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FAZ Plus Artikel Jesuitenpater gegen Vatikan : „Lichtjahre entfernt von der Lebensrealität der Glaubenden“

Zurück am Schreibtisch: Ansgar Wucherpfennig hat jetzt wieder Gelegenheit, sich seinen Aufgaben als Hochschulleiter zu widmen. Bild: Frank Röth

Ansgar Wucherpfennig sorgte kürzlich für Aufregung in der katholischen Kirche. Im Interview spricht er über Sekt, die Weihe von Frauen und Raumschiff Enterprise.

          Nach dem „Nihil Obstat“, als also feststand, dass Sie Rektor von St.Georgen bleiben dürfen, sagten Sie in einer ersten Reaktion, Sie seien „überrascht und froh“. Warum überrascht?

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Weil ich gehört hatte, dass es auch noch andere Verfahren gibt, die parallel laufen. Ich habe aber auch wegen der angeschlagenen Themen, Homosexualität und Diakonat der Frau, nicht damit gerechnet, dass es so schnell gehen würde.

          Hat jemand aus dem Vatikan persönlich Kontakt zu Ihnen aufgenommen, um Ihnen mitzuteilen, dass die Bedenken gegen Sie ausgeräumt sind?

          Ich bekam eine SMS vom Provinzial, dem Chef der Jesuiten in Deutschland. Da saß ich gerade im Zug nach München, um an einer Feier der dortigen Hochschule meines Ordens teilzunehmen. Der Provinzial teilte mir mit, dass ich vor der Feier zu ihm ins Büro kommen solle. Wenig später schickte er eine zweite SMS. Darin schrieb er, es spreche nichts dagegen, dass wir auch noch einen Sekt trinken. Nach meiner Ankunft ging ich also zum Provinzial, und es waren Sektgläser aufgestellt. Außerdem lagen da die Dokumente zur Ernennung zum Rektor von St.Georgen und das „Nihil Obstat“.

          Man würde ja annehmen, wenn eine Behörde wie der Vatikan mit einer Entscheidung derart tief in das Leben eines Menschen eingreift, meldet sich jemand persönlich – zunächst, um Ihnen mitzuteilen, dass Ihnen die Unbedenklichkeit verweigert wird, und dann noch einmal, wenn feststeht, dass Sie doch Rektor bleiben dürfen. Warum ist das nicht üblich?

          Tiefgreifenden Einfluss hatte die ausgebliebene Unbedenklichkeitserklärung weniger auf mein persönliches Leben als auf die Abläufe der Hochschule. Wenn sich meine Ernennung zum Rektor noch länger verzögert hätte, hätte das sehr in die strategische Planung der Hochschule eingegriffen. Was mein persönliches Leben angeht: Ich habe immer gesagt, ich kann auch als Professor, Jesuit und Seelsorger leben. Hochschulrektor, das ist ein Zusatzvergnügen.

          Aber ein symbolträchtiges.

          Ja, das stimmt. Und es bedeutet durchaus auch Einfluss.

          Warum gab es keine direkte Nachricht aus dem Vatikan an Sie?

          Das sind halt die üblichen Verfahrenswege. Die Kongregationen kommunizieren nur mit dem Großkanzler der Hochschule, dem Chef der Jesuiten weltweit. Der Großkanzler wiederum kommuniziert nur mit dem Provinzial, und der Provinzial kommuniziert dann mit mir.

          Sind solche hierarchischen Kommunikationsstrukturen noch zeitgemäß?

          Ich finde nicht. Es hätte eine Rückfrage genügt, dann wären manche Sätze aus dem Interview von 2016 in der „Frankfurter Neuen Presse“ zu Homosexualität und Frauenweihe rasch geklärt gewesen.

          Wie soll denn eine Institution wie die katholische Kirche, die schon intern dermaßen schlecht kommuniziert, die Gläubigen von ihrem Angebot überzeugen?

          Die Gefahr besteht, dass sich die Kirche, zumal in ihren lehramtlichen Äußerungen, sehr weit entfernt von den Menschen, denen sie eigentlich die Frohe Botschaft zu verkünden hat. Ein Freund von mir gebraucht immer das Bild vom Raumschiff Enterprise – Lichtjahre entfernt von der Lebensrealität und dem Alltag der Glaubenden. Trotzdem haben wir im wissenschaftlichen Betrieb einer kirchlichen Hochschule die Aussagen und Dokumente der kirchlichen Lehre zu berücksichtigen.

          Wie erklären Sie sich den Sinneswandel der Kongregation?

