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Atomkraftwerke : Klinisch tot bei laufendem Betrieb

Organisiert das letzte Geleit: Erwin Fischer, Kraftwerksleiter des Atomkraftwerks Isar I Bild: Müller, Andreas

Im Frühjahr ließ die Regierung zehn Atomkraftwerke abschalten. Was ist aus ihnen geworden? Innenansichten aus dem AKW Isar 1.

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          Im Januar dieses Jahres begann für Tobias Seibold die Zukunft. Als Schichtleiter hatte er erstmals die Warte des Kernkraftwerks Isar 1 bei Landshut übernommen. Von seinem Arbeitsplatz aus konnte er nun die gesamte Anlage überwachen, die Stromeinspeisung regeln und per Mausklick die Leistung des Reaktors steigern, drosseln oder abschalten. Seibold, gerade 31 Jahre alt, fühlte sich bestens. Er hatte Versorgungstechnik studiert, anschließend drei Jahre eine Ausbildung zum Reaktorfahrer und Warten-Schichtleiter absolviert und als Vizeschichtleiter gearbeitet. Jetzt war er verantwortlich für ein Team von 15 Leuten und, wenn man so will, auch ein ganzes Kraftwerk. 900 Megawatt Strom produzierte "sein" Block täglich; genug, um ganz München zu versorgen.

          Strahlenschützer: Martin Trettenbach am Abklingbecken von Isar I Bilderstrecke
          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Heute, ein Dreivierteljahr später, arbeitet Seibold noch immer im Dreischichtsystem; er überwacht den Reaktor, prüft Temperaturen und kontrolliert Kurven auf den Wandmonitoren. Doch unter gut der Hälfte der zahlreichen Messgeräte auf Schaltpult und Anzeigetafeln kleben rote Aufkleber. Rot wie "Stopp", oder wie: "Außer Betrieb". Seit dem 17. März darf Isar 1 keinen Strom mehr liefern. Tage zuvor war das Atomkraftwerk in Fukushima außer Kontrolle geraten - und anschließend in Deutschland Presse und Politik. So jedenfalls sieht es Seibold. Erst Monate zuvor hatte die Bundesregierung die Laufzeit von Isar 1 bis 2019 verlängert, und nun forderte selbst die CSU die Abschaltung. Alle Parteien waren auf einmal gegen Atomenergie, niemand stand mehr hinter ihnen.

          „Das tat sehr weh“

          "Das tat sehr weh", sagt Seibold. Er hatte sich über die Verlängerung der Laufzeiten gefreut. "Das war auch eine Anerkennung unserer Arbeit." Die Belegschaft, 350 Leute, viele in seinem Alter, sah wieder eine Perspektive; Seibold begann, mit seiner Freundin ein Haus zu bauen. Dass Energie durch Kernspaltung erzeugt wird, hat ihn nie gestört. "Bayern braucht Kernenergie" ist der Schriftzug eines Aufklebers mit gelb umrandeter Glühbirne, der ihm aus seiner Kindheit einfällt. Von "Atomkraft - Nein danke!" hält er nichts. Der Freistaat hat kein Öl und keine Kohle, seine Industrie aber verschlingt Strom, der bisher zu 60 Prozent aus Kernkraft kam, ein guter Teil davon aus Isar 1.

          Enttäuscht, sagt Seibold, sei er auch von den Medien. "Da wurden Fakten vertauscht und Zahlen zu unseren Ungunsten verdreht." Es entstand der Eindruck, in Japan sei ein Atomkraftwerk explodiert und habe dadurch Erdbeben und Tsunami ausgelöst. Seibold schüttelt den Kopf, er ist Ingenieur, für ihn zählen Fakten, exakte und belastbare Fakten, und wenn er so arbeiten würde wie Politik und Medien in den Tagen nach Fukushima, könnte er für seinen Reaktor nicht garantieren. Ein Kernkraftwerk zu betreiben, ist eine rationale Angelegenheit. "Natürlich haben wir uns gefragt, ob so etwas wie in Japan auch bei uns passieren kann. Wenn ja, wäre es logisch gewesen, sofort abzuschalten."

          „An ein Aus hat hier niemand geglaubt“

          Die Sicherheitsprüfung, mit der er und seine Kollegen sofort begannen, ergab keine Schwächen. Trotzdem drosselten sie die Leistung auf 15 Prozent - freiwillig. "An ein Aus hat hier niemand geglaubt", sagt Seibold. Dann ging es Schlag auf Schlag. Am Sonntag nach Fukushima forderte die Kanzlerin eine Sicherheitsprüfung aller 17 deutschen KKWs, am Montag verwarf sie die Laufzeitverlängerung, am Dienstag erklärte sie den ältesten Kernkraftwerken das Aus, am Donnerstag ordnete sie deren Abschaltung an. Seibold war an seinem Schichtleiterplatz, als der Kraftwerksleiter anrief und ihn aufforderte, die Anlage herunterzufahren. Neue Fakten hatte es in den wenigen Tagen nicht gegeben; es war eine rein politische Entscheidung.

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