfte vom Radon in der Wohnraumluft herrührt. „Selbst wenn man von einer linearen Dosis-Wirkungs-Beziehung ohne Schwelle ausgeht, trägt diese Größenordnung zum gesamten Lungenkrebsrisiko nur unbedeutend bei“, sagt der Biophysiker Harder.

Manche Strahlenbiologen glauben, dass niedrige Strahlendosen sogar die Krebsabwehr stimulieren könnten, etwa durch eine beflügelte Reparatur etwaiger DNA-Schäden. Dass es überhaupt körpereigene Reparaturmechanismen für Brüche im Erbgutmolekül gibt, wertet der Internist Hans Jöckel bereits als Argument für einen Schwellenwert. „Wenn es Reparaturmechanismen gibt, dann muss es auch einen Schwellenwert geben“, sagt Jöckel.

Der Bad Kreuznacher Badearzt ist in Deutschland so etwas wie der Nestor der Radon-Therapie. Seit 1959 praktiziert er an der Nahe; seit 1998 leitet er den dortigen Radon-Stollen. Der inzwischen 82-Jährige siedelt die Zahl der von ihm mit Radon-Strahlung behandelten Patienten im fünfstelligen Bereich an. Einige davon habe er über eine lange Zeit begleitet, da sie sich der Behandlung regelmäßig unterzogen hätten, zum Teil mehr als zwanzigmal. „Ich habe in meiner fünfzigjährigen Tätigkeit in Kreuznach keinen Fall gesehen, wo auf die Radon-Behandlung hin irgendwelche Nebenwirkungen aufgetreten sind“, sagt Jöckel.

Angelika Krziwon jedenfalls hat keine Angst vor der Radioaktivität. „Ich bin umfassend über die Größenordnung der Strahlendosis aufgeklärt worden“, sagt sie. „Seither weiß ich, dass auch jeder Urlaub im Hochgebirge mit einer Strahlenexposition verbunden ist.“ Und sie verweist auf die Schmerzmittel mit ihren unvermeidlichen Nebenwirkungen, die sie einspart. Bei ihr ist aber noch etwas anderes hinzugekommen. Schon vor ihrer Bechterew-Diagnose hatte die Patientin permanent Probleme mit den Nasennebenhöhlen. „Allergisch bedingte Polypen im Nasensiebbein-Bereich“, sagt Krziwon. Achtmal in zwanzig Jahren sei sie deswegen operiert worden. Seit ihren Kuren in Bad Kreuznach sei das vorbei. Mit einer Ausnahme: Das war in jener Zeit, als sie die Radon-Kur einmal für drei Jahre aussetzen musste.

Und wer bezahlt? Es ist nicht ganz einfach, eine Radon-Behandlung verschrieben zu bekommen. Niedergelassene Ärzte können nicht einfach Radon auf den Rezeptschein schreiben. Üblicherweise werden allgemein Kuren verordnet, und die Badeärzte an den jeweiligen Kurorten können dann zu einer Radon-Behandlung raten. Bei diesem Weg zahlt in der Regel die Krankenkasse. Privatversicherten wird die Radon-Kur eventuell direkt erstattet. Ansonsten bleibt nur die Möglichkeit, die Behandlung aus eigener Tasche zu zahlen. Eine Stunde im Kreuznacher Stollen etwa kostet 21 Euro, neun bis zwölf Aufenthalte werden für einen Zyklus empfohlen. Ähnlich verhält es sich bei den Wannenbädern. Im sächsischen Bad Schlema beispielsweise kostet die zwanzigminütige Behandlung den Privatzahler ebenfalls 21 Euro. Karl Hübner Radon: edel und heimtückisch Im Jahre 1495 berichtet der Humanist Paul Schneevogel, genannt Niavis, eine „gefährliche Luft aus den Tiefen der Erde“ würde bei Bergleuten in den Silberminen Böhmens und Sachsens Lungenleiden auslösen. Als Krebs wurde die Krankheit 1879 erkannt, und erst 1900 entdeckte man den Stoff, der vor allem dafür verantwortlich ist: Radon, das schwerste der sechs Edelgase und das einzige, das nur instabile Isotope besitzt. Insgesamt 39 davon sind heute bekannt, vier kommen in der Natur als Zerfallsprodukte der Elemente Uran oder Thorium vor. Unter ihnen hat Radon-222 mit 3,8 Tagen die längste Halbwertszeit und stellt somit das Hauptproblem dar. Durch seine edle Gasnatur ist Radon sehr viel mobiler als alle anderen natürlichen Radionuklide und damit auch gefährlicher. Da viele Baumaterialien - und keineswegs nur moderne - Uranspuren enthalten, geht etwa die Hälfte der natürlichen Strahlenbelastung der Deutschen auf das schwere Gas zurück, das im Reinzustand achtmal dichter als Luft wäre und sich daher in Tiefgeschossen ansammeln kann. Zwar sendet Radon-222 beim Zerfall zumeist nur Alphateilchen aus, die sich schon durch ein Blatt Papier abschirmen lassen. Geschieht das aber in der Lunge, kann das trotzdem Schaden anrichten, zumal auch der Tochterkern Polonium-218 ein Alphastrahler ist und die anschließende Zerfallskette noch elf weitere Radionuklide umfasst. UvR Die Strahlendosen sind klein. Aber kein Mensch weiß, ob sie nicht doch das Krebsrisiko steigern. Bei Nebenhöhlenproblemen soll Radon ebenfalls helfen - wenn die Evidenz nur nicht so anekdotisch wäre.

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