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FAZ Plus Artikel Allensbach-Umfrage : Wie antisemitisch ist Deutschland?

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Kann man in Deutschland noch mit Kippa auf die Straße gehen? Eine Allensbach-Umfrage zeigt, wie es um Judenfeindlichkeit in Deutschland steht. Bild: dpa, FAZ.NET

Die Öffentlichkeit ist beunruhigt, weil Juden in Deutschland offen angefeindet werden. Eine Allensbach-Umfrage für die F.A.Z. zeigt aber, dass der Antisemitismus insgesamt abnimmt – nur bei Anhängern einer Partei nicht.

          Im April dieses Jahres ging der israelische Student Adam A., der aus einer arabischen Familie stammt, mit einer Kippa, der typischen jüdischen Kopfbedeckung, in Berlin spazieren. Die Kippa hatte ihm ein jüdischer Freund geschenkt mit dem Hinweis, er solle damit nicht auf die Straße gehen, denn das könne gefährlich sein. Adam A. wollte das Gegenteil beweisen. Er irrte sich.

          In seinem eigenen Wohnviertel, dem vermeintlich toleranten Prenzlauer Berg, kamen ihm junge Männer entgegen und beschimpften ihn als „Hurensohn“. Eine Videoaufnahme, die sich rasch im Internet verbreitete, zeigt, wie ein Mann unter „Jehudi“-Rufen („Jehudi“ steht im Arabischen für „Jude“) mit einem Gürtel auf ihn eindrischt.

          Dieser Vorfall hat eine Diskussion über Antisemitismus in Deutschland ausgelöst. Stärker als zuvor wurde die Öffentlichkeit darauf aufmerksam, welchen Anfeindungen Juden heute ausgesetzt sein können. Erst im Dezember war ein israelischer Restaurantbesitzer in Berlin-Schöneberg auf der Straße minutenlang beschimpft worden. Schulen berichteten über Übergriffe auf jüdische Schüler, oft von Mitschülern arabischer Herkunft. Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, riet davon ab, in deutschen Großstädten Kippa zu tragen.

          Importierter Antisemitismus?

          Es entstand eine Debatte darüber, dass Deutschland mit der Zuwanderung Hunderttausender Menschen aus muslimischen Ländern ein wachsendes Problem mit „importiertem“ Antisemitismus bekomme. Gleichzeitig fehlte es aber auch nicht an Warnungen, wonach es unredlich sei, zu versuchen, das Problem den Einwanderern in die Schuhe zu schieben: Die Judenfeindlichkeit sei auch in der eingesessenen Bevölkerung nach wie vor weit verbreitet.

          Stimmt das? Die Umfragen des Instituts für Demoskopie Allensbach zeigen kein eindeutiges Bild. Tatsächlich halten sich einige Klischees über „die Juden“ hartnäckig in der Bevölkerung. Doch echte Judenfeindlichkeit empfindet anscheinend nur eine kleine Minderheit. Und vor allem: Antisemitismus ist in den vergangenen Jahrzehnten eher seltener geworden.

          Auf die direkte Frage „Ist Antisemitismus, also Judenfeindlichkeit, heute bei uns ein großes Problem, oder sind das aus Ihrer Sicht Ausnahmefälle?“ antworteten die Befragten wenig besorgt. 23 Prozent meinten, es handele sich um ein großes Problem, 58 Prozent glaubten, bei den in den Medien berichteten Übergriffen handele es sich um Einzelfälle. Erinnerte man sie an den Vorfall von Prenzlauer Berg, fielen die Antworten deutlich skeptischer aus: Nur 27 Prozent sagten, das sei ein Einzelfall gewesen, während 44 Prozent glaubten, der Angriff auf den Mann mit Kippa sei ein Zeichen für verbreiteten Antisemitismus unter Menschen arabischer Herkunft in Deutschland.

          Es gibt keine Hinweise darauf, dass sich die Deutschen einer Auseinandersetzung mit dem Massenmord an den Juden im Dritten Reich verweigerten. Auf die Frage „Glauben Sie, das meiste, was über Konzentrationslager und Judenverfolgung berichtet wird, ist wahr, oder ist da vieles übertrieben dargestellt worden?“ antworteten aktuell 81 Prozent, ihrer Ansicht nach seien die meisten dieser Berichte wahr, lediglich sechs Prozent widersprachen.

