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FAZ Plus Artikel Gespräch mit Katarina Witt : Eine muss ja mal den Anfang machen

Katarina Witt Bild: Till Brönner

„Beweg deinen Hintern – das ist keine Belästigung, das ist Training“: Ein Gespräch mit Katarina Witt über Show, Sport, Sex und #MeToo, über die DDR, Amerika – und die Zudringlichkeit Donald Trumps.

          Frau Witt, während der Olympischen Spiele sind Sie bei der ARD als Eiskunstlaufexpertin beschäftigt. Was ist eigentlich Ihr Hauptberuf?

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Ich habe nur eine Antwort parat: Katarina Witt zu sein. Das ist mein Beruf, so absurd das klingen mag. Aber ich bin ja weder Schauspielerin noch Moderatorin, noch Unternehmerin. Ich bin keine Eiskunstläuferin mehr – und ich bin doch all das zugleich. Ich tanze auf sehr vielen Hochzeiten. Die Spiele in Pyeongchang sind schon meine sechsten als Expertin für Fernsehsender.

          Sie haben also einen universellen Amateurstatus?

          Ich sehe mich am ehesten als Unternehmerin. Das meiste hat mit meiner Vergangenheit zu tun, mit meiner Geschichte, die ja immer noch sehr präsent ist in der Gegenwart. So eine Vergangenheit haben ja die wenigsten, die jetzt einen ordentlichen Beruf ausüben. Für meinen gibt es keine korrekte Berufsbezeichnung. Ich arbeite weiter sehr viel. Auch für meine Stiftung, die sich darum kümmert, dass Kinder mit körperlicher Behinderung die Möglichkeit bekommen, Sport zu treiben. Dass ich selber gesund bin und Sport treiben konnte, das habe ich immer mit zu großer Selbstverständlichkeit hingenommen.

          Sie betrachten also das Glück, einen gesunden, talentierten Körper zu haben, als Auftrag, sich um die zu kümmern, die dieses Glück nicht haben?

          So kann man es sagen.

          Sie engagieren sich auch für eine Kampagne der Deutschen Welle, in der es um „Diversity“ geht, um Vielfalt also. Hat das auch etwas mit dem Sport zu tun?

          Es hat damit zu tun, dass ich das Privileg hatte zu reisen, die DDR zu verlassen. Ich bin immer gern zurückgekommen, zu meiner Familie. Aber wenn ich unterwegs war, habe ich das als Gewinn gesehen: Menschen, die anders aussehen, eine andere Sprache sprechen, vielleicht eine andere Hautfarbe haben. Und die mir freundlich entgegentreten.

          Bei den Olympischen Winterspielen in Südkorea: Katarina Witt auf der Zuschauertribüne der Gangneung Ice Arena

          Sind Sportler weniger anfällig für Rassismus?

          Das glaube ich tatsächlich. Es ist da gar nicht möglich, jemanden geringzuschätzen, bloß weil er anders aussieht. Es geht um die Leistung, die er bringt, und wenn er gut ist, hast du Respekt. Wenn du besser bist, freust du dich: noch mal Glück gehabt.

          Haben Sie eine Erklärung dafür, warum viele Ihrer ehemaligen Landsleute aus der DDR das so anders sehen?

          Ich verstehe es eigentlich nicht. Aber ich kann ja nicht von mir ausgehen, von meiner privilegierten Geschichte. Es ist ein Glück, dass die Wende kam, dass wir die Demokratie bekommen haben. Aber das nützt den Menschen nichts, die nicht wissen, wie sie die Miete bezahlen sollen oder ob sie die Kinder mal ins Kino mitnehmen können.

          Es fällt aber auf, dass sehr viele von denen, die das ganze System ablehnen, materiell gar nicht schlecht dastehen. Kann es sein, dass es eher darum geht, dass sie sich nicht repräsentiert fühlen in einem Deutschland, dessen Vorgeschichte nur die Bundesrepublik ist. Die DDR war nur die Abweichung, der Irrtum, das komplett Falsche?

          Es kann auch sein, dass man sich zu wichtig nimmt. Die Idee, dass die DDR das bessere Deutschland wäre, hat nicht funktioniert. Zum Glück ist die Mauer gefallen. Und jetzt haben wir ein ganz anderes Zeitalter. Die Globalisierung lässt sich nicht rückgängig machen, die Natur gerät aus den Fugen. Das sind die Herausforderungen der Zukunft. Vielleicht braucht es mehr Persönlichkeiten, die in der Lage sind, genau das den Leuten noch besser zu erklären.

