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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Kinder in Käfigen

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Zum Zudecken gibt es Alufolie: In einem Lager in Nogales, Arizona, werden Hunderte Kinder aus den südlichen Nachbarländern der Vereinigten Staaten festgehalten. Bild: AP

In Amerika wurden Tausende Kinder aus Mexiko an der Grenze von ihren Eltern getrennt und eingesperrt. Warum Präsident Trump mit Grausamkeit und Gnade Politik macht.

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          Was an der Grenze der Vereinigten Staaten zu ihrem südlichen Nachbarn Mexiko passierte, wirkte wie eine Szene aus einem schrecklichen Film: Familien, die gemeinsam versuchten, ohne Erlaubnis in die Vereinigten Staaten einzureisen, wurden auseinandergerissen. Die Eltern wurden eingesperrt, weil sie etwas Verbotenes getan hatten. Und auch Kinder wurden eingesperrt, getrennt von ihren Eltern, egal, wie jung sie noch sind. Fürs erste in Räume, die man ehrlicher Weise nur als Käfige beschreiben kann.

          Es war unglaublich und ist trotzdem passiert – und zwar nicht in irgendeinem Land, in dem auch sonst Gewalt herrscht und Gesetze missachtet werden, sondern in den Vereinigten Staaten von Amerika, einem Land, das einmal für viele der Inbegriff von Freiheit war. Und in dem nun behauptet wird, gerade mit dieser Grausamkeit die Gesetze nur ganz genau zu befolgen.

          Wie kann das sein? Es kann sein, weil zwei Gesetze in diesem Fall ineinandergreifen: eines, das den Versuch unter Strafe stellt, unerlaubt ins Land einzuwandern, wie es viele Leute aus den südlichen Ländern Amerikas versuchen; und eines, das es verbietet, Kinder zusammen mit deren Eltern einzusperren. Das ist nicht neu; aber bisher haben die Vereinigten Staaten es immer vermieden, beide Gesetze zusammen anzuwenden.

          Jetzt hat das Land mit Donald Trump einen Präsidenten, der seinen Wählern versprochen hat, entschlossen etwas gegen diese illegale Einwanderung zu tun. Und eine Heimatschutzministerin, die sagt, die Leute, die Eltern und Kinder voneinander trennen, würden nur ihren Job machen. Viele Leute in der Welt, auch in Amerika, sogar in der eigenen Partei von Donald Trump, fanden das unmoralisch. Zuerst hatte auch Trump das abgelehnt wie die Präsidenten vor ihm. Dann hat er der Trennung doch zugestimmt. Als er am Mittwoch dann verfügte, die Kinder sollten künftig doch mit ihren Eltern zusammen eingesperrt werden, waren schon mehr als zweitausend Kinder von ihren Eltern getrennt worden.

          „Meiner Frau liegt sehr viel daran. Mir liegt sehr viel daran. Ich denke, dass das jeder Mensch mit einem Herzen verstehen kann“, sagte Trump. Und seine Tochter dankte ihm öffentlich dafür, dass er die Grausamkeit beendete. Sie erwähnte nicht, dass er sie auch veranlasst hatte. Vieles, was Trump behauptet, sollte man anzweifeln, aber in einem Punkt muss man dem amerikanischen Präsidenten glauben: Er zielt tatsächlich auf das Herz der Menschen – und zwar mit beiden Bestimmungen, der zur Beendigung der Trennung der Familien wie auch der zur Durchsetzung dieser Trennung.

          Dass Erwachsene an Kindern zeigen, wie ernst ihnen etwas ist, wie entschlossen oder wie verzweifelt sie sind, sollte eigentlich überhaupt nicht passieren. Doch es passiert leider häufiger, als man denkt. Es gibt immer wieder Erpresser, die Kinder als Geiseln nehmen oder sie entführen. Kinder können sich gegen Erwachsene nicht gut wehren, das ist der eine Vorteil. Und alle, das ist der andere Vorteil, finden schrecklich, was passiert, sie wollen es schnell ändern und erreichen, dass es nie wieder passieren kann.

          Die Heimatschutzministerin sagte, immer mehr Leute würden an der Grenze nur so tun, als wären sie eine Familie. Das wäre eine Art Erpressung: Weil diese Leute Kinder dabei haben, nötigen sie die Grenzbeamten, sie besser zu behandeln, als das Gesetz es vorschreibt.

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          Aber auch umgekehrt ist es Erpressung, wenn die Bilder von Kindern in Käfigen um die Welt gehen. Durch sie wuchs der Druck auf die amerikanischen Politiker, die über neue Einwanderungsgesetze streiten. Durch Trumps zweite Entscheidung ist dieser Druck noch größer geworden, weil Gerichte doch wieder die Einhaltung beider Gesetze anordnen könnten. Leute in den ärmeren Ländern südlich der Vereinigten Staaten sehen die Bilder und wagen es vielleicht nicht mehr, das Risiko eines unerlaubten Einwanderungsversuchs auf sich zu nehmen – weil die Kinder in den Käfigen auch ihre eigenen Kinder sein könnten. Dass sich Donald Trump jetzt kaltblütig als Präsident mit Herz darstellt, fügt ihrem Schrecken nur noch Ungewissheit hinzu.

          Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen
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          Eine illustrierte Auswahl von Beiträgen unserer Kolumne „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“ ist bei Reclam erschienen.

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