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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum Freunde Freunde bleiben

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Freundschaft fühlt sich einfach super an! Bild: Picture-Alliance

Freundschaften halten ganz schön was aus. Wenn man sich mal eine Zeitlang nicht treffen kann, im Sommerurlaub oder wegen der Corona-Pandemie, ist es danach trotzdem oft so, als hätte man sich erst gestern gesehen. Forscher können das erklären.

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          Als Frodo aus dem Schlaf erwacht, blickt er ins Gesicht von Gandalf, seinem Freund. Gandalf lacht, Frodo lacht, immer mehr Freunde betreten den Raum. Die Hobbits Merry und Pippin springen auf Frodos Bett herum und umarmen ihn. Sie haben Frodo monatelang nicht gesehen. Natürlich sind Treffen von Freunden, die länger getrennt waren, nicht immer so überschwänglich wie am Ende von „Herr der Ringe“. Und meist ist dem Wiedersehen wohl auch nicht solch eine schwere Aufgabe vorausgegangen, wie sie Frodo erledigen musste.

          Aber trotzdem: Meistens sind Freunde, die sich lange nicht gesehen haben, immer noch Freunde. Manche erwachsenen Freunde kennen sich seit dem Sandkasten, der Schule, vom Sportverein oder aus dem Studium. Kleinkinder spielen zusammen, Jugendliche unternehmen etwas zusammen, sie tauschen sich aus, öffnen sich einander, bei Erwachsenen geht es um emotionale Unterstützung: Freundschaft ist etwas, das auf gegenseitiger Zuneigung beruht.

          Doch wer unser Freund wird, das hängt erst einmal damit zusammen, wem wir überhaupt begegnen. Frodo und Sam sind aus demselben Dorf und sich wohl ziemlich häufig über den Weg gelaufen. Dass eine Person vor Ort ist, vergrößert die Wahrscheinlichkeit, dass wir mit ihr Freundschaft schließen. Schon vor siebzig Jahren untersuchten Forscher einen Wohnkomplex für Studentenpaare mit siebzehn Gebäuden. Zwischen Paaren, die in einem Gebäude wohnten, hatten sich nach ein paar Monaten deutlich mehr Freundschaften entwickelt, als zwischen Paaren in unterschiedlichen Gebäuden. Wer auf einem Stockwerk wohnte, schloss eher Freundschaft, als wenn die Studenten zwar im selben Gebäude, aber in unterschiedlichen Stockwerken wohnten.

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          Wenn jemand unser Freund wird, wenn wir anfangen, ihn oder sie zu mögen, dann bleibt das meist so. Deswegen bleiben Freunde wohl auch Freunde, wenn sie sich eine lange Zeit nicht gesehen haben, auf unterschiedliche Schulen gehen oder in verschiedenen Städten wohnen. „Bewertungen sind sehr resistent und nicht leicht wieder rückgängig zu machen“, sagt Georg Halbeisen, Sozialpsychologe an der Universität Trier. (Sozialpsychologen erforschen den Zusammenhang von unserem Denken und Fühlen mit unserem Kontakt mit anderen. Und „resistent“ heißt so viel wie stabil und unempfindlich.) Hat man einmal gute Erfahrungen mit jemandem gemacht, verbindet man schöne Erlebnisse mit ihr oder ihm, zum Beispiel wie Frodo, der von Sam auf einer langen, schwierigen Reise begleitet wurde, dann bleibt die Bewertung noch lange positiv, also gut. „Wenn man ab und an mal an die Person denkt, aber keine positive Erfahrung mehr macht, dann reduziert das nicht die subjektive positive Bewertung der Person“, sagt Halbeisen.

          Warum denn das? Wir merken es manchmal gar nicht, wenn die positive Erfahrung ausbleibt, also der Freund oder die Freundin uns zum Beispiel schon länger nichts mehr vom Pausenbrot abgegeben hat. Oder aber wir bemerken es, merken es uns aber nicht so gut, weil es nicht zu dem vorher gesammelten Wissen passt. Ein bisschen so, als ob man etwas in eine Dose packt und ganz weit hinten im Regal verstaut. „Menschen wollen vermeiden, dass ihre Welt an irgendeiner Stelle unstimmig ist“, sagt Halbeisen. Der Mensch hat das Bedürfnis danach, dass gewisse Dinge in seinem Leben gleichbleiben. Wenn die schlechten Erfahrungen und Erlebnisse überhand nehmen, kann es vorkommen, dass man sagt „das ist nicht mehr mein Freund“, um die Welt wieder stimmig zu machen.

          Aber selbst wenn eine Freundschaft mal kaputtgeht: Forscher haben herausgefunden, dass es hilft, an eine frühere, gute soziale Beziehung zurückzudenken, an einen Freund, der einen getröstet hat, wenn man beim Schulsport den entscheidenden Torschuss nicht reingemacht hat, oder an eine Freundin, mit der man stundenlang am Telefon hängen konnte. „Dann erinnern wir uns an unsere soziale Selbstwirksamkeit und glauben, dass soziale Beziehungen in Zukunft gelingen werden“, sagt Halbeisen. Wir können zum Glück ja auch neue Freunde finden.

          Gerade Übergangsphasen sind Phasen, in denen wir auch Freunde verlieren können, etwa der Wechsel von der Grundschule auf die weiterführende Schule, oder später vom Studium ins Berufsleben. Das kann passieren, muss aber nicht. Wenn eine solche Phase überstanden ist und wir uns nach Monaten endlich wieder in die Arme fallen – dann sind wir eben immer noch Freunde. Und oft ganz überrascht und erleichtert, dass wir einfach da weitermachen können, mit dem, was wir uns erzählen oder miteinander machen, wo wir aufgehört haben. Als hätten wir uns erst gestern das letzte Mal gesehen. Das ist zum Glück nicht nur nach Übergangsphasen so, sondern auch nach einem langen Sommerurlaub oder nach ein paar Wochen, in denen wir wegen der Corona-Pandemie unserer Freunde nicht treffen können.

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          Eine illustrierte Auswahl von Beiträgen unserer Kolumne „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“ ist bei Reclam erschienen.

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