          Auch der These, man werde zu viel mit den Verbrechen der Nationalsozialisten konfrontiert, stimmt die Mehrheit nicht zu. Eine Frage lautete: „Wird heutzutage in Zeitungen, im Radio und Fernsehen eigentlich zu viel oder zu wenig über die Judenverfolgung im Dritten Reich berichtet?“ 26 Prozent antworteten auf diese Frage, es werde zu viel darüber berichtet, im Februar 1995 waren es noch 36 Prozent gewesen.

          Die gleiche Tendenz zeigen die Antworten auf die Frage, ob man so lange nach Kriegsende nicht mehr so viel über die Nazi-Vergangenheit reden und besser einen Schlussstrich ziehen sollte. 45 Prozent vertreten heute diese Ansicht, im Jahr 1986 waren es in Westdeutschland noch 66 Prozent, 21 Prozentpunkte mehr als heute.

          Stolpersteine als Erinnerungsstütze

          Ein kleines, aber aufschlussreiches Detail in diesem Zusammenhang sind die „Stolpersteine“, Messingplatten, die auf Initiative des Künstlers Gunter Demnig seit 1992 an vielen Orten in das Straßenpflaster eingefügt wurden und die an Menschen – meist Juden – erinnern, die an den betreffenden Orten gelebt hatten und von den Nationalsozialisten deportiert und ermordet wurden.

          58 Prozent der Deutschen haben solche Stolpersteine schon gesehen, fast ebenso viele, 54 Prozent, sagen, sie hielten es für eine gute Idee, auf diese Weise an die jüdischen Opfer des NS-Regimes zu erinnern, lediglich 15 Prozent widersprechen.

          Deutlich zurückhaltender zeigen sich die Deutschen, wenn es um die Frage geht, ob Deutschland Israel gegenüber eine besondere Verantwortung hat. 31 Prozent der Befragten stimmten in der aktuellen Umfrage dieser These zu, 41 Prozent widersprachen, wobei ein deutlicher Generationenunterschied zu beobachten ist: Während 39 Prozent der Sechzigjährigen und älteren Befragten meint, dass Deutschland für das Schicksal Israels eine besondere Verantwortung trägt, sind es bei den unter Dreißgjährigen nur 22 Prozent.

          Es spricht damit einiges dafür, dass es mit zunehmendem zeitlichen Abstand zum Dritten Reich für die Bundesregierung schwieriger wird, die Haltung zu vermitteln, wonach die Sicherheit Israels zur Staatsräson der Bundesrepublik gehöre.

          Die Umfrageergebnisse enthalten keine Hinweise auf ausgeprägte oder gar steigende Judenfeindlichkeit in der Bevölkerung: Bei einer Frage wurde eine Liste mit verschiedenen Bevölkerungsgruppen vorgelegt. Die Befragten wurden gebeten anzugeben, welche dieser Personengruppen sie nicht gerne als Nachbarn hätten.

          77 Prozent sagten, sie würden nicht gerne neben Drogenabhängigen wohnen, 75 Prozent nannten Rechtsextremisten, 73 Prozent Leute, die oft betrunken sind, 56 Prozent Linksextremisten und 28 Prozent Muslime. Juden wollten dagegen nur 5 Prozent nicht als Nachbarn haben. 1991 waren es 12 Prozent gewesen.

          Gehalten haben sich allerdings – vermutlich größtenteils im Unterbewusstsein – manche Klischees über Eigenschaften von Juden. Dies zeigen die Antworten auf eine Frage, bei der die Interviewer 22 Karten überreichten, auf denen Persönlichkeitseigenschaften standen. Eine Hälfte der Befragten wurde gebeten, die Karten herauszulegen, auf denen Eigenschaften standen, die man besonders häufig bei Juden fände. Die andere Gruppe wurde aufgefordert, die gleichen Eigenschaften Muslimen zuzuordnen.

