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Erklär mir die Welt (29) : Warum gibt es Schwarzarbeit?

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Schwarzarbeit funktioniert, weil Handwerker und Kunde profitieren. Sie schenken sich Steuern und Abgaben. Nur der Staat geht leer aus.

          Jans Rechnung ist einfach. Er hat einen Golf, zehn Jahre alt, der ständig kaputtgeht. Mal reißt der Zahnriemen, mal streikt die Servolenkung. Das wäre teuer, gäbe es da nicht Daniel, einen Automechaniker, der im gleichen Dorf im Sauerland wohnt. Bei ihm kosten Reparaturen nur die Hälfte. Dafür zahlt Jan bar auf die Hand. „Freundschaftsdienst“ nennen das Jan und Daniel. In Wirklichkeit arbeitet Daniel schwarz, denn für einen Freundschaftsdienst müßten die beiden befreundet sein. Außerdem bekommt er genug Geld, um daraus einen Gewinn zu erzielen.

          Schwarzarbeit funktioniert so prima, weil beide Seiten gewinnen. Jan bekommt seine Reparaturen günstiger, Daniel muß keine Steuern und Sozialabgaben zahlen. Außerdem sichert die Schwarzarbeit Daniels Werkstatt. Weil er billiger ist, gewinnt er Kunden, die sonst vielleicht zur Werkstatt ins nächste Dorf fahren würden.

          Mehrwertsteuer, Rentenbeiträge, Gewerbesteuer, Einkommensteuer: Arbeit ist teuer in Deutschland, weil wir den Sozialstaat mitbezahlen. Das Ifo-Institut hat kürzlich errechnet, daß von der Wertschöpfung jeder zusätzlichen legal verrichteten Arbeitsstunde heute zwei Drittel an den Staat gehen. Nur ein Drittel bleibt bei dem, der die Arbeit leistet. Kein Wunder, daß Daniel lieber schwarzarbeitet.

          Vorteil auf Kosten aller anderen

          Doch wenn zwei sich freuen, ärgert sich der Dritte, in diesem Fall der Staat. Ihm entgeht Geld, mit dem er gerne Haushaltslöcher stopfen würde. 15 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) sollen mittlerweile auf die Schattenwirtschaft entfallen: 345 Milliarden Euro im Jahr 2006, wie Friedrich Schneider, Volkswirtschaftsprofessor in Linz, errechnet hat. Für ihn ist die Schattenwirtschaft ein „Massenphänomen zwischen Konstanz und Flensburg, zwischen dem Bodensee und dem Neusiedler See“.

          Wenn am Montag die Mehrwertsteuer auf 19 Prozent steigt, werden noch mehr Menschen unterderhand arbeiten. Die meisten Deutschen finden das allerdings nicht verwerflich. Nur 20 Prozent lehnen Schwarzarbeit grundsätzlich ab, hat das Allensbach-Institut ermittelt. Den simplen Diebstahl halten dagegen 70 Prozent der Deutschen für „unter keinen Umständen in Ordnung“.

          Dabei verschaffen sich Schwarzarbeiter einen Vorteil auf Kosten aller anderen. Damit ist der Schwarzarbeiter der wahre Homo oeconomicus, der ökonomische Mensch. Nach der volkswirtschaftlichen Theorie strebt der Mensch nämlich nur danach, seinen eigenen Nutzen zu maximieren. Wie es seinen Mitmenschen geht, interessiert ihn nicht. Der individuelle Nutzen steigt zum Beispiel, wenn man mehr Geld bei gleicher Arbeitszeit hat, so wie der Automechaniker Daniel. Er steigt aber auch, wenn man für das gleiche Geld mehr konsumieren kann, so wie Daniels Kunde Jan.

          „Trittbrettfahrer“

          Die klassischen Wirtschaftstheoretiker glauben: Der Eigennutz führt dazu, daß es allen bessergeht, solange der Staat einen Schutz gegen Unterdrückung und Enteignung bietet. Adam Smith hat das so formuliert: „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, daß sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen.“

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