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Bayern gegen Dortmund : „Eine echt abgebrühte Nummer“

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Denn sie wissen, was sie tun: Klopp (r.) spielt seine Rolle, Sammer (l.) hat’s im Blut Bild: AFP

Erst Dortmund in Flammen setzen, dann beim Löschen zuschauen: Aggressionsforscher Jens Weidner über Sammers Verbissenheit, Klopps Leidenschaft und Watzkes Niveau.

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          Vor zehn Tagen, beim direkten Bundesligaduell zwischen Dortmund und dem FC Bayern, standen sich Matthias Sammer und Jürgen Klopp am Spielfeldrand feindselig gegenüber. Was hat die Szene für Sie als Aggressionsforscher ausgedrückt?

          Wir sind kampfbereit! Sammer hatte offenbar Angst, dass seine Mannschaft wegen der unglaublichen Siege in dieser Saison in Selbstgefälligkeit zergeht und sich deshalb vorgenommen: Ich nutze die Gelegenheit, mit Klopp in den Ring zu steigen. Die beiden wussten ganz genau, was das Ergebnis sein wird, nämlich dass ein eigentlich bedeutungsloses Bundesligaspiel angeheizt wird.

          Sie meinen, Sammer hat nur auf einen Anlass zum Ausbruch gelauert und ihn im Platzverweis gegen Rafinha gefunden?

          Eigentlich hätte jeder Trainer vor dem Aufeinandertreffen zu seinen Spielern sagen müssen, einer von euch muss etwas Gemeines machen. Etwas unterhalb von wirklichen Verletzungen. Etwas, was provokativ genug ist, um zu zeigen, dass sich keiner die Butter vom Brot nehmen lässt. Klopp kann so etwas glaubhaft spielen, bei Sammer liegt das im Blut.

          Welches aggressive Element hat der Sportvorstand Sammer in die „Mia-san-mia“-Mentalität des FC Bayern eingebracht?

          Der konstruktiv verbissene Aggressionstyp: Matthias Sammer

          Sammer geholt zu haben war ein genialer Schachzug. Theoretisch gesprochen, gilt Sammer als konstruktiv verbissener Aggressionstyp. Dieser Typ ist auf den Sieg fixiert, er ist darauf angelegt, Respekt durch Angsterzeugung zu fördern. In Sammer steckt ein Stachel der Verantwortung, der ihn treibt und ihn dazu bringt, jeden wie eine Sau durchs Dorf zu treiben. Jeder Bayern-Spieler, egal wie berühmt er ist, weiß: Sich mit Sammer anzulegen macht wenig Spaß und endet wohl mit einer Niederlage, also lass ich es lieber. Der Respekt gegenüber Sammer resultiert aus fachlicher Qualität und dem Hauch von Angst. Und weil er hart zu anderen und zu sich selbst ist, wirkt er glaubwürdig. Der größte Sieg aus Sicht von konstruktiv verbissenen Typen ist es, den anderen nicht nur zu besiegen, sondern ihn so zu besiegen, dass er substantiell geschwächt wird und in seiner Identität berührt wie bei der Verpflichtung des Dortmunder Jahrhunderttalents Mario Götze.

          Damit gewinnt man Titel, aber keine Sympathie, oder?

          Der konstruktiv verbissene Aggressionstyp ist von einem pessimistischen Menschenbild geprägt, das zum Motto hat: Du sollst auch verwöhnte Spieler zu ihrem Glück zwingen! Das hat einen Aspekt von Zwanghaftigkeit, ist aber ein Antrieb. Der Stachel, der dich immer piesackt und es unmöglich macht, zufrieden zu sein, produziert Ungeduld. Und diese Ungeduld führt zu dem, was den FC Bayern definiert: Die Nummer eins in Deutschland zu sein, das ist schön, aber Provinz. Die Nummer eins in Europa zu sein, das ist angemessen. Die Nummer eins in der Welt zu sein, das ist das Ziel.

          Uli Hoeneß, der langjährige Leiter der Abteilung Attacke, fällt seit Wochen als Provokateur aus. Worin liegt der Unterschied zwischen dem Altmeister des Psychokrieges und Sammer?

          Hoeneß hatte seinen Fokus immer nach außen gerichtet, sich als Schild vor den Klub gestellt. Sammers Kraft und Biss wirkt nach innen. Er kokettiert mit seinem Image als Choleriker, man traut ihm zu, dass er eine liebevolle Umarmung jederzeit in einen Würgegriff umwandeln kann. Aber Hoeneß wie Sammer haben dieselbe Leidenschaft im Grenzbereich des Wahnsinns. Das ist für das, was der FC Bayern im Führungsbereich will, ein Traum.

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