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Christliche Werte gegen Rechts : „Es gibt zu wenige konservative Mitstreiter“

„Wenn das Kreuz dort, wo es gar nicht war, künstlich verordnet und plakatiert wird, wirkt das wie staatliche Missionierung“, erklärt Andreas Püttmann. Bild: dpa

Der Publizist Andreas Püttmann kritisiert als konservativer Katholik den Kreuz-Erlass der CSU und unterstützt die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin. Dafür wird er attackiert. Ein Gespräch über den christlichen Widerstand gegen menschenfeindlichen Populismus.

          7 Min.

          Sie haben nach dem Stammzellbeschluss und Angela Merkels Kritik am damaligen Papst Benedikt 2009 die CDU verlassen. Heute kennt man Sie vor allem aus den sozialen Medien als Warner vor der AfD und den Neuen Rechten. Sie kritisieren Söders Kreuz-Erlass und verteidigen die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin – und immer ist dabei klar, dass ein Katholik spricht. Wundern Sie sich über die neuen Freunde von links, die Ihnen auf Twitter folgen?

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Für jemanden, der nie links gewählt hat, eine neue Erfahrung, ja. Zeitenwenden bringen neue Allianzen hervor. Als Kind haben mich die Erzählungen meiner Tante Maria geprägt. Da waren die „Sozzis“ der Standardgegner, die „Nazzis“ der Todfeind. Es war klar, dass Leitplanken links und rechts verlaufen – nur war die radikale Rechte lange unbedeutend. Sie wurde kulturell ausgegrenzt. Die Dämme sind durch die neuen sozialen Medien gesprengt worden. Jetzt ergießt sich die Brühe autoritären, völkischen und fremdenfeindlichen Ressentiments in den öffentlichen Raum. Kultur beruht auf der richtigen Ermutigung des Schönen, Wahren, Guten – und der Entmutigung des Destruktiven, Menschenfeindlichen, Zügellosen. Ausgrenzung ist bei uns negativ besetzt – aber angesichts der Verrohung muss man vielleicht noch einmal neu darüber nachdenken.

          Machen die sozialen Medien aber nicht einfach nur sichtbar, was längst an Strömungen vorhanden ist?

          Nicht nur, sie verwirren und radikalisieren auch. Man erkennt Rechtspopulismus nicht nur an Inhalten, sondern auch habituell: Empathielosigkeit. Daueraufgeregtheit. Die Hybris, gegen alle anderen die rettende Lösung und den Mut zur Wahrheit zu haben. Das Christentums lehrt das Gegenteil: Nächstenliebe, Gelassenheit und Demut im Bewusstsein eigener Irrtumsanfälligkeit. Viele achten in der Politik einseitig auf inhaltliche Versprechen. Und da sind konservative Christen auf Lebensschutz und Genderfragen fokussiert. Die AfD wirft ihnen ein paar Köder hin, und sie schnappen zu. Für mich war aber von Anfang an befremdlich, wie die AfD auftritt: der hochfahrende Ton, das unterkomplex Besserwisserische, Hämische, Giftige.

          Der Bonner Publizist Andreas Püttmann

          Auf der anderen Seite stellen Sie eine „Ängstlichkeit der Mehrheit“ fest, die sich das gefallen lässt. Warum nur?

          Mehr als Ängstlichkeit sind es Lauheit, Unaufmerksamkeit und Fehldeutungen aus historischer Unkenntnis. Einige meiner früheren katholischen Mitstreiter sind ins AfD-Lager gedriftet. Andere wählen zwar nicht AfD, machen aber auch keinen Finger krumm, um etwas dagegen zu tun. Sie rennen weiter gegen alte linke Feindbilder an und verachten die liberale, geschiedene Protestantin aus dem Osten im Kanzleramt. Sie nehmen das brutale Potential des Rechtspopulismus nicht wahr, vor allem, wenn sie nicht die sozialen Netzwerke kennen.

