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Alter, was geht? (7) : Lauf-tschack-tschack, lauf-tschack-tschack!

Bild: Jan Hendrik

Mit 16 fand es unser Autor uncool, zur Tanzschule zu gehen. Mit 43 weiß er: Uncool ist, wer nicht tanzen kann. Über einen späten Versuch, das zu ändern.

          7 Min.

          Der Mann von heute steckt ja in einer Identitätskrise. Er soll kein Macho mehr sein, er hat Frauen als gleichberechtigt oder vorgesetzt zu akzeptieren, und wenn er doch selbst noch der Chef ist, dann soll er delegieren, diskutieren, auf andere hören; der einsame Entscheider ist nicht mehr gefragt. Klar, dass das manchem schwer zu schaffen macht. Wer doch einmal den Mann in sich rauslassen möchte, der verzieht sich auf die Stehtribüne im Fußballstadion oder zum Survival-Camp in die Wildnis.

          Jörg Thomann
          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Kaum einer, und das ist rätselhaft, geht in die Tanzschule. Tanzen gilt seit jeher als unmännlich, die meisten Männer würden vermutlich, statt ihre Partnerin zum Tanzkurs zu begleiten, lieber ihren Urologen besuchen. Dabei ist das Tanzparkett eines der letzten gesellschaftlichen Felder, wo dem Manne eine unangefochtene Führungsrolle zugestanden wird. Das wird mir aber auch erst klar, als Diereck Dross, mein Tanzlehrer, den Novizinnen einschärft: „Solange sich der Kerl bewegt, bewegst du dich mit. Tanzt er Discofox, obwohl langsamer Walzer bestellt wurde, tanzt du Discofox.“ Für jemanden, der als einziger Mann in einem Haushalt mit drei weiblichen Wesen hierarchisch den undankbaren vierten Platz einnimmt, ist das eine ganz ungewohnte Machtposition. Dass ich bislang weder Walzer noch Discofox tanzen kann, ist egal: „Wir lassen den Männern hier ziemlich viel durchgehen“, kündigt Diereck an. „Solange keiner umfällt, ist alles in Ordnung.“

          Als einst, in der elften Klasse, das Thema aktuell wurde, wäre es mir nie in den Sinn gekommen, mich bei einer Tanzschule einzuschreiben. Die einzigen Jungs, die dort hingingen, trugen schon mit 16 ein Aktenköfferchen zur Schule und sympathisierten mit der Jungen Union; ihre Nähe suchte ich allein dann, wenn wir gerade eine Mathearbeit schreiben mussten. Mit meinen Freunden tanzte ich lieber auf Partys und in Discos, dann aber meist ohne Körperkontakt mit Mädchen und in zwei bevorzugten Varianten: entweder, zu rockigen Sachen, so heftig zappelnd wie möglich, oder, zum Grufti-Kram, praktisch ohne mich überhaupt zu bewegen.

          Geht besser mit Frauen, die nicht die eigenen sind

          Wobei ich ja eigentlich der Meinung bin, dass ich so schlecht bislang gar nicht getanzt habe. Mein Rhythmusgefühl halte ich für ordentlich, meine Bewegungen für nicht übermäßig peinlich. Leider ist meine Frau da anderer Ansicht, und sie hat mich - anders als ich selbst - beim Tanzen schon beobachten können. Eine böse Unterstellung scheint mir aber ihre Behauptung, ich würde beim Tanzen des Öfteren meine Zunge zwischen die Lippen pressen und damit einer gewissen Anspannung Ausdruck verleihen, so wie es Helmut Kohl auf seinen unvorteilhaftesten Fotos tat. Immerhin gibt es Beweisbilder, die uns beide bei der Ausführung eines Hochzeitswalzers zeigen. Oder zumindest bei seiner Simulation.

          Wie cool es ist, richtig tanzen zu können, habe ich erst begriffen, als ich mit Anfang zwanzig ein Jahr in Costa Rica lebte und mit glühendem Neid die begnadet übers Parkett wirbelnden Latinos betrachtete. Ein einwöchiger Salsa-Kurs vermochte es nicht, meine Hüften zu lockern, jedenfalls nicht beim Tanz mit meiner damaligen costa-ricanischen Freundin. Viel besser klappte es komischerweise mit ihrer Schwester; vielleicht tanze ich einfach besser mit Frauen, die nicht meine eigenen sind.

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