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FAZ Plus Artikel Rowan Atkinson im Interview : „Es geht um das Recht, sich über Religion lustig machen zu dürfen“

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Rowan Atkinson als Johnny English: Als Komödiant setzt er mit großem Vergnügen immer wieder den Holzhammer ein. Bild: dpa

Als Retro-Agent „Johnny English“ muss Rowan Atkinson einen Hightech-Schurken ausschalten. Ein Interview über die Sinnlichkeit des Analogen, den Verfall der Streitkultur, das ernsthafte Geschäft des Komikers und die Nachricht über sein Ableben.

          Beinahe so beliebt wie in seinen Paraderollen als „Mr. Bean“ und „Edmund Blackadder“ ist Rowan Atkinson als Anti-Bond „Johnny English“. Auch in seinem neuesten, dritten Kino-Abenteuer „Johnny English – Man lebt nur dreimal“ hinterlässt er bei seinen Einsätzen eine Schneise der Verwüstung. Subtext der Komödie ist das Thema „analog versus digital“; der Retro-Agent muss diesmal einen Hightech-Schurken ausschalten. Als Komödiant setzt Atkinson ja mit großem Vergnügen auch immer wieder den Holzhammer ein. Beim Interview in einem Hamburger Hotel in der Nähe der Außenalster präsentiert sich der Brite dagegen erstaunlich seriös und kaum komisch. Sehr selten werden Teile einer Antwort mit einer homöopathischen Dosis feinster Ironie angereichert. Dann zieht er die Mundwinkel kurz zu einem angedeuteten Lächeln nach oben, das sofort wieder verschwunden ist. Auf dem Weg zu seinem Sessel wird nichts umgestoßen. Und auch nach unserem Gespräch ist die Suite noch vollkommen intakt.

          Mr. Atkinson, in welcher Welt fühlen Sie sich zu Hause, in der digitalen oder in der analogen?

          Ich bin ein unabhängiger Beobachter beider Welten. Und mir machen beide Spaß. Um das Analoge wirklich schätzen zu können, muss man natürlich in einer Ära gelebt haben, in der es dominant war. Diese Grundvoraussetzung bringe ich schon einmal mit. Aber jetzt lebe ich in einer Zeit, in der das Digitale bestimmend ist. Wenn es um Kommunikation und Autos geht, muss ich mich mit der digitalen Welt beschäftigen.

          Aber doch nicht, wenn es um Autos geht, oder?

          Doch. Ich besitze elektrisch betriebene Wagen, die ich phantastisch finde, darunter auch einen BMW i3. Den sieht man auch im Film, und es war mehr oder weniger meine Idee, ihn dort unterzubringen. Ich fahre aber auch gerne einen guten alten Aston Martin aus den siebziger Jahren.

          Was macht denn den Glücksfaktor eines elektrisch betriebenen Autos aus?

          Ich liebe es, dass sie kaum Fahrgeräusche erzeugen, und ich bin fasziniert von ihrer Raffinesse. Außerdem beschleunigen sie unglaublich schnell. Wenn es um Sinnlichkeit geht, favorisiere ich allerdings eindeutig die alten Wagen. Wenn der Motor so richtig schön aufheult, das ist einfach unschlagbar. In einem alten Wagen hast du allerdings die Kontrolle. Während ich in modernen Autos immer das Gefühl habe, der Wagen hat die Kontrolle. Er sagt dir ständig, was du tun sollst.

          Wie weit reicht Ihre Leidenschaft für digitale Kommunikation?

          Soziale Medien interessieren mich überhaupt nicht. Deswegen habe ich auch keinen Account auf irgendeiner dieser Plattformen. Ich habe das Gefühl, entspannter leben zu können, wenn ich keine Verbindung zu dieser Welt habe. Aber ich kaufe im Internet ein, schreibe E-Mails und besitze ein Smartphone. Doch soziale Medien bleiben für mich ein Buch mit sieben Siegeln. Und es macht mich sehr glücklich, wenn es so bleibt.

