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FAZ Plus Artikel Schweinemast-Beraterin : „Sie hat uns die Augen geöffnet“

Und hinter zweieinhalb Stäben meine Welt: Diesem Eber geht es besser, als man denkt. Er ist der Stimulator für die Sauen der Nebenbucht. Sie dürfen einander mit dem Rüssel nahe kommen; mehr geht nicht. Bild: Jan Grossarth

Zum Tierwohl gibt es viele Sonntagsreden und „runde Tische“. Schweine zu mästen bleibt aber eine Drecksarbeit. Dafür, dass die Tiere künftig besser leben können, braucht es Menschen wie Frau Lechner.

          Vom Grill zum Lebensort der Schweine ist die Strecke nicht weit. Kulturell ist es eine Weltreise. Wir machen sie mit Mirjam Lechner, einer engagierten Frau, Unternehmensberaterin für Schweinemäster. Sie ist eine unbequeme Beraterin, denn sie sagt, was sie denkt, und sie denkt, dass es eine Menge an Problemen gibt. Sie spricht den ganzen Tag ohne längere Pause, und wenn man ihr zuhört, versteht man, wie krank das System ist.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Dabei würde Lechner nie von „System“ sprechen. Sie reagiert geradezu allergisch auf das Wort. „Das ist ein ideologischer Begriff aus den achtziger Jahren, und der hilft uns auch nicht weiter“, sagt sie. „Wenn meine Bauern ,System‘ hören, dann schalten sie sofort ab, dann greifen gleich die Abwehrreaktionen.“

          Abwehrreaktionen gibt es reichlich. Bauern fühlen sich beleidigt, weil so viel herumgejammert wird über die Tierhaltung. Schweinemäster sagen, alles sei gut, die Medien seien quotensüchtige Miesmacher. Bauer Holtkötter etwa aus dem Münsterland, einer der vielen Dutzend twitternden Landwirte, sagte das jetzt wieder: Er sehe keine Probleme, und dass ein Tier manchmal krank werde – ja, das sei ja wie bei den Menschen, die auch gelegentlich ins Krankenhaus müssten.

          Aber als Mirjam Lechner ein Kind war, musste ihr Hofschwein nicht ins Krankenhaus. Damals wuchs sie auf einem unterfränkischen Bauernhof auf, der zwischen Wald und Feldern und zwischen zwei Dörfern gelegen ist. Es war und ist bis heute keine privilegierte Gegend für Bauern. Die Böden waren mager, die Winde kalt. Der Vater war aus einem an Polen verlorenen Dorf hierhergeflüchtet. In dieser Gegend wuchs das Getreide spät und mager, es gab keine großen Gewinne und kein großes Wachstum, es gab nicht viel zum Investieren. Es gab Tiere, vor allem Schweine, für Kühe waren die Böden zu karg.

          Mirjam Lechner kennt glückliche Schweine noch aus ihrer Kindheit.

          Mirjam Lechner mag Schweine seit ihrer Kindheit. Als kleines Mädchen ist sie sogar auf den dicken Sauen geritten, wie andere auf Ponys. Sie kennt die Schweine von daher gut, sie kann an ihrem Verhalten lesen, ob es ihnen gutgeht. Und sie hat diesen Blick nie aufgegeben, auch nicht durch ihr Studium und Beraterinnendasein. Sie ist deswegen eine besonders kritische Beraterin, weil sie eine gute Kindheit mit Schweinchen hatte.

          Wir fahren noch tiefer nach Unterfranken, bleiben aber in dieser Gegend mit den kargen Böden. Ein Aussiedlerhof mit großen Mastställen liegt einen Kilometer hinter einem Dorf. Es darf nicht in der Zeitung stehen, wie das Dorf heißt oder die Bauern. Denn sie fürchten sich vor den Tierschützern, so sagen sie. Die Leute hier sind dem Anschein nach nicht reich. Auch hier war es immer hart, zu überleben. Einfache Räume mit einfachen Eichenmöbeln; beige Fliesen, einfache Kaffeebecher, Spinnenweben. Im Schweinestall: Beton, wenig Licht, auch Spinnweben. Tierbuchten mit, Eisenstangen voneinander abgetrennt, das Übliche; Sauen mit Eisenkorsetten von Ferkeln getrennt.