          Warum aber lässt sich die Mehrheit von einer Minderheit vor sich hertreiben? Die AfD sitzt mit knapp dreizehn Prozent im Bundestag, ihr Lieblingsthema, die Asylpolitik, dominiert trotzdem die politische Debatte.

          Zum einen gibt es da ungelöste Probleme. Aber Radikale sind auch eifriger und lauter als Moderate, investieren mehr Zeit, Herzblut und Geld in ihren Kampf. Vielen Konservativen fällt es schwer, sich umzustellen, nachdem sie die ganze Bundesrepublik hindurch erlebt haben, dass von rechts keine echte Gefahr droht. Ich habe einen älteren Freund gefragt: Warum tust du nichts dagegen? Seine pikierte Antwort: „Ich habe schon 1968 gegen die NPD demonstriert!“ Hilft nur jetzt nix. Auch Konfliktscheu im eigenen Lager spielt eine Rolle. Man riskiert ungern die Nestwärme. Die correctio fraterna, die brüderliche Ermahnung zur Mäßigung, funktioniert unter antilinken Weggefährten oft nicht.

          Im Grenzstreit zwischen CDU und CSU spricht nicht nur der evangelische Ministerpräsident Bayerns, Markus Söder, sondern inzwischen auch die katholische Bundesministerin Julia Klöckner von „Asyl-Tourismus“. Was denken Sie als Christenmensch von diesen Christenmenschen?

          Dass sie ihre Worte nicht sorgsam wägen. Und dass sie wohl selten mit Flüchtlingen über deren Nöte gesprochen haben. Sind ja keine Wähler.

          Wenn es darum geht, das Abendland vor dem Untergang durch die Islamisierung zu bewahren, stehen aber eigentlich nicht die Christen ganz vorn an der Front, im Gegenteil: Ihr Anteil bei der AfD-Wählerschaft ist gering.

          Abendlandverteidiger gibt es in mehreren Typen. Einer ist der identitäre Christianist: Er hat oft wenig mit der Kirche zu tun, ist vielleicht sogar konfessionslos und marschiert trotzdem hinter schwarzrotgoldenen Kreuzen bei Pegida mit. Weil er nichts anderes hat und beim Kampf gegen den Islam praktischerweise zum religiösen Pendant greift. Daneben gibt es wirklich Gläubige, aber das sind wenige. Bei einer Allensbach-Umfrage vom März stimmten kaum vier Prozent der Kirchennahen für die AfD. Die es doch tun, haben oft ein einseitiges Verständnis vom Christentum als Ordnungsfaktor. Und was sie besonders gern ordnen, sind die Lebensverhältnisse anderer Leute, vor allem in Fragen der Geschlechtlichkeit, speziell bei Minderheiten. Und damit ist man selbst fein raus. Das ist typisch für die narzisstische Kirche, die der Papst anprangert und die, wie er sagt, „die Energien im Kontrollieren verbraucht“. Dann gibt es die Kulturpaniker, die sich um die christliche Leitkultur sorgen. Da habe ich durchaus Verständnis. Es gibt Stadtteile in Ballungsräumen, die Fremdheitsgefühle aufkommen lassen und wo Kirchtürme wie erratische Blöcke dastehen. Schließlich gibt es noch echte Nazis, die, wenn man christlich argumentiert, gleich über den „Pfaffen“ schimpfen.

          Sie führen die Auseinandersetzung auch auf Twitter. Der Ton wird oft hart. Wie gehen Sie damit um?

          Die meisten Aggressionen kommen dort von rechtsradikalen Trollen. Die kann man blockieren. Aber auch manche Paradekatholiken sind eifrig im Verleumden und Unterstellen niederer Motive bis hin zur Psychiatrisierung von Kritikern und zu handfesten Lügen. Für sie heiligt der Zweck die Mittel, vor allem, wenn es gegen Verräter geht. Drohbriefe und Telefonterror inbegriffen.

          Sprechen Sie da jetzt aus eigener Erfahrung?