          Haben Sie die Tracking-Funktion auf Ihrem Telefon ausgeschaltet?

          Was das angeht, bin ich nicht so paranoid. Ich benutze auch verschiedene Apps regelmäßig, weil sie mein Leben einfacher machen.

          Zum Beispiel?

          Mit der entsprechenden App ist es für mich wesentlich einfacher, von A nach B zu kommen. Ich nutze die digitale Welt auf angemessene Weise. Aber ich finde es auch toll, wieder eine Vinyl-Schallplatte aufzulegen oder 35-Millimeter-Film zu benutzen. So kann ich die Dinge noch wirklich fühlen. Allein das Gefühl, diese Schallplatte in der Hand zu halten, bevor du sie auflegst, ist doch etwas völlig anderes. Aber genau um dieses Dilemma geht es im neuen Johnny-English-Film, um die Dichotomie dieser beiden Welten, zwischen denen Johnny gefangen ist.

          Und Sie sympathisieren mit ihm?

          Ich glaube, er ist mehr retro als ich. Jedenfalls hoffe ich das.

          Wo ist in der digitalen Welt der Raum für Romantik?

          Analog ist grundsätzlich romantischer als digital. Es macht ja einen Unterschied, ob ich einen Liebesbrief oder eine Textnachricht schreibe. Doch letztendlich zählt immer der persönliche Input, oder? Man kann ja auch sehr romantische Textnachrichten verfassen.

          Rowan Atkinson Anfang Oktober bei der Premiere seines neuen Films mit Olga Kurylenko

          Was geht Ihnen in der modernen Welt auf die Nerven?

          Die Geräuschkulisse in Autos. Andauernd piept oder leuchtet etwas, weil du den Gurt nicht angelegt hast, dich einem Hindernis näherst oder dergleichen. Was mir im größeren Kontext Sorge macht, ist unser Recht auf freie Meinungsäußerung und Ausdruck. Ich habe den Eindruck, die Öffentlichkeit ist immer voreingenommener. Es wird immer schwerer, zu sagen, was du wirklich denkst. Ich sehe die freie Meinungsäußerung als bedroht an. Da kommen wir wieder auf die sozialen Medien zurück.

          Die vielen Menschen ein Instrument liefern, ihre Meinung zu äußern.

          Das ist das Paradoxe. Theoretisch sind sie das ultimative Medium, um frei seine Meinung zu äußern. Du kannst schreiben oder sagen, was immer du willst, und es veröffentlichen. Doch jetzt hat die gesamte Welt das Potential, dich dafür abzuurteilen, besonders wenn du prominent bist, aber selbst dann, wenn du es nicht bist. In gewisser Weise herrscht im Bereich der sozialen Medien wieder der Pöbel, und das beunruhigt mich, denn es hat eine seltsame, destabilisierende Wirkung. Letztendlich ist für mich das Recht darauf, meine Meinung zu sagen, bedeutungslos, wenn ich damit nicht auch das Recht habe, jemanden zu beleidigen.

          Zur Streitkultur gehört für Sie auch das Mittel der Beleidigung?

          Nur weil Menschen etwas beleidigend finden, heißt es nicht, dass es nicht wahr ist. Und wir leben jetzt in einer Welt, in der die Menschen zunehmend davon überzeugt sind, man habe ein Recht darauf, nicht beleidigt zu werden. Da bin ich völlig anderer Meinung. Und ich habe den Eindruck, da ist eine Schlacht im Gange, die wir langsam, aber sicher verlieren. Es wird immer schwieriger zu sagen, was man meint. Und manchmal werden die harmlosesten Beobachtungen anschließend völlig übertrieben dargestellt, aufgeblasen und aus dem Zusammenhang gerissen. Das hat mittlerweile eine Dynamik, an deren Ende die Reputation eines Menschen über Nacht zerstört wird. Menschen verlieren ihren Job, ihre Karriere ist am Ende, weil sie vor 25 Jahren einen unanständigen Witz erzählt haben.

