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: Es gibt sie doch, die gute Radioaktivität

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“Stoffwechsel, Immunsystem und Nervensystem werden positiv beeinflusst. Die Reparaturkapazität der Zellen wird verbessert, die Hormonproduktion angeregt.“ So heißt es in einem Flyer des Crucenia Gesundheitszentrums Bad Kreuznach zu den Wirkungen sogenannter „niedrig dosierter Strahlung“. Dennoch sind die genauen Mechanismen der therapeutischen Wirkung nur teilweise geklärt. Als ziemlich gesichert gilt zumindest, dass die vom Radon und auch von dessen Folgeprodukten freigesetzte Alphastrahlung in den getroffenen Zellen eine Apoptose auslöst. Dieser programmierte Zelltod geht mit einem Anstieg entzündungshemmender Botenstoffe einher. Tatsächlich haben österreichische Forscher im Serum radonbehandelter Morbus-Bechterew-Patienten erhöhte Mengen des Signalstoffs TGF- (Transforming Growth Factor beta) nachgewiesen. Warum die Umstimmung des Immunsystems offenbar über Monate anhält, ist aber noch Gegenstand der Forschung. Eine Rolle könnte die Lebensdauer sogenannter Gedächtniszellen spielen. Die genaue biologische Wirkung niedrig dosierter Alphastrahlen will derzeit unter anderem das Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung in Darmstadt klären. Das Anfang 2012 gestartete, auf mehr als drei Jahre angelegte Projekt soll auch helfen, etwaige gesundheitliche Risiken einer Radon-Behandlung besser abschätzen zu können.

Denn ganz grundsätzlich gilt Radon als krebserregend. Das zeigen etwa Befunde an Mitarbeitern im Uranbergbau, wo Radon als Zerfallsprodukt des Urans vorkommt. In geringeren Mengen tritt das Edelgas auch in Wohnräumen auf, da es, je nach geologischen Bedingungen, an vielen Stellen aus dem Boden entweicht.

Vor drei Jahren hatten Erlanger Mediziner im Deutschen Ärzteblatt vorgerechnet, dass fünf Prozent aller lungenkrebsbedingten Todesfälle in Deutschland auf Radon zurückgehen. Demnach stürben hierzulande jährlich knapp zweitausend Menschen an den Folgen des radioaktiven Edelgases. Radon wäre somit für alle Menschen ohne sonstige etwa beruflich bedingte Lungenkrebsrisiken die nach dem Rauchen zweithäufigste Ursache für einen Tod durch Lungenkrebs.

Die Erlanger bezogen sich bei ihren Berechnungen auf die 2004 im British Journal of Medicine publizierte sogenannte Europäische Radon-Studie. Diese hatte Daten aus neun Ländern zusammengetragen und dabei versucht, Krebshäufigkeiten mit Radon-Konzentrationen in Wohnräumen in Zusammenhang zu bringen. Bei der Auswertung war eine lineare Dosis-Wirkungs-Beziehung ohne Schwellenwert zugrunde gelegt worden, unter Fachleuten auch LNT-Modell genannt (linear no threshold). Gemäß diesem Prinzip stiege das Krebsrisiko auch bei noch so kleinen Strahlendosen proportional zur Dosis.

Genau dies ist in der Fachwelt aber umstritten. „Das LNT-Modell ist kein Naturgesetz, sondern lediglich eine Annahme“, betont etwa der Göttinger Biophysiker Dietrich Harder. Der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Strahlenschutzkommission erklärt, „dass diese Annahme aus Vorsorgegründen so lange gerechtfertigt ist, bis die wahre Dosis- Wirkungs-Beziehung erforscht ist“. Daran arbeitet unter anderem ein groß angelegtes europäisches Forschungsprojekt namens „Multidisciplinary European Low Dose Initiative“ (Melodi). Harder sieht in der Europäischen Radon-Studie keinen Widerspruch zu der Annahme eine Schwellenwertes. Auch wenn sie ihn nicht zugrunde lege, ließen sich die Daten der Studie mathematisch mit einem Schwellenwert fassen.

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