          Ja. Einmal kamen sogar Pakete mit Navigationsgeräten, die mittels falscher Mailadresse mit meinem Namen auf meine Rechnung bestellt wurden. Die Botschaft war: Wir werden dir schon helfen, wieder auf den rechten Weg zu kommen. Faschistoide Methoden. Katholischer Faschismus ist nicht nur ein historisches Phänomen. Auf einem Glaubenskongress von Wagenburgkatholiken sprach mich mal ein junger Mann an: „Guter Vortrag. Aber dass Hitler bei Ihnen so schlecht wegkommt!“ Neulich hatte ich morgens Post von „Adolf Hitler, Reichsführer“ in meinem E-Mail-Account: „Ich bereite meine Rückkehr vor und komme persönlich bei Dir in Bonn vorbei. Dann reden wir mal über Deine nähere Zukunft. Einmal Antreten zum Duschen.“ Interessant, wer zur Verteidigung der AfD auf den Plan tritt.

          Das ist doch nicht zu glauben.

          Man versucht, einen einzuschüchtern. Da kommen auch Unerschrockenen irgendwann Rückzugsgedanken. Und man versteht Ängstlichere, die zwar merken, dass etwas gefährlich ins Rutschen kommt im Land, aber sagen: Ich will mein Leben nicht belasten dadurch, dass ich mich einmische.

          Fühlen Sie sich eigentlich wie ein Einzelkämpfer?

          Es gibt zu wenige konservative Mitstreiter. Manche klopfen einem auf die Schulter, auch Bischöfe, halten sich aber selbst lieber zurück. Vernehmlicher sind die Kardinäle Marx und Woelki oder der Bamberger Erzbischof Schick. Der erhielt Morddrohungen. Auch Protestanten wie der Berliner Bischof Dröge und der rheinische Präses Rekowski stellen sich der Herausforderung. Aber es gibt auch Irrlichter. Der Passauer Bischof Oster hat im Deutschlandfunk gesagt, das Verhältnis von Kirche und AfD werde sich „in jedem Fall entkrampfen“, als ginge es bloß um atmosphärische Störungen. Bischof Voderholzer hat im Regensburger Dom gepredigt, denen, „die sich verirrt haben in krude Auffassungen“, dürfe man nicht „durch die Verurteilung ganzer Parteien noch einen Fußtritt geben“.

          Nur krude? Und wer tritt hier eigentlich? So setzt er AfD-Kritiker ins Unrecht – und auch seinen Amtsbruder, den Münchner Kardinal Marx, der christliche, rote Linien gezogen hat: Fremdenfeindlichkeit, Verunglimpfung anderer Religionsgemeinschaften, Überhöhung der eigenen Nation, Rassismus, Antisemitismus, Gleichgültigkeit gegenüber der Armut in der Welt, Verachtung der repräsentativen Demokratie und eine feindselige Art zu reden. So hat Marx sich nach der Vollversammlung der Bischöfe im März 2017 von der AfD distanziert. Mancher, der das mittrug, geht Konflikten mit rechten Christen aber aus dem Weg.

          Hätte die katholische Kirche entschiedener auf den Kreuz-Erlass des bayerischen Ministerpräsidenten Söder antworten müssen?

          Die Ablehnung durch Kardinal Marx war deutlich, aber das hätten mehr Bischöfe bekräftigen sollen. Das sage ich als jemand, der die öffentliche Präsenz des Kreuzes in Schulen und Gerichten immer verteidigt hat. Ich freue mich über jedes Kreuz als Zeichen selbstloser Liebe, höherer Gerechtigkeit, Leid und Tod überwindender Hoffnung und als Zeugnis von Generationen. Als trotziges Aufstampfen, anti-islamische Kampfansage und Wahlkampfgag verliert es all das. Das habe ich, fast im Wortlaut, damals auch so getwittert, den Tweet hat sich Thomas Sternberg, der Präsident vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken, explizit zu eigen gemacht, was mich gefreut hat. Auch die Laien sind ja katholische Kirche. Söder beruft sich auf die bayerische Identität, zu der das Kreuz gewiss gehört. Aber primär ist es Glaubenssymbol, erst danach Kultursymbol. Als solches darf es Atheisten und Andersgläubigen zugemutet werden. Nur: Kultur ist etwas Organisches, erwächst aus dem Leben der Menschen. Wenn das Kreuz dort, wo es gar nicht war, künstlich verordnet und plakatiert wird, wirkt das wie staatliche Missionierung. Oder Political Correctness. So wie Putin die – allerdings willige – russische Orthodoxie gebraucht.