          Sie hatten gerade eine ähnliche Erfahrung, als Sie den ehemaligen britischen Außenminister Boris Johnson in Schutz genommen haben. Der hatte in einer Zeitungskolumne geschrieben, vollverschleierte Frauen sähen aus wie „Bankräuber“ und „Briefkästen“. Wie haben Sie diesen Shitstorm erlebt?

          Glücklicherweise bin ich ja nicht in sozialen Medien vernetzt. Deswegen ist er erst einmal an mir vorübergegangen. Es war etwas unglücklich, wegen der Übertreibung und der Verzerrung meines Kommentars. Denn ich wurde als Unterstützer von Boris Johnson dargestellt.

          Und das sind Sie nicht?

          Ich kann Ihnen versichern, das bin ich nicht. Er interessiert mich gar nicht, ebenso wenig wie seine politischen Ambitionen. Darum ging es mir gar nicht.

          Worum ging es Ihnen dann?

          Es ging mir um etwas, wofür ich nun mehr oder weniger seit 15 Jahren kämpfe: das Recht, sich über Religion lustig machen zu dürfen. Dabei habe ich auch festgestellt, dass mir persönlich jegliche Qualifikation dazu fehlt, Witze über den Islam zu machen. Trotzdem werde ich das Recht anderer verteidigen, das zu tun. Denn ich denke, es eine alte britische Tradition, Witze über Religion zu machen.

          Ist es heute ein ernsthafteres Geschäft geworden, komisch zu sein?

          Das Geschäft ist schwieriger geworden, wenn du ein Prinzip verteidigen willst. Es wird dann sehr schnell sehr persönlich. Plötzlich dreht sich alles um dich, deine Einstellung, deine politischen Intentionen und wen du unterstützt. Wie gesagt, Boris Johnson interessiert mich nicht. Aber es geht mir um das Prinzip, jemanden verteidigen zu dürfen, auch wenn er eine unpopuläre Figur ist. Mir fällt gerade nicht ein, vom wem das Zitat stammt, wahrscheinlich von einer Voltaire-Biographin. Es lautet ungefähr so: Ich bin nicht einverstanden mit dem, was du sagst, aber ich werde bis zum Tode dein Recht verteidigen, es zu sagen. Ich bin mir jetzt nicht sicher, ob ich mein Leben geben würde, um Boris Johnson zu verteidigen, aber Sie wissen, was ich meine.

          Rowan Atkinson: „Es hilft, wenn du Talent hast, aber Talent ohne Glück ist sinnlos.“

          Wen beleidigen Sie in Ihrem neuen Film?

          Niemanden. Außer eventuell französische Radsportler, die ich in einer Szene aus meinem Auto mit Raketen beschieße, um freie Fahrt zu haben. Wir schreiben in der Regel alberne Witze über die Tücken des menschlichen Alltags, und da kann ich schreiben, was ich will, und hatte noch nie Probleme. Es ist natürlich etwas anderes, wenn Sie ein ernsthafter Komiker sind, und für diese Art von Komiker halte ich mich nicht. Wenn Sie Witze über Politik machen, dann ist das Geschäft definitiv schwerer geworden, weil Sie diesen Witz heute für ein weltweites Publikum machen. Für mich ging es bei Witzen schon immer um den Kontext. Eine bestimmte Art von Humor funktioniert nur in einem bestimmten Kontext und für ein bestimmtes Publikum. Und ich zum Beispiel mache meine Witze für Menschen, die sie verstehen und zu schätzen wissen. Wenn man diesen Witz dann allerdings aus dem Zusammenhang reißt und weltweit verbreitet, dann wird es schwierig. Viele Leute fühlen sich beleidigt. Das kann ich auch nachvollziehen. Aber es ist unfair. Denn dieser Witz war nie für sie gedacht. Hört also bitte auf mit dieser globalen Verurteilung von Menschen. Man kann die Welt nicht in politisch korrekte und unkorrekte Menschen aufteilen.

