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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum wir jetzt plötzlich wieder frieren müssen

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Als frören auch sie: Strandkörbe im Mai auf der Düne von Helgoland Bild: Picture-Alliance

Es soll wieder kalt werden bei uns, richtig kalt. Verfrühte Eisheilige oder eine Folge des Klimawandels? Woher das Phänomen kommt, können selbst Experten noch nicht sagen. Aber wie es funktioniert.

          3 Min.

          Der Start war wie gemalt. Besser hätte der „Wonnemonat“ Mai gar nicht anfangen können: Sonne satt, zum Dran-Gewöhnen. Das sollten wir aber besser nicht. Denn jetzt kommt die kalte Dusche. In den nächsten Tagen werden wir uns wahrscheinlich in den April zurücksehnen. Der war eigentlich der perfekte Einstieg in den Sommer: wohlig warm mit alles in allem erstaunlich wenig Regen oder Schnee. Jedenfalls war dieser April bei uns im Land deutlich wärmer als in früheren Zeiten, wie der Wetterdienst festgestellt hat. Das wird leider nicht so bleiben.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Ein grässlicher Kälteeinbruch mit Regen und Graupel und Schnee und vielleicht sogar Frost soll dafür sorgen, dass Deutschland sich wieder ganz dick einpassen muss. Ganz klar, werden viele denken, das sind die Eisheiligen. Die gab es schon immer – fast immer. Darüber gibt es sogar altertümliche Gedichte. Eine alte Bauernregel, die nach ein paar Bischöfen und Märtyrern aus dem vierten und fünften Jahrhundert nach Christi Geburt benannt wurde. Früher haben Bauern ihre Felder so bestellt, dass die Eisheiligen nicht mehr kommen konnten.

          Vom 11. bis zum 15. Mai passierte es immer wieder, dass nochmal der Winter zurückkam und die  Saat zu zerstören drohte. Ein wiederkehrendes, aber ganz und gar natürliches Muster. Die Meteorologen sprechen vom Witterungsregelfall. Woher dieser mehr oder weniger regelmäßige Kälte-Einbruch kam, wusste keiner. Man verbuchte ihn unter dem natürlichen Lauf der Dinge – wie die Jahreszeiten eben auch. Da der Papst Gregor der Dreizehnte zudem den Kalender im Mittelalter von der julianischen auf die gregorianische Zeitrechnung umstellte, wodurch sich die Tage verschoben, kommen die Eisheiligen eigentlich heute auch erst gegen Ende Mai. Also ist es schon sehr ungewöhnlich, wenn nun schon in der ersten Maiwoche die Eisheiligen auftauchen sollen. Und gleich sechs Grad kälter als im langjährigen Mittel, das ist richtig heftig.

          Kaltluft von Norden statt Warmluft von Westen

          Hat der Kälterückfall vielleicht ganz andere Ursachen? Das fragen nicht nur die Meteorologen, darüber wird jetzt viel spekuliert. Grundsätzlich sind auch solche extremen Schwankungen von Natur aus möglich. Zufällig möglicherweise auch, wie so vieles am Wetter. Dazu braucht man nicht den Klimawandel zu bemühen, der zwar noch viel Chaos bringen soll – aber auch eine Vorverlegung der Eisheiligen? Eher unwahrscheinlich. Sieht man sich allerdings an, was Meteorologen dazu denken, dann stolpert man über einen Begriff, der anscheinend immer öfter fällt: Blockadewetterlagen.

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          Der Deutsche Wetterdienst kommt jetzt damit als Erklärung für die bevorstehende Kälte-Keule um die Ecke. Blockiert werden wärmere Windströmungen, die normalerweise vom Atlantik her zu uns kommen. Leider hat sich in den letzten Tagen über diesem Meer ein starkes, stabiles Hochdruckgebiet bis hinauf nach Grönland gebildet, das eine Art Luftdruckinsel darstellt. Und die hat sich festgesetzt. Östlich dieser Insel leben wir. Die Blockadelage sorgt nun dafür, dass uns nicht die direkt vom Meer kommenden warmen Mai-Winde erreichen, sondern dass uns an der Ostflanke der Hochdruck-Insel sibirisch kalte Luftströmungen von Norden her erreichen.

          Noch fehlt die Datengrundlage

          Eine solche Blockadelage sorgte schon im vergangenen Jahr dafür, dass der April ungewöhnlich war. Da allerdings lag das stabile Hoch direkt über uns, es lag über ganz Mitteleuropa und führte warme Luft zu uns, was zu einem extrem sonnigen und trockenen April führte. Im Sommer wiederholte sich das dann nochmal, wieder wochenlange Blockadewetterlage.

          Ist das nun Klimawandel, oder nicht? Erstmal nicht, denn solche stationären Hochs und Tiefs gab es in der Geschichte immer wieder, auch ohne die rapide Erderwärmung heute. Das beste Beispiel hierfür ist das fatale Dürrejahr 1540, in dem elf Monate lang fast gar kein Regen fiel. Solche Wetterlagen waren aber eher die Ausnahme, nicht die Regel. Ob die Häufung der Blockaden in letzter Zeit am Ende dazu führt, dass es zur Regel wird, lässt sich heute unmöglich sagen. Häufigere Blockaden könnten schon  darauf hindeuten, dass sich derzeit die Luftströmungen großräumig auf der Erde umstellen – quasi als Teil des Klimawandels. Dafür gibt es einige Indizien, um das aber sicher sagen zu können, werden wir uns noch gedulden müssen.  Dazu gibt es einfach noch nicht genug Daten.

          Klimawandel oder nicht – das ist in dem Fall genauso unsicher wie die Frage, ob es sich bei dem Kälteeinbruch bis mindestens zum Wochenende um verfrühte Eisheilige handelt. Richtig oder falsch, angenehmen sind die Aussichten auf keinen Fall.

          Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen
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          Eine illustrierte Auswahl von Beiträgen unserer Kolumne „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“ ist bei Reclam erschienen.

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