          Die Kritiker aus der Kirche hat der CSU-Generalsekretär Markus Blume damals als Teil einer „unheiligen Allianz von Religionsfeinden und Selbstverleugnern“ bezeichnet.

          Eine Unverschämtheit. Aber wie anfällig selbst Hochgebildete für populistische Vereinfachungen sind, wenn sie darin Vorteile für ihre Sache sehen, habe ich daran gemerkt, dass es eine Erklärung konservativer Theologieprofessoren gegeben hat, die den Kreuz-Erlass unterstützen. Darunter waren auch Freunde von mir.

          Bei den politischen und privaten Rückschlägen, die Sie erleben mussten: Was gibt Ihnen Halt?

          Das schöne Wort aus dem Galaterbrief: Ihr habt Christus als Gewand angezogen. Da schlüpft man nicht wegen menschlicher Enttäuschungen raus. Vor Jahren durfte ich in schwerer Krankheit wirklich Gottes Nähe und Gnade erfahren. Das gibt Halt für immer. Auch die wissenschaftliche Beobachtung guter Wirkungen des Glaubens. Nur ein guter Baum bringt gute Früchte hervor. Zudem habe ich wunderbare Freunde, darunter ein lebenskluger Jesuit. Auch die intellektuelle Arbeit gibt Halt. Mein politisches Fundament habe ich dem Studium in der Bonner Bracher-Schule zu verdanken, etwa das der geistigen Ursachen des Scheiterns der Weimarer Republik und Ortega y Gassets sozialpsychologischem Klassiker „Aufstand der Massen“. Das damals grassierende antiliberale, antipluralistische, völkisch-nationalistische Denken treibt auch die Neue Rechte an.

          Man will ja keine falschen historischen Analogien ziehen, aber kommt wirklich alles wieder?

          Vieles, ja. Es kann einem die Herzensruhe rauben, wenn man Woche für Woche konfrontiert wird mit neuen Entgleisungen, nicht nur der AfD. Dass Dobrindt eine Konservative Revolution ausgerufen hat, macht mich fassungslos. Der Begriff bezeichnet ja Kräfte, die dem NS-Regime den Weg bereitet haben. Hinter der Regierungskrise um die Grenzfrage steht ein verändertes Gesamtbild der CSU: Von Scharfmacherei im AfD-Sound über die Orbán- und Putin-Umarmungen bis hin zu Kreuzmissbrauch, Kirchenschelte und der Denunziation von Moral. Ich bin in der verrückten Lage, dreißig Jahre lang gegen Politisierungen des Glaubens gekämpft zu haben und jetzt verteidigen zu müssen, dass die Kirche sich auch politisch äußern darf. Ich habe gegen Hypermoral gestritten – und muss jetzt die Moral gegen Nietzscheaner verteidigen, die das christliche Ethos als weltfremde, schwächliche Sklavenmoral abtun. Und das Pathos einer angeblich realistischen Härte verbreiten. Wo leben diese Moralkritiker eigentlich? Ist zu viel Moral etwa unser Problem? Oder sind es Wurstigkeit, Egoismus, Opportunismus und ethische Inkompetenz?

          Diese realistische Härte, von der Sie sprechen, wird aber mit Stolz zur Schau gestellt.

          Dummheit und Stolz wachsen auf gleichem Holz. Der Rechtspopulismus ist eine narzisstische Bewegung. Gegen den Irrsinn dieser Bewegung wirkt der Papst wie vom Himmel geschickt. Wollen wir das Modell Putin oder das Modell Franziskus? Das ist die wahre Schicksalsfrage des Abendlands.

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