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: 1. Sturm im "Ring" mit Thielemann

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Im mystischen Abgrund, den Richard Wagner erfand, um sein Orchester darin zu verstecken, steht dieser Stuhl. Steht wie auf Stelzen, Bein für Bein einzeln geschient und verlängert, ist umzingelt von Lampen, Kabeln, Schaltern, Knöpfen, ...

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          Im mystischen Abgrund, den Richard Wagner erfand, um sein Orchester darin zu verstecken, steht dieser Stuhl. Steht wie auf Stelzen, Bein für Bein einzeln geschient und verlängert, ist umzingelt von Lampen, Kabeln, Schaltern, Knöpfen, was entfernt an einen ausgemusterten elektrischen Stuhl erinnert, und ganz falsch ist der Gedanke sicher nicht, denn an diesem Platz schießen schließlich im Ernstfall der Aufführung alle Spannungs- und Schwingungsvorgänge des Hauses zusammen. Hier sitzt der Dirigent.

          Der Dirigent ist in Bayreuth der einzige Mensch im Festspielhaus, der immer beides gleichzeitig sehen kann: die Sänger auf der Bühne, das Orchester unter der Bühne. Seit drei Jahren heißt dieser Stuhl aber auch noch: "Thielemanns Thron".

          Damals, im Sommer 2006, dirigierte Christian Thielemann erstmals den "Ring des Nibelungen" in Bayreuth, der unerwartet schnell, schon nach dem "Rheingold", nur noch der "Thielemann-Ring" genannt wurde, weil man ihn ja den "Dorst-Ring" schlecht nennen konnte. Wie die Götter da zwischen Abstellkammer und Autobahnbrücke wandelten oder rotlackierte Walküren mit Plastikschilden aus dem Steinbruch herauswinkten, das haben wir ja alle sofort nach Verlassen des Hügels wieder vergessen. Und so hat es auch seine Richtigkeit, dass der "Thielemann-Ring" jetzt nicht als DVD herauskommt, sondern nur auf CD. Reines Hörtheater. Rumpeln, wenn für die Riesen das Gold gestapelt wird. Krachen, wenn Hunding tot umfällt, als Wotan ihn berührt.

          Dazu knapp fünfzehn Stunden Musik. Mit dieser himmlischen Gesamtdauer stellt sich Thielemann quer zur heutigen Aufführungspraxis, sie wird nur noch von Furtwängler (1953) und Knappertsbusch (1951) übertroffen. Ein unglaubliches Orchesterfest! Das ist ein Singen und Rauchen, ein Glühen und Wogen, ein Schmelzen und Schwelgen und bleibt doch immer durchsichtig, verständlich. Denn die Orchesterinstrumente wissen ja bei Wagner sowieso immer mehr und im Voraus etwas von dem, was die Sänger singen, besser als diese selbst, und ein Klangverrückter wie Thielemann weiß, wie daraus die gesamte Handlung geformt werden kann. Thielemann schlägt einen großen Bogen, einmal quer durch die ganze Welt. Vom Es-Dur-Anfang tief unten im Urstrom bis hin zum Feuerbrand in den Wolken, wenn die Götter sterben. Vom heiklen feinen frühen Operetten-Parlando des "Rheingold"-Abends bis zum gewaltigen "Götterdämmerungs"- Massiv. Wie ein lebendiges Tier, ein Lindwurm vielleicht, räkelt und streckt sich sein Bayreuther Festspielorchester, es atmet, windet sich, faucht, fällt in unerwartete Temporückungen und Pausen hinein, wächst und blüht auf und reckt sich der Sonne entgegen. Ja, auf die Sänger könnte der "Thielemann-Ring" eigentlich ganz verzichten. Das wäre mal echt was Neues, Kinder: Nach dem unsichtbaren Orchester müssten nun dringend auch die unhörbaren Sänger erfunden werden.

          Der "Thielemann-Ring" wurde live mitgeschnitten im Festspielhaus im Sommer 2008 und sogar eigens dafür neu mikrofoniert: Die Mitschnitte des Bayerischen Rundfunks waren nicht gut genug. Daran, dass die Bayreuther Sänger heutzutage nicht mehr gut genug sind für Bayreuth, kann aber das beste Mikrofon nichts ändern. Siegmund bellt und quäkt, Sieglinde hyperventiliert, Erda flackert, die Walküre jodelt, Alberich nuschelt, Fricka rauscht, Wotan kaut die Worte nach hinten in den Hals hinein, und so unsauber geht das in einem fort. Karajan hätte so etwas nie zugelassen, der "Karajan-Ring" steht nach wie vor an der Spitze der Charts, da reicht der "Thielemann-Ring" nicht ran. Trotzdem: Man muss ihn unbedingt erleben! "Lasst uns doch einfach mal genießen", soll Thielemann am ersten Abend, vor der Premiere des "Rheingold", zu seinem Orchester gesagt haben. Gut, dass Wagner das nicht mehr gehört hat. Eleonore Büning

          Richard Wagner: "Der Ring des Nibelungen". Diverse Solisten, Bayreuther Festspielchor, Bayreuther Festspielorchester, Christian Thielemann. 14 CDs, Opus Arte/Naxos

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