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: Als Tagelöhner im Dienste Jordans

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Frankfurt. Cockpit gesucht! Junger Pilot, 26 Jahre, ledig, bietet vier Jahre Formel-1-Erfahrung unter härtesten Bedingungen. In 66 Rennen hat der Bewerber Grand-Prix-Sieger von Format in Schach gehalten.

          3 Min.

          von anno hecker
          Frankfurt. Cockpit gesucht! Junger Pilot, 26 Jahre, ledig, bietet vier Jahre Formel-1-Erfahrung unter härtesten Bedingungen. In 66 Rennen hat der Bewerber Grand-Prix-Sieger von Format in Schach gehalten. Anerkannter Testpilot. Honorar vorerst zweitrangig. Verpflichtung sofort möglich.
          So weit ist es gekommen mit dem jüngsten deutschen Formel-1-Rennfahrer im Wartestand. Vor ein paar Tagen hat sein Manager Werner Heinz zwar die Existenz eines Vorvertrages mit Jordan-Grand Prix verkündet. Aber diese Vereinbarung scheint eher eine wackelige Notgemeinschaft zu sein. Dem gewieften Iren Eddie Jordan fehlen rund 20 Millionen Euro, um 2004 halbwegs anständig in die Gänge kommen zu können. Heidfelds Name soll ihm bei der Sponsorensuche helfen. Im Gegenzug, falls der Handel funktioniert, wird der Mönchengladbacher dann vielleicht Stammpilot. Vorerst aber zieht er als eine Art Tagelöhner im Dienste Jordans seine Kreise. Wenn der alte Renner mit neuen Teilen denn läuft. Als passe es zur Situation von Fahrer und Rennstall, blieb Heidfeld bei Testfahrten in dieser Woche stehen. Endstation mitten auf dem Weg? Dafür ist es wohl zu früh. Sagt Heidfeld, sagt der Chefkonstrukteur seines letzten Arbeitgebers Sauber, Willi Rampf, sagen die deutschen Fahrer. Heinz-Harald Frentzen, der Teamkollege von Heidfeld bei Sauber, hatte zum Ärger seines Managements dem Chef Peter Sauber öffentlich geraten, lieber Heidfeld statt seiner zu behalten. "Er steht doch noch am Anfang seiner Karriere", sagte Frentzen: "Er hat noch alles vor sich." Wer kann das besser beurteilen als der schärfste Gegner nach einem Wettlauf über 16 Rennen? Frentzen hat die Stadtmeisterschaft zwar nach WM-Punkten gewonnen. Aber bei der Analyse der Rundenzeiten, beim Vergleich der Trainingsleistungen wird deutlich, daß sie sich auf etwa gleichem Niveau bewegen.
          Aber ist es eine besondere Leistung, auf gleicher Höhe mit einem alternden Spitzenpiloten zu fahren? Sind die beiden also eher gleich langsam als gleich schnell? Der 36 Jahre alte Frentzen protestiert: "Ich bin eher schneller geworden." Und weil ihm sein ehemaliger Teamchef Frank Williams noch im Sommer nachrief, mit diesem Deutschen habe er einst einen "der talentiertesten Piloten" unter Vertrag genommen, kommt man über den Umkehrschluß zu einem guten Ergebnis für Heidfeld: Er muß zu den besten zehn Fahrern der Branche gehören.
          Die Plätze eins bis 16 sind vergeben. Offensichtlich haben die Rennstallbesitzer einen anderen Blickwinkel. Heidfeld fehlen herausragende Ergebnisse. Über einen dritten Platz vor zwei Jahren in Brasilien ist er bislang nicht hinausgekommen. Vermutlich lag das weniger an seinen Fähigkeiten als am Dienstwagen. Ob bei dem bereits in den Konkurs steuernden Prost in der Saison 2000 oder ab 2001 bis zum Oktober bei Sauber, zu keinem Zeitpunkt saß Heidfeld in einem Siegerauto. Sauber erklärte im Sommer sogar mehrfach, die enttäuschenden Leistungen seien auf den Boliden und nicht auf die Piloten zurückzuführen. Trotzdem mußten sie gehen. Frentzen, weil Saubers Lieblingspilot Giancarlo Fisichella endlich zum Wechsel bereit war, Heidfeld, weil mit der Verpflichtung des Ferrari-Testfahrers Felipe Massa offenbar auch eine verstärkte Zusammenarbeit mit der Scuderia vereinbart wurde. An ihm lag es nicht. Aber hätte Sauber Heidfeld ziehen lassen, wenn er in ihm einen Champion sehen würde?
          Jeder will einen Weltmeister haben. McLaren-Mercedes ließ sich einen der potentiellen Nachfolger von Michael Schumacher kolportierte 18 Millionen Dollar kosten. Kimi Räikkönen wurde Ende 2001 hinausgekauft aus dem Vertrag mit Sauber. So trennten sich die Wege des jugendlichen Gespanns. Der Newcomer steuert auf den Titel zu, der ehemalige Mercedes-Protege entgeht vielleicht mit Glück der Ausmusterung. Heidfeld konnte es damals mit Blick auf die gleichwertigen Resultate kaum fassen: Wieso der und nicht ich? Die Antwort läßt sich nicht an Zahlen und Daten ablesen. Es scheint das Vertrauen zu sein, das die besten von den sehr guten Rennfahrern unterscheidet. Heidfeld ist ein in der Technik versierter, sachlicher, zuverlässiger Fahrer. Frentzen hält ihn für "sauschnell". Und Willi Rampf sagt: "Nick ist ein exzellenter Tester. Er ist in der Lage, ein Team effizient nach vorne zu bringen. Was ihm auf der Rennstrecke fehlt, ist nicht die Schnelligkeit, sondern meines Erachtens ein Schuß Egoismus." Aber weder bei Prost noch bei Sauber zeigte er den großen Piloten wie Jean Alesi oder Frentzen, daß ein Nachfolger gefunden ist. So wie Räikkönen in der vergangenen Saison regelmäßig David Coulthard überholte. Dem Schotten sind bislang immerhin dreimal so viele Siege (13) gelungen wie Alesi und Frentzen (4) zusammen. Wer mit Blick auf Heidfeld nach Räikkönen fragt, bekommt etwas ganz anderes zu hören: "Der hat sein Potential noch längst nicht ausgeschöpft", sagte McLarens Boß Ron Dennis nach dem zweiten Rang des Finnen in der Fahrerwertung - zwei Punkte hinter Weltmeister Schumacher. Die Frage ist also, was Heidfeld noch zu bieten hat. Zur Zeit sieht es so aus, als würde nur ein Bewerbungszusatz in der Formel 1 ziehen: Bringe außerdem zehn Millionen Euro mit.




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