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: Der Eremit im Kinderzimmer

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In Luis Buñuels Klassiker „Der Würgeengel“ sehen wir eine feine Abendgesellschaft, die sich nach dem Besuch einer Opernaufführung zu einem Souper einfindet,

          In Luis Buñuels Klassiker „Der Würgeengel“ sehen wir eine feine Abendgesellschaft, die sich nach dem Besuch einer Opernaufführung zu einem Souper einfindet, danach einen Salon betritt - und ihn nicht wieder verlässt. Sie laufen im Kreis, kratzen die Tapete ab, erleben alle möglichen klaustrophobischen Extremzustände, ein junges Paar geht gemeinsam in den Tod, aber sie verlassen das Zimmer nicht. Keine unsichtbare Wand hindert sie, keine Bombe, nichts, wovon der Zuschauer etwas erführe. Der Film studiert in aller Ruhe den Übergang von raffiniertester Zivilisation zum Endzustand einer naturwüchsigen Dystopie, nicht irgendwo im Dschungel oder auf der Insel des Robinson, sondern mitten in einer Wohnung. Das eigentliche Problem aber wird weder gezeigt noch gelöst, der Zuschauer bleibt mit seinem biederen Wunsch nach einer Antwort allein. Er erfährt nicht, warum diese Menschen das Zimmer nicht verlassen - und es dann eines Tages, ohne Begründung, ohne Reflexion, doch tun.

          Einen ähnlichen Prozess schildert Kevin Kuhn, 30, in seinem ersten Roman „Hikikomori“. Der Titel bezeichnet ein modernes japanisches Gesellschaftsphänomen. Junge, intelligente Männer verlassen monate- oder jahrelang nicht ihr ehemaliges Kinderzimmer; von gütigen und geduldigen Eltern weiter verpflegt, führen sie eine Existenz in einer besonderen, nur ihnen zugänglichen Welt, spielen Computerspiele oder auch nicht. Es ist schon eine schwere Störung, die zugleich zum Sinnbild taugt, denn jede Zeit bringt ja ihre eigenen psychischen Deformationen hervor. Seelische Krankheiten sind auch Epochenphänomene. In den siebziger Jahren gab es kein Burnout, und heute diagnostiziert niemand mehr eine ausgewachsene Neurasthenie, eine schwere Melancholie oder eine angehende Hysterie. Der seelische und soziale Rückzug zunächst in eine digitale Welt, dann in eine psychische Krankheit, das ist wahrhaft eine typische Krankheit des beginnenden Jahrtausends.

          Mehr noch, der Rückzug von Jungen aus sogenanntem guten Hause in eben dieses gute Haus ist ein Zeichen der Zeit. Es ist ja auch keine leichte Zeit, um groß rauszukommen. Amerikanische Studien haben ermittelt, dass nur eine Minderheit der Collegeabsolventen des Jahres 2006 unterdessen eine unbefristete Stelle gefunden hat. Kettenverträge, freie Mitarbeit, Honorarzeitverträge sind die Regel, heroische Karrieren sind für junge Männer nicht planbar, zu wechselhaft sind alle Branchen. Und trotz der kommenden demographischen Veränderungen ist heute noch die Konkurrenz beachtlich. Und dank der digitalen Revolution kann man ja heute auch einiges anstellen, ohne das elterliche Parkett verlassen zu müssen. Die Bretter, die die Welt bedeuten - das kann eben auch der Teppichboden im Kinderzimmer sein.

          Kevin Kuhn beschreibt den Einstieg in den Ausstieg mit einem präzisen Gespür für den Reiz der Reduktion. Till möchte nicht immer mehr Zeug haben oder ein größeres und tolleres Zuhause, er möchte immer weniger, und das Wenige soll wesentlich sein. Zunächst ist sein Vorhaben ganz sympathisch und auch verständlich. Er wurde auf seiner künstlerisch wertvollen, soften Schule nicht zum Gymnasium zugelassen, statt der frenetischen Anstrengung der Prüfungen und der Euphorie der Zeit danach blickt er auf ein Abstellgleis. Seine kunstsinnige und zugewandte Mutter nennt den Rückzug des Sohnes dessen neues „Projekt“ und nimmt seine Bestellungen auf Zetteln entgegen, die er unter der Tür durchschiebt. Bei einem schlechteren Buch wäre die verständnisvolle Akademikerfamilie zu einem leichten Spottobjekt herunterkarikiert worden, hätten Vater, Mutter und Schwester die stadtneurotischen, nützlichen Idioten des egomanischen Tills gespielt.

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