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: Amerikas schmutzigster Krieg

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Die schlechten Nachrichten häufen sich für die Bosse lateinamerikanischer Drogenkartelle, für die Taliban in ihren Mohnfeldern, für afrikanische Diktatoren,

          Die schlechten Nachrichten häufen sich für die Bosse lateinamerikanischer Drogenkartelle, für die Taliban in ihren Mohnfeldern, für afrikanische Diktatoren, die ihre Macht mit Drogengeld finanzieren. Diese Nachrichten kommen aus Colorado und Washington (dem Staat, nicht der Stadt), wo die Gesetzgeber diese Woche den Besitz von Marihuana legalisierten. Sie kommen aus Portugal und Tschechien, wo die weitgehende Entkriminalisierung harter Drogen erstaunliche Erfolge zeitigt. Aus Baltimore, wo eine umsichtige Polizeitaktik den Umgang mit Beschaffungskriminellen und Kleindealern revolutioniert. Aus Cartagena, wo die Oberhäupter der amerikanischen Staaten erstmals den Krieg gegen die Drogen für gescheitert erklärten und das Ende der Prohibition forderten.

          Nun mischt sich auch noch Kate Winslet ein. Am Freitag ist in den Vereinigten Staaten der Film „Breaking the Taboo“ angelaufen, Teil einer gleichnamigen Kampagne, an der Hollywoodstars, Rapper, Sportler, Wissenschaftler und die Ex-Präsidenten Clinton und Carter teilnehmen. Das Ziel: Die Amerikaner aufzuklären über die Rolle ihres Landes in einem Krieg, der in mehr Ländern tobt als der Zweite Weltkrieg. Die Vereinigten Staaten sind der wichtigste Importeur harter Drogen, und Präsident Nixon war es, der 1971 den „total war against public enemy number one“ erklärte. Gegen wen sich dieser Krieg richtete, war nie klar, denn Drogen kann man nicht erschießen. Zurzeit sind amerikanische Einheiten in mindestens dreißig Staaten unterwegs, in den Wäldern von Belize oder Honduras fliegen amerikanische Drohnen und explodieren amerikanische Raketen.

          An der Heimatfront, die in den Armenvierteln der Städte verläuft, verhaftet die Polizei jährlich 1,5 Millionen Menschen, und die Gerichte verurteilen sie drakonisch selbst für geringfügige Delikte. Was Gefängniskonzerne wie die „Corrections Corporation of America“ in die Lage versetzt, üppige Dividenden auszuschütten, denn sie bekommen nicht nur 50 000 Dollar pro Insasse und Jahr vom Staat, sondern können die Gefangenen wie Leibeigene in Arbeitslagern ausbeuten. Die Bürgerrechtlerin Michelle Alexander nennt die Verhältnisse „nichts anderes als modernen Sklavenhandel“. Gegenwärtig stehen 7,2 Millionen Menschen - mehr als drei Prozent der erwachsenen Bevölkerung - unter „züchtigender Beobachtung“, wie es heißt, sie sitzen im Knast oder sind auf Bewährung draußen. Diese Menschen sind überwiegend schwarz und arm, dürfen weder wählen noch eine öffentlich geförderte Wohnung anmieten. Ohne Wohnsitz bekommen sie keinen Job. Welcher Ausweg bleibt ihnen? Richtig, sie verkaufen an der nächsten Ecke Drogen. 40 Milliarden Dollar lässt sich die Regierung den Spaß jährlich kosten. Unterdessen sank der inflationsbereinigte Preis für ein Gramm Kokain seit 1981 von 669 Dollar auf 177.

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