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Bücher für Kinder und Jugendliche : Die Angst der Eltern vor dem Seelengift

Hinsehen ist hart, wegsehen ist härter: Ein Kind vor dem Fernseher. Bild: mauritius images

Wenn Kinder Bücher lesen, sind Erwachsene glücklich. Außer, sie lesen die falschen. Aber wie bei Filmen ist es schwer, die richtigen zu finden. Und auch Pumuckl kann Albträume wecken. Was sagen Bildungsforscher?

          6 Min.

          Die Bücher sind eine Zumutung. Gleich zwei Romane erzählen in diesem Frühjahr aus der Perspektive von Jugendlichen, wie es ist, wenn man entführt, mit anderen in einen Keller eingesperrt und immer wieder gequält wird. Die Schilderungen in „Bunker Diary“ von Kevin Brooks und „Die unterirdische Sonne“ von Friedrich Ani beschönigen nichts, und wo es im einen dieser Romane am Ende immerhin noch ein Entkommen der völlig traumatisierten Opfer gibt, die darüber gezwungenermaßen zu Mördern werden, kommen die Eingeschlossenen im anderen Buch elend zu Tode.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Weil sich aber beide Romane an Jugendliche richten, dauerte es nicht lange, bis die Frage aufkam, ob die jungen Leser an so viel Drastik und Brutalität nicht Schaden nehmen könnten. So warnte etwa die Kritikerin Christine Knödler in der Welt am Beispiel beider Bücher vor der „inhaltlichen Zuspitzung im Speziellen“, vor „Geschichten, die klein machen“ und einer „Elendsliteratur“, die nur ängstige und traumatisiere.

          Das ist keine neue Diskussion. Als 2009 der erste Teil von Suzanne Collins’ Jugendbuchserie „Die Tribute von Panem“ auf Deutsch erschien, ging vielen schon die Ausgangslage des Romans zu weit, in dem vierundzwanzig Jugendliche in einer Art Dschungelcamp vor den Augen der Fernsehzuschauer solange gegeneinander kämpfen mussten, bis nur noch einer von ihnen übrig bleiben würde. Im folgenden Jahr war die „Brutalität“ eines vermuteten „Skandalbuchs“ namens „Nichts“ ein großes Thema in deutschen Zeitungen, von denen eine die Autorin Janne Teller abbildete und fragte: „Vergiftet ihr Buch die Seelen unserer Kinder?“

          Die gleiche Diskussion gab es schon vor 60 Jahren

          Diese Frage, erinnert der Würzburger Bildungsforscher Heinz Reinders, wurde so ähnlich bereits aus Anlass von William Goldings „Herr der Fliegen“ gestellt, der 1954 erschienen war und eine Gruppenrobinsonade von Jugendlichen beschreibt, die in einem Blutbad endet. „Der Verleger hat damals gesagt, das können wir nicht drucken, wir kommen alle in den Knast“, sagt Reinders: „Für Jugendliche war das aber ein Roman, in dem sie sich in ihren gruppendynamischen Prozessen wiedererkannt haben. Sie haben sofort verstanden, wie und warum sich die Hierarchien ausbilden“ - bis zum bitteren Ende.

          Tatsächlich gibt es gerade in der Diskussion um die Frage, welche Folgen Bücher auf Jugendliche haben können und ob man sie diesen Lesern überhaupt zumuten kann, oft große Differenzen zwischen Jugendlichen und Erwachsenen. Was die Rezeption von Büchern und Filmen angeht, sind sie um Welten voneinander getrennt. Da aber Medien von Erwachsenen produziert und vertrieben werden, stellt sich umso mehr die Frage: Was wissen wir eigentlich darüber, was Bücher wie „Die unterirdische Sonne“ oder „Bunker Diary“ bei jungen Lesern bewirken?

          „Es gibt eine Reihe von empirischen Studien, aus denen wir schließen können, wie man in welchem Alter bei welcher Persönlichkeitsstruktur, in welchem Umfeld und in welcher Erziehungssituation etwa auf Aggressionsdarstellungen reagiert“, sagt Klaus Hurrelmann, Bildungsforscher an der Hertie School of Governance in Berlin. Das hat mit altersgemäßen psychischen Dispositionen zu tun: Im Kindergarten und in der Grundschule gebe es üblicherweise etwa „ein Desinteresse an Aggressionen und Gewalt und ein Interesse am regelgeleiteten Umgang miteinander“.