          Es sind freundliche, engagierte Bauern, die uns durch die Ställe führen. Und es ist bedrückend, durch diese Ställe zu gehen.

          Denn viele Ferkel sind nicht gesund. Der Besucher spürt das. Der Bauer weiß das. Sonst hätte er die Beraterin ja nicht angerufen. Lechner weiß das. Sonst wäre sie nicht Beraterin. Sie sieht es, wenn sie gemeinsam durch die dunklen Mittelgänge der Mastanlagen gehen. Links und rechts, zwischen den engen Metallstangen, liegen die Sauen. Die haben keinen Freiraum zum Laufen, damit sie die wertvollen Ferkel nicht erdrücken. Lechner nimmt einige Ferkel, schaut ihnen in die Augen, untersucht die Klauen, die Schwänze, leuchtet mit der Taschenlampe und macht Fotos. Sie macht auch Fotos mit der Wärmebildkamera; von den Tieren, von den Tränkanlagen, langen Wasserschläuchen, die von der Decke herunterfallen.

          „Bauern haben leider den Blick für das gesunde Tier verloren“

          Lechner sieht mit der Wärmebildkamera und dem Auge Fieber und Wassermangel. „Die Bauern haben leider selbst den Blick für das gesunde Tier verloren“, sagt sie. Die häufigsten Befunde: Entzündungen an den Gelenken, Fieber bei den Neugeborenen, dehydrierte Tiere, zu viele Ferkel für zu wenige Zitzen, so dass einige Krüppel nicht überleben. Vieles ist bekannt, der Schlachtkonzern Vion veröffentlicht Befundstatistiken. Viele Ursachen und Zusammenhänge aber sind durch Mirjam Lechner ans Licht gekommen.

          Der Bauer ist ein junger, magerer und bescheidener Mann. Er trägt eine Schirmmütze vom regionalen Schweine-Besamungsverein. Er sagt, er habe Angst vor Tierschützern, er will unerkannt bleiben. Unter einem Pseudonym wirbt er auf Facebook für die konventionelle Tiermast, wie einige hundert Bauern. Sie weisen Journalisten auf Fehler hin und hoffen, hier die Herzen zu gewinnen. Aber hier ist auch der Ort des Konfliktes mit dem Hauptfeind. „Sobald die Tierschützer uns erkennen, kommen sie, machen heimliche Aufnahmen, und dann ist man im Fernsehen.“ Der junge Bauer wirkt verunsichert. Er will den Betrieb halten, er will, dass es den Tieren gutgeht. Er hat investiert, damit es ihnen besser geht. In Tränken, größere Gehege, den Gummispaltenboden.

          „Durch Frau Lechner habe ich erst erfahren, was nicht gut ist mit den Tieren“, sagt er, „sie hat uns die Augen geöffnet.“

          Rund 17 Euro für jeden heilen Schwanz

          Auch die Politik, auch die Handelsketten wie Rewe und Lidl, haben erkannt, dass es Probleme gibt. Aber auch, dass die Bauern die ärmsten Würstchen im Getriebe sind; dass die notwendigen großen Änderungen nicht ohne den Handel kommen, nicht ohne Ordnungsrecht. Um die Verbesserungen zu messen, ist seit wenigen Jahren eine Zielgröße definiert: der Schwanz. Wenn der Ringelschwanz eines Schweins bei der Schlachtung noch vollkommen sei, also nicht an- oder abgefressen, sei dies ein Indikator für „Tierwohl“, heißt es. Der damalige Agrarminister Niedersachsens, Christian Meyer von den Grünen, erfand vor wenigen Jahren eine „Ringelschwanzprämie“. Rund 17 Euro bekommt ein Bauer vom Staat für jeden heilen Schwanz. In Niedersachsen haben die Bauern in diesem Jahr für gut zweihunderttausend Schweine Prämie beantragt.

