https://www.faz.net/-iuw-9peyl

Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum Mädchen Jungen doof finden und umgekehrt

Auch ein Machtspiel: Mädchen lachen einen Jungen aus. Bildbeschreibung einblenden Podcast starten 08:30

Auch ein Machtspiel: Mädchen lachen einen Jungen aus. Bild: Picture-Alliance

Irgendwann sind nicht allein Puppen angeblich „für Mädchen“ und Autos „für Jungen“, sondern auch Mädchen selbst nur noch „für Mädchen“ und Jungen „für Jungen“: über Geschlechterrollen, Abgrenzung und Ausgrenzung.

          5 Min.

          Es beginnt spätestens mit der Geburt: Kaum kommt ein Baby auf die Welt, wollen immer gleich alle wissen, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Die Frage nach dem Geschlecht und das Verständnis, was ein Junge oder ein Mädchen ausmacht, beschäftigen uns ein Leben lang. Teil der einen oder anderen Gruppe zu sein, gibt vielen ein Gefühl der Zugehörigkeit. Und die Möglichkeit, sich von den anderen, die nicht dazugehören, abzugrenzen. Aber warum finden wir diese anderen eigentlich irgendwann auf einmal doof – oder warum wird das zumindest von uns erwartet?

          Häufig fangen Eltern schon bei Babys an, ihnen rosa oder blaue Sachen anzuziehen und lieber Puppen oder lieber Bausteine zum Spielen zu kaufen. Sie machen das in der Überzeugung, dass bestimmte Dinge eher „für Mädchen“ oder „für Jungen“ sind – und geben diese Überzeugung damit an ihre Kinder weiter. Es kommt vor, dass Jungen, wenn sie doch mit Puppen spielen wollen, mit diesem Interesse erst einmal die eigenen Eltern überraschen. Aber es geht noch weiter: Irgendwann sind nicht nur bestimmte Dinge „für Mädchen“ oder „für Jungen“, sondern auch Mädchen selbst „für Mädchen“ und Jungen „für Jungen“.

          Spätestens ab dem Schulanfang hört man von den ersten in Klassen und in Freundeskreisen, dass man mit den Zeitgenossen des anderen Geschlechts doch eigentlich nichts anfangen kann und dass man besser Abstand hält. Diese Auffassung setzt sich durch, und an ihr ändert sich dann bis zum Eintritt in die Pubertät herzlich wenig. Dazu, sich gegenseitig blöd zu finden, kommt häufig auch noch die Ablehnung durch Freunde hinzu, wenn doch mal jemand mit dem anderen Geschlecht spricht. Besonders Jungen sind davon betroffen. Also vermeiden es viele, mit Mädchen auch nur gesehen zu werden, um dem Gekicher und Gespött der anderen zu entgehen. Wenn Jungen und Mädchen dann doch immer noch etwas miteinander zu tun haben, dann meist heimlich.

          Diese Abgrenzung ist möglich, weil wir Menschen die Welt um uns herum in Kategorien einteilen, um sie zu ordnen und leichter zu verstehen. Kategorien machen das Leben übersichtlicher und bringen Struktur ins Chaos. Viele dieser Kategorien bilden sich bereits im Kindergarten, in einem Alter, wenn Kinder Unterschiede zwischen sich und ihrer Umwelt erkennen. Solche Kategorien sortieren nicht nur unsere Gedanken, sondern sie wirken wie im Falle der Geschlechtszugehörigkeit identitätsstiftend: Sie sind Teil des großen Bildes, wer wir sind. Die Überzeugung, ein Junge oder ein Mädchen zu sein, entwickelt sich zum Beispiel mit anderthalb bis zwei Jahren. Später kommt zu diesem Wissen noch das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe hinzu.

          Diese Form der Abgrenzung ist wichtig für die Entwicklung und funktioniert wie ein Kompass, nach dem sich Kinder bei der Entdeckung der Welt richten. Die eigene Zugehörigkeit muss jeder für sich selbst entdecken. Mit dieser Zugehörigkeit geht jedoch auch die Erwartung der Umwelt an das eigene Verhalten einher, die sogenannte Geschlechterrolle. Je nachdem, ob man wie ein Junge oder ein Mädchen aussieht, erwarten die meisten Eltern, Lehrer und Freunde unterschiedliche Fähigkeiten, Interessen und ein bestimmtes Verhalten von einem. Das entsprechende Verhalten wird uns von unserer Umwelt anerzogen.

          Die Sache mit den Erwartungen und dem Anderssein

          Es gibt allerdings Kinder, die diesen Erwartungen nicht entsprechen wollen oder können: Manche haben das Gefühl, zwar körperlich ein Mädchen, innerlich aber eigentlich ein Junge zu sein oder umgekehrt. Manche haben das Gefühl, sie würden am liebsten überhaupt keinem Geschlecht zugehören. Und bei manchen kann man sogar körperlich gar nicht genau sagen, ob sie ein Junge oder ein Mädchen sind. Solche Kinder haben es nicht leicht, auch als Jugendliche und selbst als Erwachsene nicht. Sie müssen selbst anerkennen, dass es mit ihnen so ist, wie es ist, sie müssen ihrer Familie und ihren Freunde das beibringen, und sie müssen sich damit immer wieder in Situationen behaupten, in denen sie auffallen und ausgegrenzt werden.

          Die Erwartungen, wie ein Junge oder ein Mädchen sich verhalten sollte, unterscheiden sich je nachdem, in welchem Land man lebt. Ohne dass man es will oder dass man gefragt wird, wird man verschiedenen Kategorien zugeordnet. Haben wir diese Kategorien einmal im Kopf, können wir sie nur schwer wieder verändern – das sieht man auch bei Erwachsenen.

