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FAZ Plus Artikel Neues Kita-Konzept : Vegane Kindheit

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Nur mit Diätplan vom Arzt? Vegane Spinatsuppe mit Feldsalat. Bild: dpa

Vegane Ernährung für Kinder? Jetzt gibt es erste Kitas, in denen kein tierisches Produkt auf den Teller kommt. Kann das gesund sein?

          Als der Servierwagen über den Gang gerattert kommt, drehen die Kinder erwartungsvoll ihre Köpfe Richtung Tür. Sie wissen, was jetzt kommt: Mittagessen! Nein, noch nicht der Geburtstagskuchen, auf den heute alle voller Sehnsucht warten. Erst mal ist das richtige Essen dran. Spätzle stehen auf dem Speiseplan, dazu Gemüsegulasch und Rotkohl. Die Spätzle sind ein Renner – nach einer Viertelstunde kommt der Koch aus der Küche gelaufen, um Nachschub zu bringen. „Lecker“, sagt ein Junge, dessen Wangen bis zu den Ohren voll roter Soße sind.

          Eine ganz normale Mittagessen-Szene in einer ganz normalen Kita, so sieht es aus. Vor drei Monaten sind die ersten Kinder hier im Mokita Kinderladen angekommen. Inzwischen sind es 37. In den Zimmern liegt Spielzeug herum, im Garten bedeckt Laub das Klettergerüst, an der Garderobe hängen Winterjacken und Bommelmützen. Aber diese Kita im Westen Frankfurts hatte einen schweren Start. Denn sie ist in den Augen vieler eben doch kein normaler Kindergarten. Hier wird ausschließlich vegan gekocht.

          Essen nach Baukastensystem

          So etwas hat es in Deutschland noch nie gegeben. Der Sturm der Entrüstung ließ nicht lange auf sich warten, als das Vorhaben Anfang des Jahres bekanntwurde. Vegane Ernährung für Kinder? Das sei unverantwortlich, warfen Kritiker der Elterninitiative vor, die den Kindergarten gründen wollte. Die Reaktionen von Politikern und in den sozialen Medien changierten zwischen Unverständnis, Entsetzen und sogar dem Vorwurf, die Eltern würden ihre Kinder in sektenähnliche Strukturen hineinzwingen.

          Lucien Coy blieb dabei gelassen - meistens jedenfalls. Der Berater für digitale Strategien, dessen Gesicht ein üppiger Bart ziert, hat hinter Mokita stehende Elterninitiative mit gegründet und sagt: „Ein bisschen nervt es schon, wenn die Kritik unsachlich wird. Wenn sich jemand mit veganer Ernährung nicht beschäftigt hat und einen gleich als Spinner beschimpft.“ Coy kennt die Argumente der Kritiker, und er kennt die besorgniserregenden Extremfälle, von denen Kinderärzte immer wieder berichten: Dass Kinder mangelernährt in Kliniken eingeliefert werden, weil ihre Eltern sie vegan ernährt haben und dabei so viel falsch gemacht haben, dass ihre Sprösslinge neurologische Schäden davongetragen haben.

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          Besonders im ersten Lebensjahr ist diese Gefahr für die Gesundheit hoch, wenn bei der Ernährung Stoffe weggelassen werden oder nicht genug von ihnen vorhanden sind. Eisen und Vitamin B12, das bei einer veganen Ernährung immer supplementiert werden muss, spielen dabei eine große Rolle. Die meisten Kinderärzte sind deshalb mindestens zurückhaltend, wenn es um Veganismus im jungen Alter geht - genau wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, die diese Form der Ernährung für Schwangere, Stillende, Säuglinge, Kinder und Jugendliche nicht empfiehlt. Zwar raten auch ihre Experten, den Speiseplan größtenteils pflanzlich zu füllen. Wenn es aber um eine zu hundert Prozent vegetabile Diät geht, halten sie aber die Hilfe von Ärzten und Ernährungsberatern für unabdingbar.