          Eine weitere seltsame Erfahrung, die Sie gerade mit dem Internet hatten, war die falsche Nachricht von Ihrem Tod. Wo haben Sie erfahren, dass Sie nicht mehr am Leben sind?

          Auch das ist komischerweise an mir vorübergegangen. Bis ich dann sehr viel später mit einem Freund telefonierte, der mich darauf aufmerksam gemacht hat. Ich habe mich auch noch nie gegoogelt. Deswegen bin ich immer der Letzte, der so etwas erfährt. Und Menschen, die mir wirklich etwas bedeuten, sind in der Regel so gut über mich informiert, dass sie solche Meldungen nicht glauben. Aber das ist eben das Bizarre: Wenn so ein Gerücht erst mal im globalen Dorf kursiert, ist es irgendwie für immer unterwegs, egal, wie oft ich anschließend sehr lebendig in der Öffentlichkeit auftauche. Es sind die ultimativen fake news. Du bist tot, weil es im Internet steht. Und dann existierst du in der Vorstellung bestimmter Leute nur noch als Double oder identischer Zwilling, von dem bislang niemand wusste.

          Sie sind jetzt genau vierzig Jahre im Unterhaltungsgeschäft. Wie blicken Sie auf die vergangene Zeit zurück?

          Ich bereue nichts, und wenn, dann würde ich es nicht zugeben. Die Zeit ist geflogen, so empfinde ich es. Ich hatte vor allen Dingen großes Glück. Es hilft, wenn du Talent hast. Aber Talent ohne Glück ist sinnlos. Dass ich als Student in Oxford Richard Curtis getroffen habe, war enorm wichtig.

          Mit dem Autor und Regisseur, mit dem zusammen Sie „Blackadder“ und den in Deutschland bekannteren „Mr. Bean“ erschufen und der später Sachen wie „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ machte.

          Ja. Sonst hätte ich vielleicht nie eine Karriere erlebt. Man hat mir außerdem immer gesagt, dass Stolz eine Sünde ist. Deshalb bin ich auch auf nichts stolz, sondern nur sehr erfreut über meinen Erfolg.

          „Mr. Bean“ haben Sie vor Jahren in den Ruhestand geschickt. Trotzdem taucht er immer wieder auf. Warum ist es so schwierig, ihn dauerhaft zum Rentner zu machen?

          Ich glaube, es liegt daran, dass immer wieder Menschen auftauchen, die mir eine Menge Geld für seine Dienste anbieten. Und Sie glauben gar nicht, welchen Eifer er dann plötzlich dafür entwickelt, wieder zu arbeiten.

          Haben Sie vielleicht noch den Ehrgeiz, eines Tages die Hauptrolle in einem sehr deprimierenden Schwarzweiß-Arthouse-Film zu spielen, der kein bisschen komisch ist?

          Ich würde so eine Rolle sogar spielen, wenn man mir so etwas anböte. Aber bisher kam so ein Angebot nie.

          Zur Person

          Geboren am 6. Januar 1955 im nordenglischen Consett als jüngster von vier Söhnen. Wollte eigentlich Elektroingenieur werden; Studium in Oxford. Ab 1979 Ensemblemitglied der BBC-Comedy-Show „Not the Nine O'Clock News“; später Hauptdarsteller der Comedy-Serie „Blackadder“, einer Satire auf englische Traditionen. Der internationale Durchbruch gelang ihm in den Neunzigern als skurriler Sonderling „Mr.Bean“. Zum dritten Mal Vater wurde er im Dezember 2017; er hat zwei Kinder aus einer früheren Ehe. Der dritte Film in der Bond-Parodie-Reihe „Johnny English“ sieht ihn von Donnerstag an im Einsatz in den Kinos.

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