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Bleistift gegen Computer : Die Feder setzt sich zur Wehr

Alexander Puschkin versah das Manuskript seines Gedichts „Poltawa“ nicht nur mit Korrekturen, sondern auch mit dem Bild gehenkter Aufrührer. Bild: INTERFOTO

Griffel, Füller, Tastatur: Welchen Einfluss übt unser Schreibwerkzeug auf unsere Texte aus? Und wie können wir es überlisten?

          Ein Brief sollte tadellos geschrieben sein, das verlangt schon der Respekt vor dem Adressaten. Und lässt das Schriftbild dennoch zu wünschen übrig, dann ist eine Entschuldigung angebracht. „Verzeyhe mir, daß ich so vieles in meinem Briefe durchstrichen habe“, schreibt der Göttinger Naturforscher Georg Christoph Lichtenberg am 8. Juli 1773 an seinen Verleger Johann Christian Dieterich und begründet den Zustand seines Manuskriptes so: „Ich reite heute eine infame Feder, sie will immer hinaus wo ich nicht hinwill.“

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Werkzeug ist schuld - das ist beim Schreiben mit der Hand bis heute keine ganz seltene Erfahrung. Nicht nur eine Feder, auch ein Füller kann schmieren oder klecksen, ein stumpfer Bleistift, für den kein Spitzer zur Hand ist, erzeugt unpräzise Linien, und schließlich kann ein rauher Untergrund wie im Fall der frühen Recyclingblöcke oder beim Büttenpapier zu einem unschönen Schriftbild beitragen, wenn der Stift, der Füller oder der Kugelschreiber daran hängen bleibt.

          Nimmt man Lichtenberg aber wörtlich, dann ist die „infame Feder“ nicht einfach nur unzulänglich, sondern widersetzt sich dem Autor geradewegs und verfolgt dadurch eine eigene Agenda. Indem sie „immer hinaus wo ich nicht hinwill“, strebt, schreibt sie in den Augen Lichtenbergs einen Text, der abweicht von dem eigentlich vorgesehenen. Aber rühren nun die Korrekturen, die vielen Durchstreichungen des Briefs, von Lichtenbergs Versuch her, die Eigenwilligkeiten des Werkzeugs wieder auszumerzen? Oder meint Lichtenberg, dass die „infame Feder“ umgekehrt den von ihm intendierten Text durch Fehlschreibungen sabotiert?

          Vom Griffel zum Stil

          Wahrscheinlich lässt sich dies nicht eindeutig unterscheiden. Mit seiner Vorstellung aber, dass sich das Schreibgerät in den Prozess der Niederschrift einmische und so das Ergebnis mitbestimme, steht Lichtenberg nicht allein. So leitet sich etwa das Wort „Stil“ von „Stilus“ her, der lateinischen Bezeichnung für den metallenen Griffel, der in der Antike und bis ins Mittelalter hinein genutzt wurde, um Buchstaben in die Wachsschicht kleiner Holztäfelchen zu ritzen. Diese etwa fingerlangen Stili waren so weit verbreitet, dass sie in der Moderne zu den häufigsten römerzeitlichen archäologischen Funden gehören. Der persönliche Stil eines Schreibers war das Ergebnis von dessen Gewandtheit mit dem Griffel - nicht nur im Schreiben, sondern auch im Löschen des Textes, denn der Stilus besitzt außer der Spitze zum Ritzen der Buchstaben an seinem anderen Ende eine breite Kante, um damit die Wachsschicht wieder zu glätten. Ein Werkzeug, zwei Funktionen: Der Stil eines Autors, so könnte man sich diesen Zusammenhang übersetzen, ist also nicht nur ein Resultat dessen, was er hinschreibt, sondern auch von der späteren Bearbeitung dieser ersten Niederschrift.

          Die Frage ist, ob jenseits der Etymologie unser jeweiliges Schreibwerkzeug tatsächlich in irgendeiner Weise den damit entstehenden Text beeinflusst. Die Antwort müsste sich in einem Vergleich der unterschiedlichen Notationssysteme zeigen, am besten bei ein und demselben Autor. „Unser Schreibwerk arbeitet mit an unseren Gedanken“, vermutete etwa Friedrich Nietzsche 1882 unter dem Eindruck, den das Arbeiten mit der damals erst noch neuen Schreibmaschine in dem erfahrenen Autor hinterließ. Nur wie?

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