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: Die Tricks der Transplanteure

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Die erste Reaktion auf den Skandal in Göttingen war ebenso schlicht wie voraussehbar: Ein Einzelfall natürlich, sagte Hans Lilie, Vorsitzender der Ständigen

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          Die erste Reaktion auf den Skandal in Göttingen war ebenso schlicht wie voraussehbar: Ein Einzelfall natürlich, sagte Hans Lilie, Vorsitzender der Ständigen Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer, von einem Fehler im System sei keine Rede. Doch spätestens seit Donnerstag vergangener Woche sieht das anders aus. Nun ermittelt auch die Staatsanwaltschaft in Regensburg. Auch dort sollen mindestens 23 Patientenakten manipuliert worden sein.

          In beiden Fällen geht es um fragwürdige Machenschaften bei Lebertransplantationen. In beide ist der ehemalige Cheftransplanteur der Göttinger Universitätsklinik verwickelt. In Göttingen steht zudem ein leitender Internist unter Mitverdacht. In Regensburg wurde außerdem der Klinikdirektor beurlaubt, weil er womöglich seine Aufsichtspflicht verletzt hat. Wer sonst von den Vorgängen gewusst haben könnte, steht noch nicht fest. Aber die vorschnelle These vom Einzeltäter steht auf wackligen Füßen. „So etwas entwickelt sich meistens in einer Sphäre von Filz und gegenseitigen Abhängigkeiten“, sagt ein Kenner der Szene, der seinen Namen, wie so mancher, nicht in der Zeitung lesen will.

          Vordergründig betrachtet, resultiert die ganze Misere aus dem Mangel an Spenderorganen. „Wenn wir mehr davon zur Verfügung hätten, würde es diese Probleme nicht geben“, sagt der Hamburger Herzchirurg Hermann Reichenspurner. In den aktuellen Fällen wurden Daten von Patienten gefälscht, um sie auf der Warteliste für eine Lebertransplantation möglichst weit nach vorn zu bringen. Andere mussten dafür umso länger warten, mancher von ihnen könnte inzwischen gestorben sein.

          Konkret sollen die beschuldigten Klinikärzte den sogenannten MELD-Score manipuliert haben, einen Bewertungsmaßstab, der aus drei Laborwerten besteht und die Schwere einer Lebererkrankung anzeigt (“Model for Endstage Liver Disease“). Jeder einzelne dieser Werte muss durch Mitarbeiter geprüft werden. „Doch die jetzigen Erfahrungen zeigen, dass das derzeitige Kontrollsystem durch gezielte Falscheingaben manipuliert werden kann“, sagt Axel Rahmel, Medizinischer Direktor bei Eurotransplant, wo die Vergabe von Organen in sieben europäischen Ländern koordiniert wird.

          Für den Juristen Hans Lilie waren Manipulationen am MELD-Score bislang „so unvorstellbar, dass niemand auf die Idee gekommen ist, dass man da einen Riegel vorschieben müsste“. Ganz unvorbereitet war die Ärzteschaft allerdings nicht für den Fall, dass bei der Anmeldung von Patienten auf Wartelisten zu unlauteren Tricks gegriffen wird. Ein achthundert Seiten starkes Gutachten, das vom Berliner Institut für Gesundheits- und Sozialforschung vor drei Jahren im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums erstellt wurde, zeigt gleich mehrere Schlupflöcher auf. Die Bundesärztekammer, heißt es darin zum Beispiel, „verweist auf Hinweise auf die Manipulation von Daten bei der Anmeldung von hochdringlichen Transplantationen“. Als „hochdringlich“ werden Transplantationen dann bezeichnet, wenn es den betroffenen Patienten schon so schlecht geht, dass sie ohne ein neues Organ bald sterben würden. Patienten, die in Deutschland ein neues Herz bekommen, sind fast alle „hochdringlich“. 2011 besaßen nach Angaben von Eurotransplant 299 von 341 Herzempfängern diesen Status, also fast neunzig Prozent, wobei dieser hohe Anteil auch dem Mangel an Spenderherzen zuzuschreiben ist. Hans Lilie selbst hatte 2008 in einem Rundbrief an die Leiter der deutschen Transplantationszentren „erhebliche Auffälligkeiten im Zusammenhang mit der Anmeldung von Patienten für besondere Dringlichkeitsstufen“ beklagt.

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