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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Wieso es mit dem Coronavirus-Impfstoff nicht schneller geht

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Forschung und Lehre werden in Hessen in den nächsten Jahren mit mehr Geld als je zuvor unterstützt. Bild: Picture-Alliance

Gegen die Grippe wird fast jedes Jahr ein neuer Impfstoff entwickelt. Warum dauert das beim neuen Coronavirus so lang? Schließlich gibt es neue Verfahren, und die ganze Welt wartet darauf.

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          Wann es endlich einen Impfstoff gegen das neue Coronavirus geben wird? Frühestens nächstes Jahr, vielleicht im Sommer nächsten Jahres, wahrscheinlich erst in zwei Jahren. So lange will aber keiner warten auf ein Mittel gegen das tückische Virus, das vor sieben Wochen die ersten Menschen infiziert hat. Zehntausende Kranke sind es inzwischen allein in China. Auch schon mehr als zweitausend Tote. Und jeden Tag kommen viele dazu. Genau deshalb haben es eigentlich alle extrem eilig mit einem Impfstoff. Das Virus tötet – und es ist hochansteckend. Auch außerhalb Chinas erkranken immer mehr Menschen. Gute Medikamente gibt es aber leider noch nicht.  Ein Impfstoff wäre also dringend nötig. Nur der kann den Menschen die Angst nehmen, die jetzt viele verspüren.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Gegen die Grippe wird fast jedes Jahr ein neuer Impfstoff entwickelt. Warum geht das dann nicht auch mit dem Coronavirus? Weil ein neues Virus wie dieses immer ganz anders ist. Die Produktion der Influenza-Impfstoffe ist getestet, die Fabriken dafür arbeiten routiniert, erneuert werden müssen jede Saison nur die darin enthaltenen Bestandteile der Virus-Varianten, die gerade um die Welt ziehen. Viren verändern sich nämlich. Ihre Erbsubstanz ist klein, aber sie mutiert immer wieder, und durch diese Variationen an der Oberfläche versuchen die Viren, von unseren Immunzellen unerkannt zu bleiben und ihnen zu entkommen.

          Coronaviren sehen für unser Immunsystem ganz anders aus als andere Viren. Aber auch sie verändern sich. Als sich vor siebzehn Jahren das Sars-Coronavirus ausgebreitet hat, das mit dem neuen Virus nahe verwandt ist, wurde überall auf der Welt angefangen, einen Impfstoff zu entwickeln. Nach ein paar Monaten verschwand das Virus, die Seuche war eingedämmt. Und so hat man überall auch die Impfstoffentwicklung eingestellt. Das rächt sich jetzt.

          Zwei aufwändige Verfahren

          Aber selbst wenn man damals einen Sars-Impfstoff fertig entwickelt hätte, wäre das keine Garantie, dass er uns auch vor dem neuen Virus schützt. Kleinste Abweichungen an den Oberflächen-Bausteinen können dazu führen, dass unser Immunsystem die Gefahr nicht erkennt, untätig bleibt und das Virus gewähren lässt. Deshalb müsste auch der alte Sars-Impfstoff, wenn es ihn denn gäbe, zuerst ausführlich neu getestet werden. Und da beginnt das zeitliche Problem. Das ist der große Bremsklotz.

          Zuerst klingt alles noch ganz gut: Geeignete Bausteine des neuen Coronavirus, die man als maßgeschneiderten Impfstoff nutzen kann, gibt es nämlich jetzt schon – keine zwei Monate nach dem Ausbruch der Seuche. Möglich ist das mit neuen  Methoden. Neuerdings reicht allein die Erbinformation des Virus aus, um einen Impfstoff zu kreieren. Man muss das Virus selbst gar nicht im Labor züchten. Die Geninformation des Erregers wird im Labor verwendet, um Bruchstücke des Virus herzustellen und in unseren Körper zu schleusen. Dort dienen sie dann als Zielscheibe für unsere Immunzellen. Man kann alternativ dazu auch gleich die Virus-Gene – die sogenannte RNA – in den Körper einschleusen.

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          Einige Firmen versuchen es weiterhin ganz klassisch. Sie züchten die Viren in Hühnereiern und verwenden anschließend den abgetöteten Erreger oder Bruchstücke davon, um den Impfstoff herzustellen. Richtig zeitaufwändig aber sind vor allem die Phasen danach, wenn ein Impfstoffkandidat gefunden ist: Die vielen Tests sind es, die man braucht, um Gewissheit zu bekommen, dass der Impfstoff wirkt und vor allem sicher ist. Denn den Impfstoff sollen am Ende gesunde Menschen bekommen – als Nasenspray oder per Injektion. Erstmal muss man ein passendes Tier zum Testen finden, dann dauern die Tests selbst ein paar Monate. Und noch viele Monate gehen für die in insgesamt vier Stufen gestaffelten klinischen Tests ins Land. Für sie wird an immer mehr freiwilligen Menschen getestet.

          Erst wenn er bei ihnen funktioniert und keine Nebenwirkungen hervorruft, kann der Impfstoff zugelassen werden. Und schließlich muss das Mittel dann auch noch in großen Mengen produziert werden. Das geht bei den neuen genbasierten Impfstoffen vielleicht schneller, weil es im Labor passiert und keine Hühnereier gebraucht werden. Aber dafür muss man da genau hinsehen, denn ein solcher Impfstoff ist noch nicht auf dem Markt. Bei dem klassischen Hühnereier-Verfahren ist das Problem ein anderes: Um so schnell wie gewünscht die vielen Hühnereier zu beschaffen und auszubrüten, die man braucht, um außer dem Grippe-Impfstoff gleichzeitig auch noch einen ganz anderen Impfstoff zu produzieren, müssen sich die Hersteller einiges einfallen lassen.

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