https://www.faz.net/-igz-9f59i

FAZ Plus Artikel Fremde Federn : Warum muss es Populismus sein?

  • -Aktualisiert am

Alexander Gauland spricht im Bundestag. Bild: EPA

Warum ist der Populismus entstanden und worauf reagiert er? Ein Gastbeitrag des AfD-Parteivorsitzenden Alexander Gauland.

          Vor ungefähr zehn Jahren kam der Begriff Populismus in den politischen Debatten kaum vor. Heute ist er allgegenwärtig. Eben sagte Wolfgang Schäuble in seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit und an die Adresse der „Populisten“ gerichtet: „Niemand hat das Recht, zu behaupten, er allein vertrete ‚das Volk‘.“

          Seit es den politischen Populismus der Gegenwart gibt, für den symptomatisch der Name Donald Trump steht, wird von interessierter Seite unterstellt, man erkenne Populisten daran, dass sie behaupten, im Namen der wahren Mehrheit zu sprechen. Was uns betrifft: Wir haben keinen Alleinvertretungsanspruch. Wir sind nicht „das“ Volk, aber wir wollen, dass das Volk mehr direkten politischen Einfluss bekommt. Wir akzeptieren, dass es demokratische Mitbewerber, Wahlergebnisse und wechselnde politische Mehrheiten gibt – was denn sonst?

          Um den Populismus zu verstehen, muss man fragen: Warum ist er entstanden? Worauf reagiert er?

          Im Zuge der Globalisierung hat sich nach dem Ende des Ost-West-Konflikts eine neue urbane Elite gebildet, man könnte auch von einer neuen Klasse sprechen. Zu ihr gehören Menschen aus der Wirtschaft, der Politik, dem Unterhaltungs- und Kulturbetrieb – und vor allem die neue Spezies der digitalen Informationsarbeiter.

          Das Milieu der „bunten“ Elite

          Diese globalisierte Klasse sitzt in den international agierenden Unternehmen, in Organisationen wie der UN, in den Medien, Start-ups, Universitäten, NGOs, Stiftungen, in den Parteien und ihren Apparaten, und weil sie die Informationen kontrolliert, gibt sie kulturell und politisch den Takt vor. Ihre Mitglieder leben fast ausschließlich in Großstädten, sprechen fließend Englisch, und wenn sie zum Jobwechsel von Berlin nach London oder Singapur ziehen, finden sie überall ähnliche Appartements, Häuser, Restaurants, Geschäfte und Privatschulen. Dieses Milieu bleibt sozial unter sich, ist aber kulturell „bunt“.

          Das hat zur Folge, dass die Bindung dieser neuen Elite an ihr jeweiliges Heimatland schwach ist. In einer abgehobenen Parallelgesellschaft fühlen sie sich als Weltbürger. Der Regen, der in ihren Heimatländern fällt, macht sie nicht nass. Sie träumen von der one world und der Weltrepublik. Da dieses Milieu „sexy“ ist, hat es auch auf Teile der Gesellschaft großen Einfluss, denen der Zutritt dorthin versperrt bleibt.

          Der globalistischen Klasse gegenüber stehen zwei heterogene Gruppen, die in der AfD eine Allianz eingegangen sind: zum einen die bürgerliche Mittelschicht, zu der auch der wirtschaftliche Mittelstand gehört, der nicht einfach seine Unternehmen nach Indien verlagern kann, um dort besonders billig zu produzieren; zum anderen viele sogenannte einfache Menschen, deren Jobs oft miserabel bezahlt werden oder nicht mehr existieren, die ein Leben lang den Buckel krumm gemacht haben und heute von einer schäbigen Rente leben müssen. Das sind zugleich diejenigen, für die Heimat noch immer ein Wert an sich ist und die als Erste ihre Heimat verlieren, weil es ihr Milieu ist, in das die Einwanderer strömen. Sie können nicht einfach wegziehen und woanders Golf spielen.

          Der Egoismus der Globalisten

          Durch alle westlichen Gesellschaften zieht sich heute dieser Riss. Er ist ungeheuer vertieft worden, als plötzlich Abermilliarden Steuergelder vorhanden waren, um Banken zu retten, europäische Pleitestaaten zu finanzieren und Hunderttausende Einwanderer zu alimentieren. Es war eine Konstellation, die nach einer Fundamentalopposition verlangte. Diese Opposition konnte von rechts und links kommen, aber sie musste notwendig populistisch sein. Populistisch heißt: gegen das Establishment. Frau Wagenknecht hat das begriffen.

          Man komme uns bitte nicht mit politischen Schnullerparolen wie „Wir wollen uns nicht abschotten“. Niemand will sich abschotten. Aber ein Mann wie Donald Trump ist gewählt worden, weil er versprochen hat, dass er seine Landsleute vor dem internationalen Lohndumping ebenso schützen wird wie vor der illegalen Masseneinwanderung. Die Globalisierung sieht im Penthouse sehr viel freundlicher aus als in der Sozialwohnung.

          Der Egoismus der Globalisten ist keine Spur edler als das Eigeninteresse der Partikularisten, aber die Globalisten setzen mehr aufs Spiel. Wir sind gerade dabei, auf Geheiß der globalististischen Elite vieles von dem zu riskieren, was unser Land und unseren Erdteil lebenswert macht: den inneren Frieden, den Rechtsstaat, die soziale Sicherheit, die Gleichberechtigung der Frau, die Meinungs- und Religionsfreiheit. Mit einem Wort: unsere freiheitliche Art zu leben, die Heimat eben. Wenn sie verschwindet, wird sie niemals wiederkehren.

          Der Autor ist Parteivorsitzender der Alternative für Deutschland (AfD) und der Fraktionsvorsitzender im Bundestag.

          Frankfurter Allgemeine Zeitung

          Die digitale F.A.Z.

          Zur kompletten Ausgabe

          Jetzt mit F+ lesen