          Soziale Regeln würden geradezu „genossen, selbst wenn sie Restriktionen bedeuten, denn sie verschaffen Sicherheit.“ Das ändere sich dann mit dem „totalen körperlichen und psychischen Umbruch“ in der Pubertät. Es kommt zur „völligen Neusortierung aller sozialen Regeln“, sagt Hurrelmann. Und die Maßstäbe und Urteile, die sich ein Jugendlicher in dieser Phase bilde, seien später nur schwer wieder zu ändern.

          Der Medienkonsum ist für die sozialen Maßstäbe entscheidend

          Dafür ist der Medienkonsum ein entscheidender Faktor, sagt der Wiener Rezeptionsforscher Jürgen Grimm. „Kinder und Jugendliche beschäftigen sich mit Filmen und Büchern, weil sie sich in der Welt orientieren und ihre Identität entfalten wollen, durch Probehandlungen im fiktionalen Raum.“ Um zu untersuchen, welchen Einfluss bestimmte Kinofilme dabei ausüben können, führte Grimm gemeinsam mit der „Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft“ (FSK) eine Studie durch, an der knapp 600 Jugendliche im Alter zwischen 12 und 17 Jahren teilnahmen und die jüngst publiziert wurde.

          Bevor sie Filme wie „Kriegerin“ oder „Die Tribute von Panem“ sahen, füllten die Probanden einen Fragebogen etwa zu ihren Einstellungen, Vorlieben und ihren sozialen Kontakten aus, nach dem Film einen zweiten. Dabei zeigte sich, das die Verfilmung von Suzanne Collins’ Dystopie den stärksten Eindruck hinterließ, obwohl sie viel weniger mit der realen Umgebung der Probanden zu tun hat als andere der gezeigten Filme.

          Trotz dieser Alltagsferne diente „Die Tribute von Panem“ offenbar massiv dem Abbau von Angst und Aggressionen, stellten die Forscher fest, obwohl sich die Heldin Katniss, aus deren Perspektive der Film erzählt wird, am Ende immer noch in einer verzweifelten Lage befindet - aber dagegen ankämpft.

          Darüber hinaus wurden von Film zu Film unterschiedliche positive Effekte wie etwa „Abbau von Vorurteilen“ registriert - außer wenn die Teilnehmer sich dazu gedrängt fühlten: „Wenn ein Film allzu offensichtlich für demokratische Werte oder Toleranz gegenüber Homosexuellen wirbt, diese aber nicht angemessen im dramaturgischen Aufbau verankert“, heißt es in der Studie, könne stattdessen das Gegenteil gefördert werden - „Intoleranz“ und „Demokratieskepsis“.

          Im Fall der „Tribute von Panem“ ließ sich sogar anschließend eine Tendenz der Zuschauer zu autoritären Regierungsformen mit klaren Regeln beobachten. Wahrscheinlich als Reaktion auf die Willkürherrschaft der ebenfalls autoritären Machthaber im Film, gegen die Katniss kämpft.

          Kinder und Jugendliche identifizieren sich mit den Protagonisten

          Lässt sich eine solche Wirkung vorhersehen? Im Fokus der Rezeptionsforschung stehen traditionell zwei Bereiche: die Darstellung und Wirkung von Aggression und die Vermittlung von Angst. Beides wird nicht mehr, wie früher üblich, losgelöst vom Kontext betrachtet. Stattdessen wird gefragt, welche Strategien im jeweiligen Medium angeboten werden, um Aggression und Angst zu bewältigen.

          Und natürlich hängt auch dies vom Alter der Rezipienten ab und ihrer Erfahrung mit Medien. So fürchten sich etwa auch Erwachsene in einem Horrorfilm, aber sie haben in der Regel, anders als Kinder, bereits Strategien entwickelt, sich nicht von ihren Ängsten überwältigen zu lassen und erleben den Film zudem als Teil eines Genres. Sie wissen, was auf sie zukommt.