          Als Weltmeisterin zwischen der Kanadierin Elizabeth Manley (l.) und Debi Thomas aus den Vereinigten Staaten im März 1988 in Budapest

          Und Sie: Genießen Sie nicht eine große Glaubwürdigkeit bei denen, die in der DDR aufgewachsen sind?

          Ich glaube schon, ich habe sehr viele Fans im Osten. Ich gehöre nicht zu denen, die ihre Wurzeln verleugnen. Man kann es ja als Vorteil begreifen, dass man beide Systeme kennt, dass man zwei Geschichten hat. Der Kindergarten in der DDR hat uns nicht, wie manche sagen, zu emotionalen Krüppeln gemacht, in der Schule haben wir was gelernt. Auch wenn die wichtigsten Werte von den Eltern vermittelt worden sind. Als die Mauer fiel, war ich jung genug, um neue Träume noch wahrmachen zu wollen. Und alt genug, zu wissen, woher ich kam. Ich finde es schön, wenn die Leute im Osten sagen: Sie ist eine von uns. Und zugleich sehe ich mich als Kosmopolitin.

          Kolonisiert, dominiert vom Westen fühlen Sie sich nie?

          Nein, null, wieso sollte ich?

          Hier, im Osten Berlins, aber auch in Potsdam fällt doch auf, wie radikal alles, was an die DDR-Geschichte erinnern könnte, aus dem Stadtbild entfernt wird.

          Na, ein Glück. Ich hätte nicht die DDR behalten wollen, mit ihren grauen Häusern und dem Rauhputz und den Fenstern, durch die der Wind pfeift. Und Potsdam, ich finde, das ist wunderschön geworden.

          Dem Palast der Republik weinen Sie keine Träne nach?

          Als es losging, fand ich es nicht in Ordnung, ich dachte: Wenn es nur um Asbest ginge, müsste man sehr viel im Westen auch niederreißen. Heute finde ich, man soll nach vorne schauen, nicht an jedem alten Lampenladen festhalten. Ich finde es ganz schön, dass jetzt das Schloss kommt. Das Humboldt-Forum. Und die Wippe, da dachte ich: Was soll denn diese Wippe? Und dann: Macht doch diese Wippe, mir sind andere Dinge wichtig!

          Wenn jemand in einem Bereich, also zum Beispiel im Sport, so lange die Nummer eins war: Wie schwer fällt es dann, etwas anderes anzufangen? Leute, die Sie besser kennen, nennen Sie „highly competitive“.

          Das stimmt, aber es stimmt nur für den Eiskunstlauf. Wenn ich jetzt bei Olympia als Expertin arbeite, will ich nicht die beste Expertin sein, besser als Kati Wilhelm oder Maria Riesch. Da tut jeder sein Bestes auf seinem Gebiet. Vielleicht haben wir einen Wettkampf, wer den schönsten Strickpullover trägt. Die größte Bommel an der Mütze.

          Im Februar 2008 bei ihrer zweistündigen Abschiedsshow

          Sie haben, nicht nur als Eisläuferin, mit Film und Fernsehen, mit Kunst und Show geflirtet.

          Ich liebe die Bühne, ich mag die Aufmerksamkeit. Als ich meine „Carmen“ einstudierte, war der Choreograph beim Training nie zufrieden mit mir. Ich habe immer die volle Halle gebraucht, das Vibrieren, die Nervosität.

          Waren Sie sehr enttäuscht, dass auf die Rolle in John Frankenheimers Thriller „Ronin“ keine weiteren großen Kinorollen folgten?

          Nein, null. Ich bin ja bis zum Alter von 42 als Eisläuferin aktiv gewesen, das hieß, dass ich jeden Tag trainieren musste. Zudem war ich Produzentin meiner Shows. Es war nicht möglich, auf dem Eis 100 Prozent zu geben und nebenher vielleicht noch eine Schauspielausbildung zu machen. Ich habe meine Träume auf dem Eis verwirklicht, und es wäre wohl vermessen gewesen, wenn ich geglaubt hätte, das könnte mit der Schauspielerei auch noch gelingen. Ja, vielleicht hätte ich gerne ein bisschen weitergemacht. Aber Schauspielerei ist eben auch ein ernsthafter Beruf.

          Die Szenen in „Ronin“ hat John Frankenheimer nur für Sie geschrieben.

          Ja, ich spielte eine russische Eisläuferin ...

          ... eine Russin namens Natascha ...