          Manche Erzeugergemeinschaften haben das Modell adaptiert. Aber wenn der heile Ringelschwanz ein Kriterium für ordentliche Tierhaltung wäre – wie ist das zu schaffen? Viele Wissenschaftler machten Experimente: Mit der Stallbeleuchtung, dem Futter, dem Platz für die Tiere, „Beschäftigungsmaterial“. Die Schweine sollen sich so wohl fühlen, dass sie nicht anfangen, einander an den blutigen Schwänzchen zu knabbern. Das Ergebnis mehrjähriger Forschung: Es ist sehr schwierig, das abzustellen.

          Mirjam Lechner weiß, warum. Ihr Kinderblick ist klüger. Sie sieht diese Stallwelten auch nicht, wie der Mäster, jeden Tag. Sie kommt immer wieder von außen rein, sie verliert ihr Gespür nicht im Schweiße des Alltags und Gestank der Sickergruben. Die Wissenschaftler und Tierzuchtingenieure, die sich in den vergangenen Jahren mit dem Problem des Schwanzbeißens befasst haben, waren meist davon ausgegangen, dass es Schwanzbeißer gebe. Schweine, die einfach aggressiver seien als andere. Vergleichbar mit den ADHS-Kindern. Landwirte haben behauptet, sie seien gewissermaßen machtlos, wenn sie von den Züchtern Ferkel geliefert bekämen, die Schwanzbeißer seien; da könne man auch bei fachgerechtester Versorgung die Ringelschwanzprämie nicht erreichen.

          „Darmgesundheit ist das A und O“

          Mirjam Lechner zweifelt daran, dass es das gibt, Schwanzbeißer. „Ich stelle manchmal in Frage, ob das Beißen überhaupt eine klassische Verhaltensstörung ist.“ Sie sieht ein Teil des Problems systematischer begründet: im Stress der Sauen und Ferkel, in falscher, nur in der Orientierung auf schnelles Wachstum ausgewählten Tierernährung. „Darmgesundheit ist das A und O“, sagt sie. Der Bewegungsmangel kommt hinzu. All das befördert Entzündungen, Nekrosen, ein Absterben von Zellen. Die stimulieren das Schwanzbeißen. In diesem Sinne zeigte Mirjam Lechner, dass Ferkel oft schon krank zur Welt kämen. Wenn sie sich an ihre Mutter kuscheln, sei das kein Zeichen von Liebe und Gesundheit, sondern davon, dass sie fiebern. Das Problem, welches durch das Schwanzbeißen sichtbar wird, liegt tief.

          Viele Bauern, sagt sie, hätten auch verlernt, ihre Tiere zu berühren: „Wenn man nicht begreift, was das Tier hat, muss man es erst mal anfassen. Begreifen fängt mit Anfassen an.“

          Lechners Ansatz: Wer mitfühlen will, muss anpacken.

          Gesunde Schweine, sagt Lechner, verhalten sich so – und sie zeigt ein Video, auf dem dieses Verhalten zu sehen ist: Wenn sie ihre aktive Zeit haben, springen die gesunden Tiere wild durcheinander, wie Wiesenferkel. Sie saufen und fressen; nicht aber ihre Schwänze. Gesunde Schweine, zeigt Mirjam Lechner, haben feine Härchen, galoppieren und grunzen „off off off“. Auch von kranken Schweinen hat sie ein Video: Sie liegen träge herum oder bewegen sich apathisch lahm durch ihre Betonbox. Sie glänzen wie Lack. Wenn sie ihre Vorderbeine abknicken, ist das keine Ruhepose, sondern deutet auf entzündete Klauen hin.