          Für Kinder und Jugendliche, die sich mit den Protagonisten von Büchern und Filmen meist viel stärker identifizieren als Erwachsene, ist offenbar die Heldenrolle attraktiv - und die des Underdogs. „In manchen Situationen ist es wichtig, sich seiner Stärke zu versichern, um nicht an den eigenen Möglichkeiten zu zweifeln“, sagt Grimm. „In anderen Situationen gilt es, Über-Idealisierung zu vermeiden, um nicht an der Realität frustriert zu werden.“

          Wird das Kind dabei überfordert, drohen Allmachtsphantasien oder Defätismus, und die Kritik an Büchern wie „Die unterirdische Sonne“ entsteht genau an diesem Punkt, wenn „Geschichten, die klein machen“ vermutet werden. Wenn Eltern in dieser Frage entscheiden müssen, tun sie das erstens anhand eigener moralischer Wertmaßstäbe, sagt Reinders, zweitens anhand ihrer eigenen Erfahrung mit Medien (das könnte die anhaltende Beliebtheit von jahrzehntealten Kinderbüchern und Fernsehserien wie „Wickie“ erklären) und den Vorstellungen anderer Eltern, mit denen man zu tun hat: „Je bildungsnäher das Milieu ist“, sagt Reinders, „umso intensiver sind soziale Normen wie ,Gewaltfreiheit‘ und ,Pädagogisierung von Medien‘.“ Und umgekehrt.

          Auch Pumuckl kann Albträume auslösen

          Einen „Übertragungsmechanismus“ nennt das Klaus Hurrelmann. Eltern und Erzieher projizierten eigene Vorstellungen auf das Kind und stellten sich vor, „wie das auf mich wirkt, wenn ich Kind wäre. Das geht meist schief, weil ich kein Kind bin oder weil diese Erfahrung vielleicht für mich gilt, aber nicht für das Kind, das eine ganz andere Vorstellung von der Realität und vom Bösen hat.“ Und oft genug sehr viel besser zwischen Realität und literarischer Fiktion trennen kann, als Eltern annehmen.

          Umgekehrt entstehen Kinderängste oft dort, wo Erwachsene es zunächst nicht erwartet hätten - der Fünfjährige, der behütet aufwächst und nur einmal in der Woche fernsehen darf, entwickelt dann seine alterstypischen Albträume eben an der Figur „Pumuckl“, oder bei „Hänsel und Gretel“ wird der grausame Feuertod der Hexe als völlig unproblematisch empfunden, während das Ausgesetztwerden der Geschwister im Wald den kindlichen Zuhörern schlaflose Nächte bereitet.

          Am Ende müssen die Eltern entscheiden, welche Medien sie ihren Kindern zugänglich machen wollen und welche nicht - auch wenn sie das im Einzelnen umso weniger in der Hand haben, je älter das Kind ist. Die Wissenschaft liefert ihnen jedenfalls nur begrenzte Hilfe, betonen gerade Forscher wie Heinz Reinders. Aus gutem Grund: „Faktoren, an denen man abarbeiten könnte, ob etwas nützlich oder schädlich ist, sind im wissenschaftlichen Kontext nur schwer zu gewinnen. Wir können Kinder ja nicht einen Horrorfilm anschauen lassen und hinterher registrieren, wie stark das Kind dann psychisch zusammenbricht.“

          Aber wie geht man dann mit einem Buch um wie „Die unterirdische Sonne“, wenn der fünfzehnjährige Sohn damit nach Hause kommt? Seinen Inhalt wird man jedenfalls prinzipiell weder als geeignet noch als ungeeignet einstufen können, auch hier kommt es auf den Kontext an. „Ich denke schon, dass man es bei einer bestimmten psychischen Konstitution mit Jugendlichen lesen könnte“, sagt Reinders. „Das Entscheidende ist: mit ihnen, um danach auch darüber zu sprechen.“ Schließlich ist der Umgang mit Medien eine Kulturtechnik wie Lesen und Schreiben. Und das muss man ja auch erst einmal lernen.

          Literatur: Rudolf Tippelt, Bernhard Schmidt (Hrsg.), „Handbuch Bildungsforschung“. Wiesbaden 2010. - Jürgen Grimm, „Kinder, Jugend und Medien“. Kiel 1994.

          Im Internet: Download der Studie „Medienkompetenz und Jugendschutz IV“ unter www.fsk.de/media_content/3005.pdf.

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