          „Es gibt weltweit bisher zwei Studien mit veganen Kindern“

          Tatsächlich ist die Haltung der Fachleute gar nicht so anders als die Coys und der anderen Kita-Gründer aus Frankfurt. Zu glauben, als Veganer könnte man einfach alles Mögliche weglassen, ohne sich Gedanken zu machen, ist für sie ein „irrwitziger“ Gedanke. Deshalb haben sie für den Essensplan in ihrer Einrichtung mit Hilfe von Ärzten und Ernährungswissenschaftlern ein Baukastensystem entwickelt, das alle wichtigen Nährstoffgruppen erfasst. Beide Gruppen beraten die Kita weiterhin. Der Koch bereitet Frühstück, Mittagessen und einen Nachmittagssnack jeden Tag frisch zu. Er hat Erfahrung mit veganer Küche und tauscht sich regelmäßig mit Kollegen aus. Außerdem gibt es eine Arbeitsgemeinschaft der Elterninitiative, die Studien und anderes Material im Auge behält. Und auch die Stadt Frankfurt, die die Räume finanziert hat und die Betriebskosten trägt, hat sich an der Entwicklung des Essensplans beteiligt – obwohl das Ernährungskonzept bei der Genehmigung einer Kita eigentlich keine Rolle spielt.

          „Das Problem an der Debatte ist: Wenn man als Mischköstler mit veganer Ernährung konfrontiert wird, wird der eigene Lebensstil in Frage gestellt. Das mögen wir Menschen gar nicht, und wenn es um Kinder geht, wird es noch extremer“, sagt Markus Keller. Er hat die erste Professur für vegane Ernährung in Deutschland an der Fachhochschule des Mittelstands Köln. Mit seinem Team wertet er gerade eine Untersuchung aus, in der er ein- bis dreijährige Kinder verglichen hat, die vegan, vegetarisch und mit Mischkost leben. „Es gibt weltweit bisher zwei Studien mit veganen Kindern“, sagt er, „eine aus den Siebzigern, eine aus den Achtzigern. Das heißt, wir wissen so gut wie nichts.“

          Pflanzenköstler: Lucien Coy in der Küche der von ihm mitinitiierten Frankfurter Kita.

          Altersgemäße Entwicklung

          Vorläufiges Ergebnis seiner Untersuchung: Es gibt keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen. 97 Prozent der veganen Kinder entwickeln sich altersgemäß. Bei den Mischköstlern wiederum sind drei Prozent übergewichtig. Auch bei den Hauptnährstoffen Fett, Protein und Kohlenhydrate liegen alle Gruppen im empfohlenen Bereich. Für Keller sind diese vorläufigen Ergebnisse die Bestätigung, dass es eben auch ohne Milchprodukte, Eier und Fleisch geht. „Außer: ,Das schmeckt mir halt, das haben wir schon immer so gemacht', gibt es keine rationalen Argumente, Fleisch zu essen“, sagt er. Dass vegane Ernährung ein höheres Maß an Information erfordert, ist aber auch seine Ansicht. Wer seinen Speiseplan jedoch mit ein wenig Aufmerksamkeit zusammenstelle, etwa auf Hülsenfrüchte und verschiedene Vollkorngetreide achte, auf bestimmte Öle, verschiedene Gemüsesorten und Vitamin B12, könne ohne Probleme schmackhaft, abwechslungsreich und gesund essen. „Wir müssen den Kindern Vielfalt bieten. Je größer die Auswahl, desto besser.“

          Das oft von Kritikern vorgebrachte Argument, vegane Eltern stülpten ihren Kindern eine Ideologie über, lässt Keller nicht gelten. „Die meisten Mischköstler-Eltern bieten ihren Kindern auch keine Wahl, zum Beispiel zwischen Wurst aus Tofu oder Schwein“, sagt er, „und erklären auch nicht, wie diese Produkte hergestellt wurden, um dann die Kinder selbst entscheiden zu lassen.“ Genau wie in anderen Lebensbereichen auch. Nur, dass es da niemand in Frage stelle.

          Lasagne mit Linsenbolognese und Feldsalat, Gemüsecremesuppe mit gerösteten Kürbiskernen, gebratener Reis mit Wokgemüse und Seitan-Sesam-Spieß – all das stand in dieser Woche auf dem Speiseplan der veganen Frankfurter Kita. Zu Hause leben die meisten ihrer Kinder übrigens nicht vegan. Gerade einmal drei von 37 essen daheim rein pflanzlich. Den Eltern war vor allem wichtig, dass die Kleinen ein frisch gekochtes Essen bekommen, sagt Coy. Und nicht die „Folien-Käsesoßen-Aufwärmpampe vom Groß-Caterer“, mit denen viele leidvolle Erfahrung gemacht hätten. Genau das hat Eltern in München dazu bewogen, es den Frankfurtern gleichzutun: Im Stadtteil Sendling haben sie vor zwei Wochen Deutschlands zweite vegane Kita eröffnet.

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