          ... und als es so aussah, als müsste ich absagen, aus Termingründen, hat er die Rolle ganz gestrichen. Dann ging es aber doch. Frankenheimer war ein großer Fan des Eiskunstlaufs. Es war ein tolles Erlebnis, mit Robert de Niro und Jean Reno zu drehen. Ein Hollywood-Film.

          Auf dem Olympic Channel ist gerade ein Filmporträt von Ihnen zu sehen, das ein wenig verstörend wirkt in der heutigen Zeit. Da treten Männer auf und loben Ihren Körper, Ihr Aussehen. Ihre „Features“. Wie sexistisch sind die Verhältnisse im Eiskunstlauf?

          Ich habe es nie als sexistisch empfunden, wenn den Leuten mein Körper gefiel. Ich habe das immer als Kompliment genommen. Ich glaube, früher war Eiskunstlauf ein Sport, der eher den Frauen gefallen hat. Und dann haben sich die Männer zu ihren Frauen gesetzt, und sie haben zusammen geschwärmt. Ja, wir haben enge Kostümchen, kurze Röckchen, das ist einfach dieser Sport. Dann lasst die Jungs halt schwärmen.

          Heißt das, dass Sie der #MeToo-Bewegung skeptisch gegenüberstehen?

          Nein, gar nicht. Die Debatte ist wichtig, die Gleichbehandlung ist noch längst nicht erstritten. Nur muss man, gerade im Sport, genau unterscheiden. Der Trainer sagt nicht: Frau Witt, haben Sie die Güte und ziehen Sie Ihre Schlittschuhe an, gehen Sie aufs Eis, und dann wünsche ich mir eine schöne Kür von Ihnen. Er sagt: Raus aufs Eis, beweg deinen Hintern, komm aus dem Knick! Das ist keine Belästigung, das ist Training. Etwas ganz anderes ist es, wenn der Trainer seine Macht über eine junge Sportlerin ausnutzt, ob sexuell oder sonst wie.

          Was Ihnen nie passiert ist?

          Nein, ich gehöre zu den Frauen, die selbstbewusst sind. Und sich sehr gut verteidigen können. Ich war ein Sexsymbol und habe mit der Rolle geflirtet. Mein Gott, 1998 habe ich mich für den „Playboy“ ausgezogen, die haben mich sicherlich nicht gefragt, weil ich ein Streichholz in der Landschaft bin. Wenn ich mich jetzt darüber aufregen wollte, wäre ich ja total auf dem Holzweg.

          Man erzählt sich, Donald Trump sei Ihnen zu nahe getreten.

          Ich saß bei ihm im Büro, es ging um Geschäfte, ob er sich an einem Projekt beteiligt, aus dem dann doch nichts geworden ist. Er gab mir seine Telefonnummer. Das war irgendwann in den frühen Neunzigern.

          Und Sie haben ihn angerufen?

          Natürlich nicht. Später, bei meiner Show im Madison Square Garden, habe ich ihn wiedergesehen. Er hatte mir zuvor schon Blumen aufs Zimmer geschickt, Lilien, ich hasse Lilien. Wir standen da herum, eine Journalistin, drei, vier Frauen. Und Trump kommt dazu und sagt: Sie sind die einzige Frau, der ich meine private Nummer gegeben habe – und die nie angerufen hat. Ich sagte: Irgendwer muss ja mal den Anfang machen. Und die Journalistin hat genau diese Szene in einem Artikel beschrieben.

          Trump war begeistert, nehme ich an.

          Er hat sich gerächt, in seinem Buch „The Art of the Comeback“. Er schreibt, ich hätte ihm nachgestellt. Und dass er nie interessiert gewesen sei. Ich sei ein Kühlschrank, was in Amerika ein Synonym für den Quarterback ist. Also für den athletischsten und muskulösesten Mann im Team. Vier Seiten, um zu sagen, dass er nie interessiert war.

          Hat es Sie, trotz Donald Trump, nie gereizt, in Amerika zu bleiben?

          Ich kenne ja beides, und die Mentalität der Amerikaner liegt mir sehr. Let’s do it, let’s just start it. Wenn ich in Amerika geblieben wäre, dann wäre ich vielleicht ein größerer Star, hätte ein größeres Haus, eine größere Entourage. Aber spätestens nach dem 11. September 2001 habe ich gemerkt, dass ich lieber da bin, wo meine Familie ist, wo meine Freunde sind. Ich fand Deutschland und Europa und diese Geschichte und diese Tradition heimeliger, irgendwie.

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