          Wie Erwartungen unser Spielzeug beeinflussen

          Unterschiedliche Spielvorlieben von Mädchen und Jungen sieht man übrigens nicht nur bei uns Menschen. Die beiden Wissenschaftlerinnen Gerianne Alexander und Melissa Hines haben Makaken-Affen Spielzeug gegeben und sie beobachtet. Dabei haben sie gesehen, dass die männlichen Jungtiere einen Affenspaß dabei hatten, mit Bällen und Autos zu spielen. Die weiblichen beschäftigen sich lieber mit Puppen.

          Heißt das jetzt, dass diese Vorlieben vererbt werden können, also genetisch sind, oder gibt es auch in der Affengesellschaft das Erlernen von Geschlechterrollen aus der Erwartung der Älteren? Bei uns Menschen jedenfalls nutzt die Spielzeugindustrie den Unterschied für sich: Da gibt es dann Puppen in rosa Kleidchen und Plüsch-Einhörner mit riesigen Augen – aber angeblich nur für Mädchen! –, während sich in der Jungsabteilung Autos und Lego stapeln. Indem sie uns einreden, es gebe geschlechtsspezifisches Spielzeug, nur für Mädchen oder nur für Jungs, verdienen die Hersteller heute ziemlich viel Geld.

          Aber selbst Kinder, die weder mit Puppen noch mit Autos und Bällen spielen, entwickeln schon im Kindergarten ein Gefühl dafür, was von ihren Mitmenschen erwartet wird. Durch Sätze wie „Du bist ja stark“ oder „Du kannst aber schön malen“ bestärken Erwachsene in Kindern das Verhalten, das sie von ihnen erwarten und das ihrer Meinung nach typisch jungenhaft oder typisch mädchenhaft ist. Diese Vorurteile sind auch Schuld daran, dass Kinder manchmal Dinge geschenkt bekommt, die sie eigentlich gar nicht unbedingt mögen. Und selbst wenn es Mama und Papa egal ist, womit sie spielen, übernehmen die Kinder leicht die Erwartungen und Vorurteile von Freunden oder Verwandten, welche Spielzeuge cool sind – und welche eben auch nicht.

          Verstaubte Rollenbilder halten sich hartnäckig

          Das Verständnis, was einen Jungen oder ein Mädchen ausmacht, hat sich über viele Jahrzehnte und Jahrhunderte in den Köpfen der Menschen gebildet. Es beruht auf alten Rollenbildern. Zu ihnen gehört, dass Frauen den Haushalt erledigen und sich um die Kinder kümmern, während die Männer auswärts Geld verdienen und so die Familie versorgen. Bis heute steckt dieses Bild noch in vielen Köpfen.

          Dabei ist es heutzutage selbstverständlich, dass auch Mama arbeiten geht und Papa für alle kocht. Leider beeinflusst geschlechtsspezifisches Spielzeug unterbewusst unser Verständnis von Geschlechterrollen. Und es gibt in vielen Kindergruppen jemanden, der oder die besonders laut die Meinung dazu äußert, welches Spielzeug blöd ist. Und häufig ist das dann das Spielzeug für das andere Geschlecht.

          F.A.Z.-Newsletter „Familie“

          Leben mit Kindern: Die wichtigsten Artikel zu Familienorganisation, Erziehung, Finanzen, Schule, Wohnen und Freizeit. Abonnieren Sie den Newsletter „Familie“.

          Bitte beachten Sie unsere Datenschutzhinweise.

          Was aber, wenn zum Beispiel ein Mädchen dabei nicht mitmachen will, weil der beste Freund von nebenan ein cooler Typ ist oder es rosa einfach nicht ausstehen kann? Verhält sich ein Kind anders, als seine Umwelt es von ihm erwartet, reagieren die Erwachsenen und Freunde meist mit Ablehnung oder sind irritiert. Die Zuordnung zu Geschlechterrollen gibt Kindern Sicherheit und Normalität, aber sie schafft gleichzeitig auch den Zwang, sich der Norm zu unterwerfen und so zu sein wie die anderen Kinder der Gruppe.

          Hält sich ein Kind nicht an die Erwartungen der Gruppe oder hat es andere Einstellungen oder Interessen, weil es sich zum Beispiel seine Beschäftigung ungeachtet der Erwartungen aussucht, bringt das Chaos in das Kategorie-Denken der anderen Menschen. Diese unerwartete Störung der Kategorie „Geschlecht“ verursacht Stress. Stress wollen wir jedoch um jeden Preis vermeiden. Also versuchen wir, den anderen aus unseren Gedanken herauszuhalten, indem wir ihn ausgrenzen. Jeder, der das schon mal erlebt hat, weiß, wie verletzend es sein kann, nicht dazuzugehören. Daher ist es wichtig, möglichst tolerant mit den Interessen und dem Verhalten der anderen umzugehen und sich zu fragen, ob man seine eigenen Kategorien von „Junge“ und „Mädchen“ nicht noch mal überdenken will.

          Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen
          Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen

          Eine illustrierte Auswahl von Beiträgen unserer Kolumne „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“ ist bei Reclam erschienen.

          Zur Verlagsseite

          Topmeldungen

          Einen Schritt weiter: Der britische Premierminister Boris Johnson konnte sich mit den Rebellen einigen.

          Britisches Binnenmarktgesetz : Die EU bleibt hart

          Das britische Parlament hat beim umstrittenen Nordirland-Protokoll nun das letzte Wort. Die EU bleibt derweil hart – immerhin gab es wohl Fortschritte bei der jüngsten Verhandlungsrunde.