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Sympathische Reptilien : Die mit der Zunge schießen

  • -Aktualisiert am

Das Pantherchamäleon (Furcifer pardalis). An diesem blaugefärbten Exemplar lassen sich die unabhängig voneinander beweglichen Augen besonders gut erkennen. Bild: Foto Prisma

So träge Chamäleons sonst auch sind, so fix sind sie bei der Jagd. Ihre berühmte Anpassungskunst ist dagegen weniger ausgeprägt.

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          Langsam, ganz langsam schiebt sich das „Raubtier“ in die günstigste Position. Seine sonst so unsteten Augen fixieren das Opfer und nehmen Maß. Das Maul öffnet sich einen Spalt. Dann geht alles ganz schnell: Im Bruchteil einer Sekunde schießt die Zunge des Chamäleons nach vorn und packt das Insekt. Fast ebenso schnell zieht das Reptil sein Zungenlasso samt Opfer zurück. Nur ein aus dem Maul ragendes Bein zeugt noch von dem Naturschauspiel.

          Chamäleons (griechisch für „Bodenlöwe“) üben auf den Menschen eine besondere Faszination aus. Ob es nun die beweglichen Äuglein sind, die scheinbar in Fäustlingen steckenden Tatzen oder der Ringelschwanz - kaum ein anderes Kriechtier wird von Kindern spontan für „süüß“ erklärt.

          Vielleicht liegt es ja daran, dass Mensch und Chamäleon die gemeinsame Urheimat Afrika teilen. Aber nur der Mensch hat es von da aus überallhin geschafft. Das Gros der rund zweihundert bekannten Chamäleonarten dagegen lebt bis heute auf dem afrikanischen Kontinent. Nur wenige Auswanderer schafften es, vermutlich als unfreiwillige Passagiere auf Treibgut über das Meer reisend, zum Beispiel bis nach Indien und Arabien. Ganz wenige gelangten nach Europa: Im Süden der iberischen Halbinsel und auf einigen griechischen Inseln lebt das Europäische Chamäleon, das trotz seines Namens aber auch südlich des Mittelmeers zu finden ist. Daneben existiert noch winzige Population des Afrikanischen Chamäleons an einem einzigen Strand auf dem Peloponnes. Vermutlich geht sie auf Exemplare zurück, die schon im Altertum dorthin verfrachtet wurden. Der Hotspot der Chamäleon-Vielfalt und vielleicht auch die evolutionäre Wiege der Familie ist jedoch Madagaskar. Auf der vor Ostafrika liegenden Insel lebt rund die Hälfte aller Arten, zu denen neben den echten Chamäleons auch die wesentlich kleineren Stummelschwanzchamäleons zählen.

          Langsam, aber totsicher

          Ihnen allen gemein ist die Entdeckung der Langsamkeit. „Das verschrieene Faulthier bewegt sich mehr und öfter als sie“, schreibt schon Alfred Brehm in seinem „Thierleben“ von 1887. Davon ausgenommen, so Brehm, seien nur Augen und Zunge, „denn erstere sind in beständiger Tätigkeit, und letztere wird so oft, als sich Beute findet, hervorgeschnellt“.

          Ist der Zungenschuss erst einmal abgefeuert, gibt es für die Beute meist kein Entkommen. Gesunde Chamäleons treffen in mehr als neun von zehn Fällen. Möglich wird diese Zielgenauigkeit einerseits durch den besonderen Bau ihrer Augen. Sie stehen, von den verwachsenen Lidern halbwegs bedeckt, weit aus dem Kopf hervor und ermöglichen eine fast vollständige Panoramasicht. Zudem kann das Tier beide Augen völlig unabhängig voneinander bewegen und gleichzeitig nach oben und unten Ausschau halten. Ob und wie das Gehirn der Tiere aus dieser kaum zusammenpassenden Information ein kohärentes Bild der Umgebung erschafft, gehört noch zu den ungeklärten Rätseln der Chamäleonforschung.

          In der letzten Zielphase richten sich dann aber doch beide Augen nach vorn und fixieren die Beute. Das so erzeugte dreidimensionale Bild hilft, die Schussdistanz genau abzuschätzen - eine Aufgabe, die Chamäleons zur Not aber auch mit einem Auge erstaunlich gut lösen, wie Experimente gezeigt haben. „Das Chamäleon kann schon allein durch das Scharfstellen der Linse des Auges auf das Zielobjekt recht genau die Entfernung berechnen“, sagt Frank Glaw, Leiter der Sektion für Reptilien- und Amphibienkunde an der Zoologischen Staatssammlung München.

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