          Das Zerrbild vom gierigen, hinterlistigen Händler

          Der Vergleich zwischen den Juden und Muslimen zugeordneten Eigenschaften ist aufschlussreich. Beide wurden von einer deutlichen Mehrheit als religiös (Juden 72, Muslime 81 Prozent) und traditionsbewusst bezeichnet (Juden 65, Muslime 73 Prozent). Doch dass sie erfolgreich im Geschäftsleben seien, meinten 66 Prozent von Juden, nur 18 Prozent von Muslimen. Auch Intelligenz und Fleiß wurden Juden wesentlich häufiger als Muslimen zugeschrieben, ebenso Geldgier, während umgekehrt Muslime deutlich häufiger als Juden als radikal, unversöhnlich und rücksichtslos beschrieben wurden.

          Man kann nicht behaupten, dass die genannten Eigenschaften die Vorstellung der Juden bei den Deutschen dominieren, aber ein wenig schimmert in den Antworten doch das Zerrbild vom gierigen, hinterlistigen Händler durch. Viele Befragte, die entsprechende Antworten geben, würden die Anschuldigung, sie hätten Vorurteile gegenüber Juden oder seien gar Antisemiten, empört und mit Recht zurückweisen. Klischees dieser Art werden über Jahrhunderte tradiert und nisten sich ins Unterbewusstsein ein: der stolze Spanier, der emotionale Italiener, der tiefsinnige Russe, der geldgierige Jude. Es bedarf viel Zeit und Geduld, sie zu korrigieren.

          Trotz solcher Spuren alter Vorurteile ist aber die Judenfeindlichkeit in Deutschland deutlich geringer als die Islamfeindlichkeit. Zählt man alle Prozentwerte der elf zur Auswahl gestellten negativen Eigenschaften zusammen und berechnet den Durchschnitt, erhält man bei Juden 15, bei Muslimen 27 Prozent.

          Antisemitismus ist Phänomen der politischen Rechten

          So lässt sich also festhalten, dass der Antisemitismus in Deutschland trotz der Vorfälle in letzter Zeit, bezogen auf die Bevölkerung insgesamt, nicht zu-, sondern eher abgenommen hat. Das bedeutet aber nicht, dass er kein Problem wäre. Deswegen lohnt es sich, der Frage nachzugehen, in welchen Bevölkerungsgruppen Judenfeindlichkeit oder die mit ihr verbundenen Klischeevorstellungen besonders stark vertreten sind.

          Traditionell erwartet man, dass die Vorbehalte gegenüber Juden vor allem am rechten Rand des politischen Spektrums besonders stark sind. Andererseits ist in der öffentlichen Diskussion wiederholt darauf hingewiesen worden, dass auch bei der politischen Linken erhebliche antisemitische Affekte vorhanden seien, meist verknüpft mit antiamerikanischen Einstellungen. Dies mag in manchen intellektuellen Kreisen der Fall sein, doch insgesamt ist der Antisemitismus in der Tat vorwiegend ein Phänomen der politischen Rechten.

          Durchgängig zeigt sich in den Umfrageergebnissen, dass die Urteile über Juden bei den Anhängern der AfD deutlich negativer ausfallen als bei den Anhängern aller anderen Parteien. Ein Beispiel hierfür bietet eine Frage, bei der die Theorie von der „jüdischen Weltverschwörung“ in einer vorsichtigen Formulierung angesprochen wurde. Sie lautet: „Wenn jemand sagt: ‚Juden haben auf der Welt zu viel Einfluss.‘ Würden Sie sagen, das stimmt, oder das stimmt nicht?“

          22 Prozent stimmten der These zu. Bei den Anhängern der Parteien schwankte der Wert zwischen 16 (SPD) und 20 Prozent (Die Linke). Lediglich die Anhänger der AfD fielen vollkommen aus dem Rahmen: 55 Prozent von ihnen meinten, Juden hätten auf der Welt zu viel Einfluss. Hier trennt ein tiefer Graben die AfD-Anhänger von denen der anderen Parteien.

          Auch bei einer analog formulierten Frage, ob Muslime auf der Welt zu viel Einfluss hätten, sonderten sich die AfD-Anhänger von den anderen Befragten ab: Sie stimmten zu 54 Prozent der These zu, während es bei den Anhängern der anderen Parteien zwischen 22 und 35 Prozent waren. Judenfeindlichkeit und Islamfeindlichkeit stehen offensichtlich nicht im Widerspruch zueinander.

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