          Das kann ich mir schwer erklären, weil ich keinen Einblick habe. Es gab jedenfalls keine neue Faktenlage, die einen Sinneswandel begründen könnte. Mein Eindruck ist, dass drei Faktoren zusammengewirkt haben. Erstens waren sowohl der Provinzial der Jesuiten als auch der Limburger Bischof in ihrer Solidarität sehr beeindruckend. Der zweite Grund ist die breite öffentliche Solidarisierung mit meinen Positionen und mit mir. Und der dritte Punkt ist, dass sich ziemlich leicht klarmachen lässt, dass die meisten Vorwürfe der Glaubenskongregation auf Missverständnissen beruhten.

          Welche Reaktionen gab es, nachdem feststand, dass Sie Rektor bleiben können?

          In München gab es an jenem Festabend großen Applaus in der dortigen Hochschule. Das hat mich gefreut. Auch sonst habe ich fast nur zustimmende Rückmeldungen bekommen und Glückwünsche. Ich bin natürlich sehr dankbar für die Solidarität vorher und die Glückwünsche jetzt. Kritische Rückmeldungen gab es nur sehr wenige, zum Beispiel von Kardinal Gerhard Ludwig Müller. Er hat gemeint, ich hätte einen praktischen Atheismus in die Kirche und in die Theologie hineingetragen.

          Was sagen Sie zu so einem Vorwurf?

          Ich vermute, dass er mir nie zugehört hat oder gelesen hat, was ich geschrieben habe. Mit praktischem Atheismus meint er, ich verträte die Ansicht, dass Gott für das moralische Handeln von Christen keine Rolle spielen würde. Das ist nicht der Fall, das habe ich nie gesagt. Ich glaube vielmehr, dass Sexualität von heterosexuellen wie homosexuellen Menschen verantwortungsbewusst gelebt werden muss. Hinter diesen Anspruch gehe ich nicht zurück. Ich gehe dabei sicher davon aus, dass der Mensch das Ebenbild Gottes ist und daher auch eine Würde hat.

          Warum muss die katholische Kirche ihre Haltung zu Homosexualität und Frauenweihe ändern?

          Beim Thema Sexualität spielt für mich nicht nur Homosexualität eine Rolle, sondern auch die Frage, wie die Kirche darauf antworten kann, dass ein geordnetes bürgerliches Familienleben längst nicht mehr repräsentativ ist in der Gesellschaft. Es ist nicht einfach, solche Antworten zu finden, weil das Scheidungsverbot durchaus auf Jesus zurückgeht. Es gibt außerdem die Ansicht, dass Monogamie und Monotheismus zusammengehören. Trotzdem brauchen wir Antworten, weil die Lebensrealität der Menschen heute anders aussieht. Dem bürgerlichen Familienideal folge ich als zölibatär lebender Mann und Priester übrigens auch nicht.

          Was ist mit der Frauenweihe?

          Dieses Thema erscheint mir genauso dringlich. Die Einbeziehung von Frauen in die amtliche Struktur ist wichtig.

          Soll das so weit gehen, dass es auch Priesterinnen gibt?

          Der erste Schritt ist realistischerweise der Diakonat. Darüber hat ja der Papst selbst schon gesprochen. Für mich ist die Frage: Was bedeutet ein solcher Diakonat? Soll es um zwei, drei liturgische Zwischenrufe im Gottesdienst gehen? Oder ist damit eine echte Wertschätzung in der Seelsorge gemeint, die durch einen Frauendiakonat amtlichen Rückhalt hätte.

          Worin besteht die inhaltliche Bereicherung?

          Für mich geht es jedenfalls nicht darum, unsere Nachwuchsprobleme zu lösen. Ich glaube auch nicht, dass sich die Situation gravierend ändern würde, wenn Frauen zum Beispiel zum Diakonat zugelassen wären. Für mich ist es vielmehr eine Gerechtigkeitsfrage, ob Frauen die Möglichkeit haben, sobald sie der Barmherzigkeit Gottes bedürfen, sich an Frauen zu wenden, die ihnen das Sakrament der Versöhnung spenden können.

          Auch männliche Diakone dürfen doch keine Beichte abnehmen.

          Noch nicht. Deshalb finde ich es sinnvoll, im Zusammenhang mit dem Frauendiakonat genau das zu erwägen. Wenn man sich die Breite der Aufgaben von Frauen im Neuen Testament anschaut, ist es durchaus möglich, über eine andere Gestalt des Diakonats nachzudenken.

          Frankfurter Allgemeine Zeitung

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