Russischer Manager im Gespräch : „Sie sind mitverantwortlich für Kriegsverbrechen“
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Lev Gershenzon Bild: Franz Grünewald
30 Millionen Russen sind jeden Tag auf Yandex. Lev Gershenzon war früher Chef des Nachrichtenportals. Er fordert seine ehemaligen Kollegen auf, sich gegen Putin zu wehren. Russland erinnert ihn immer mehr an Nazideutschland.
Sie haben früher Yandex News geleitet, eines der wichtigsten Online-Nachrichtenportale in Russland. Nun haben Sie sich öffentlich an Ihre früheren Kollegen gewandt und sie aufgefordert, gegen die Propaganda aufzubegehren. Warum?
Die Startseite von Yandex erreicht 30 Millionen Russen am Tag. Da stehen immer fünf Überschriften der wichtigsten Themen des Tages. Ich habe vor einigen Tagen festgestellt, dass dort nicht darüber informiert wird, was in der Ukraine passiert, dass es eine Invasion gibt, wie viele Opfer es gibt. Es ist nur von einer „Spezialoperation mit dem Ziel der Entnazifizierung“ die Rede und sie vergleichen das mit dem US-Verhalten im Irak.
Was würde es ändern, wenn da tatsächliche Berichterstattung stattfinden würde?
Der durchschnittliche Russe interessiert sich nicht für Politik. Auf Yandex will er nur alltägliche Dinge machen: Essen bestellen oder sich über Staus informieren. Aber oben auf der Seite stehen diese fünf Überschriften. Die kann man nicht übersehen. Als ich von 2008 bis 2012 dafür verantwortlich war, war es so, dass die meisten nicht darauf geklickt haben. Aber wenn was Außergewöhnliches passierte, hat sich das Interesse verdreifacht. Und da habe ich gedacht: Meine früheren Kollegen könnten die Menschen informieren. Vielleicht bleibt das dann für einen halben Tag online und einige Menschen fragen sich, was wirklich passiert. Aber vielleicht war ich zu emotional.
Haben Sie Rückmeldungen bekommen?
Es gab inzwischen eine offizielle Stellungnahme des Yandex-Chefs. Er sagte, dass er Krieg nicht unterstützt. Aber er wird sich nicht auflehnen. Es gehe darum, die Dienste für die Nutzer aufrechtzuerhalten. Und ein früherer Kollege, der ein hochrangiger Manager bei Yandex ist, hat mir geschrieben: Er meinte, er stimme meiner Meinung voll zu. Ich habe ihm geschrieben, dass mein Beitrag keine Meinungsäußerung war, sondern ein Aufruf zu handeln. Er sagte mir, er habe versucht, seine Kollegen zu überzeugen. Erfolglos.
Wie ist sonst die Stimmung bei Yandex?
Einige Leute haben gekündigt. Darunter eine Unternehmerin, die ihre Firma an Yandex verkauft hat und in London lebt. Aber die Leute, die ich in meinem Post markiert habe, haben nicht reagiert. Aber ich habe auch keine Antwort erwartet. Jetzt habe ich mich an die ausländischen Aufsichtsratsmitglieder von Yandex gewandt. Aber da gab es auch noch keine Rückmeldung.
Wie steht Yandex zur russischen Regierung?
Wir wissen alle, dass die Beziehungen sehr eng sind. So hat sich das Unternehmen seinen Marktanteil gesichert. Leute mit hohen Gehältern und guten Jobs finden es recht normal, dass es Übereinkünfte mit der Regierung gibt. Das reden sie sich zumindest ein. Andernfalls müssten sie sich eingestehen, dass sie mitverantwortlich sind für Kriegsverbrechen.
Sind Sie in Kontakt mit Leuten, die noch in Russland sind?
Ja, viele meiner Freunde und Teile meiner Familie leben dort. Ich mache mir große Sorgen. Meine Mutter ist Lehrerin, sie will bleiben. Und viele meiner Freunde sind Journalisten. Die könnten angesichts des neuen Gesetzes verurteilt werden, wenn sie weiterhin ihre Arbeit machen.
Kennen Sie auch Leute, die die Propaganda glauben?
Die Mehrheit der Russen glaubt immer noch, dass nichts Außergewöhnliches passiert, dass es keine Kriegsverbrechen gibt. Nachrichten über Den Haag sind verboten. Aber in meinem Freundeskreis wissen alle, was passiert.
Ihre früheren Kollegen würden sich selbst in Gefahr bringen, würden wahrscheinlich sogar im Gefängnis landen. Verlangen Sie nicht zu viel von denen?
Heute ist das vielleicht so. Vor einer Woche wäre es das Risiko wert gesehen. Natürlich geht es da um Tapferkeit. Aber wenn sie das Risiko, gefeuert oder inhaftiert zu werden, mit der Schuld vergleichen, die die Leute auf sich laden, ist die Antwort ziemlich klar. Und viele der Angestellten sind gar nicht in Russland. Aber niemand tut etwas, niemand hat sich bei mir gemeldet.
Glauben Sie, dass Ihr Beitrag wahrgenommen wurde?
Da bin ich mir ziemlich sicher. Innerhalb des Unternehmens haben das sicher alle gesehen. Aber auch die Regierung hat das gesehen: Die Nachrichtenseite TheVillage.ru wurde geblockt, nachdem sie über mich geschrieben haben.
Sind Sie besorgt, dass Sie selbst in Gefahr sein könnten?
Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Meine Kinder haben am Berliner Hauptbahnhof mitgeholfen. Ich wollte auch etwas Nützliches beitragen. So ist hier überall die Stimmung. Mehr als eine Million Ukrainer sind geflohen. Ich hoffe, dass die Leute, die mich als Gefahr sehen, aktuell mit größeren Gefahren zu tun haben.
Warum leben Sie nicht mehr in Russland?
Wir sind im August 2015 nach der Annexion der Krim geflohen. Ich wurde auf einer Demo angegriffen. Da haben meine Frau und ich realisiert, dass es unmöglich ist, in Russland zu bleiben. Wir wollten nicht, dass unsere Kinder unter diesen Umständen aufwachsen. Vielleicht war das nicht heldenhaft. Ich bin kein Kämpfer, aber es war die richtige Entscheidung.
Wie eng sind Ihre Beziehungen noch nach Russland?
Sehr eng. Vor der Pandemie war ich jeden Monat eine Woche lang in Russland. Ich habe zwischen Berlin und Moskau gelebt. Aber jetzt fliehen auch Verwandte von mir. Mein Neffe ist heute nach Jerewan geflohen.
Haben Sie auch Kontakt in die Ukraine?
Die frühere Babysitterin meines Sohnes ist in einer von den Russen belagerten Stadt in der Ukraine und musste sich nächtelang vor den Bomben verstecken. Sie hat kürzlich mit einer alten Freundin in Russland telefoniert. Die sagte: Keine Sorge, die Soldaten kommen, um Euch zu befreien. Meine Freundin hat sie angeschrien: Was für einen Schwachsinn erzählst Du da? Ich finde, Russland wird immer mehr wie Nazideutschland.