          Frau Lechner will auch den Bauern helfen. Sie sagt: „Es ist ja wirklich so einfach zu sagen: Die Tierhaltung ist schlecht, das wollen wir nicht, die Politik muss etwas tun. Dabei kann man so viel verbessern mit einfachen Mitteln. Man muss den Bauern die Probleme zeigen. Und sie nicht nur kritisieren, denn das führt sofort zu Abwehrreaktionen.“

          Der fränkische Bauer, mit dem sie nun zum Abschlussgespräch am Holztisch sitzt, will sich nicht nur verteidigen, sondern lernen. Er hat nach den ersten Beratungsterminen mit Frau Lechner das Futter geändert. Weniger Weizen, dafür mehr Rauhfutter, zum Beispiel Heu und Stroh. Er verfüttert neuerdings sogar Hirse, die er selbst anbaut. Er tut vieles, um den Schimmelanteil im Futter zu verringern. Er gibt den Sauen, bevor sie in die enge „Abferkelbox“ kommen, vierzig Prozent mehr Platz und Tageslicht, er hat ihre Trinkstellen verlagert, damit sie in Bewegung sind, und er lässt sie jetzt aus Bottichen saufen. Viele Schweine, hatte Lechner gesagt, seien dehydriert. Das liege an den Tränken: „Ein Schwein ist ein Schlürfsäufer, das muss unten hin.“ Der Bauer hat die Temperatur im Stall gesenkt, unterschiedliche Klimazonen für die Tiere in den Boxen geschaffen.

          Einhundert Kilometer entfernt, in der Nähe von Schwäbisch Hall, warten die nächsten Bauern. Lechner erreicht sie am Nachmittag. Gemeinsam geht es durch den Hygieneraum. Man zieht die Jeans und Hemden aus unter dem blauen Overall, damit sie nicht den beißenden Gestank in den Ställen in sich aufnehmen. Auch in diesem Stall, in dem schwarzgefleckte Abkömmlinge des Schwäbisch-Hällischen Schweins an Eutern saugen, findet Lechner viel, was nicht gut ist. Fieber, nicht genutzte Trinkstellen, Kotprobleme, Ferkel mit wunden Hinterläufen. Mit aufgequollenen, geschwollenen Gesichtern.

          Diese Bauern bekommen als Ratschlag, einen robusteren Zuchteber zu verwenden. Schimmel im Futter zu reduzieren. Die Landwirtin wirkt erleichtert. Und zwar, weil nun erstmals ihre Probleme ausgesprochen sind – und auch, weil sie erfahren hat, dass es die Missstände auf den meisten Höfen gibt. „Puh“, sagt sie, „wir haben uns nicht getraut, das anderen Bauern zu erzählen.“

          Viele Verbraucher wissen nicht, wie auch sie im Supermarkt zu der Problematik beitragen. Allein dadurch, dass sie mageres Schweinefleisch kaufen. Die Leute glauben, fett sei ungesund, obwohl dies nicht dem Stand der Wissenschaft entspricht, Ein Schwein, das nicht zu Krankheit neigt, das weniger Antibiotika bräuchte, müsste fetter sein. Fett schützt vor Zugluft, Kälte und Mangel. Wenn man sich das Kotelett eines mittelalterlichen Wollschweins ansähe, das robust in den Wäldern lebte, sähe man überwiegend Fett; das kaufte niemand. Die mageren Schweine brauchen Wärme und Windschutz. Sie sind für Ställe gezüchtet.

          Der fränkische, magere Bauer sagt, das Problem sei die Unwirtschaftlichkeit guter Haltung: „Die Leute müssten für Gesundheit zahlen.“ Es gibt aber keinen Markt für Schweinegesundheit, sondern nur für Magerfleisch. Der Bauer hat drei Kunden, der wichtigste ist die Kette Kaufland. Der Handel will nichts als mageres Fleisch. Er muss es wollen.

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