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: Angriffslust des Verführers

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Paris. So sieht einer nach langem Urlaub aus: fröhlich, entspannt, tatendurstig. Michel Platini aber hat einen langen Wahlkampf hinter sich und sich trotzdem eine unbeschwerte Na-und-Haltung bewahrt. In seinem frei von Souvenirs ...

          3 Min.

          Von Roland Zorn

          Paris. So sieht einer nach langem Urlaub aus: fröhlich, entspannt, tatendurstig. Michel Platini aber hat einen langen Wahlkampf hinter sich und sich trotzdem eine unbeschwerte Na-und-Haltung bewahrt. In seinem frei von Souvenirs an eine große Profikarriere gehaltenen Büro erlaubt sich der französische Fußball-Weltstar auch schon mal Tage ohne Anzug und Krawatte. Wer noch mit 51 als jung, unverbraucht und unangepasst gilt, dem stehen Freizeithose und V-Pullover gut zu Gesicht.

          Platini, der am kommenden Freitag in Düsseldorf als Nachfolger des seit 1990 regierenden Schweden Lennart Johansson Präsident der Europäischen Fußball-Union (Uefa) werden will, lacht dieser Tage viel. Der Mann, kein Zweifel, ist sich ziemlich sicher, dass er das Duell mit dem großen, aber schon 77 Jahre alten Stockholmer gewinnen kann. Wie er über sich und seine Kampagne redet, sein Gegenüber mit braunen, offenen Augen fixiert und bei Gelegenheit ein paar Scherze und ironische Bemerkungen einstreut, spricht das pure Selbstbewusstsein aus ihm. Platini, dem das gute Leben in Paris anzusehen ist, wirkt dabei mal kumpelhaft, mal zu allem entschlossen und immer überzeugt von seiner Mission, den vom großen Geld und von der großen Politik bedrohten europäischen Fußball retten zu müssen.

          "Ich bin ein Romantiker des Fußballs", hat der frühere Weltstar und dreimalige Fußballer des Jahres in Europa mehrmals erklärt und damit zu verstehen gegeben, dass er seinen Sport eben nicht zuerst als Business-Plattform und Geldvermehrungschance versteht. Mit den Appellen ans Gefühl will der 1,79 Meter große Nordfranzose gegen den auf eine Weiter-so-Strategie bauenden Titelverteidiger punkten, unter dem die europäische Fußball-Konföderation ein behördenähnliches, steinreiches Unternehmen geworden ist, der 1992 den Vereinswettbewerben die Champions League als glitzernde Krone aufsetzte und auch die Europameisterschafts-Endrunde zu einer für alle Beteiligten lukrativen Veranstaltung gemacht hat. Johanssons positive Bilanz ist die der tiefschwarzen Zahlen, Platinis Botschaft an die in Nyon residierende Uefa ist die der Aufforderung zum Wiederentdecken der alten Werte und des Zusammenhalts wie der Stärkung der internationalen Fußballfamilie. Hier spricht die "Nummer 10", auch so darf der Herausforderer mit den weichen Gesichtszügen und der glasharten Entschiedenheit verstanden werden. "Ich habe als Spieler nie eine Rote Karte gesehen", sagte Platini neulich in seinem Büro des Vizepräsidenten des französischen Fußballverbandes, "und ich glaube, dass mir das auch in Düsseldorf nicht passiert." Johansson wirft ihm, der erst 2002 in die Exekutive der Uefa und des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) gewählt wurde, mangelnde Erfahrung in der Sportpolitik vor. Darüber kann Platini nur lächeln. "Meine Erfahrung ist der Fußball", sagt der Kapitän der französischen Europameister-Mannschaft von 1984 und jahrelange sportliche Anführer von Juventus Turin. 1987 beendete er mit 31 Jahren seine große Spielerlaufbahn und wurde danach Trainer der französischen Nationalmannschaft (1988 bis 1992), Kopräsident des französischen Weltmeisterschafts-Organisationskomitees (1992 bis 1998) und Wahlkampfhelfer sowie sportlicher Berater des jetzigen Fifa-Präsidenten Joseph Blatter. "Der erste Posten, der mir nicht angetragen wurde und um den ich nicht erst seit diesem Jahr kämpfe, ist der des Uefa-Präsidenten", sagt Platini.

          Der Mann mit dem verführerischen Charme des französischen Lebenskünstlers ist ohne Zweifel in Blatters Wahlkampfschule gegangen. Das heißt, er hat fleißig Stimmen gesammelt bei den ärmeren Uefa-Verbänden in Ost- und Südosteuropa; er setzt auf ein Programm, das von den Stichworten Solidarität, Balance und Chancengerechtigkeit lebt; er plant als "handelnder Präsident" von Nyon aus zu regieren und auch so die Macht der Uefa-Bürokraten zu beschneiden; er will gegenüber den reichen Verbänden und Klubs Zeichen zum Verzicht setzen und die Zahl der Champions-League-Starter aus einem Land auf maximal drei verkleinern; er fordert mit dem Blick auf Johansson eine Altersbegrenzung für Amtsinhaber in der Uefa; und er spielt seine jugendliche Angriffslust bei jeder Gelegenheit aus.

          Dazu kommt: Platini genießt Flankenschutz von ganz oben. Frankreichs Präsident Jacques Chirac und andere Würdenträger der Grande Nation ergreifen offen Partei für ihren "Platoche", wie er daheim genannt wird. Dabei will Platini, der beraten wird von Jean-Louis Valentin, dem früheren Kabinettsdirektor des Präsidenten der französischen Nationalversammlung, doch den Einfluss der Politik auf den Fußball eindämmen. Das aber ist sein Programm von morgen und damit ein anderes, neues Kapitel in der Geschichte des europäischen Fußballs, die er als Spielmacher und "ewige Nummer 10" von nächster Woche an entscheidend mitgestalten will.

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