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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Was passiert, wenn keiner nachgeben will

Nur nicht nachgeben: auch beim Tauziehen ein Grundsatz Bildbeschreibung einblenden Podcast starten 04:50

Nur nicht nachgeben: auch beim Tauziehen ein Grundsatz Bild: Picture-Alliance

Manchmal finden Leute keine Einigung, auch wenn jede Lösung besser wäre als keine. Das gibt es auf dem Schulhof wie in der Politik. Dort haben die Leute allerdings nicht nur einen Dickkopf, sondern auch Angst.

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          Die Mülleimer werden nicht mehr geleert, in den Nationalparks laufen die Klos über, die Museen machen zu: Wenn man sich anschaut, was gerade in Amerika los ist, könnte man meinen, im reichsten Land der Erde wäre innerhalb von ein paar Wochen die große Armut ausgebrochen. Dabei ist es bloß die Folge eines Streits über Geld, der die Vereinigten Staaten seit kurz vor Weihnachten beschäftigt: Rechtzeitig zum neuen Jahr müssen sich der Präsident und die Politiker im amerikanischen Kongress darauf geeinigt haben, wie viel Geld welche Behörde und welche nachgeordnete Dienststelle bekommen soll für ihre Aufgaben – und um ihre Leute zu bezahlen. Und wenn sie sich nicht rechtzeitig einigen, gibt es eben erst einmal nichts. Das ist doof und tut weh, und es tut natürlich erst einmal den Leuten weh: denen, die kein Geld mehr bekommen, und denen, die nicht mehr wissen, wohin mit ihrem Müll.

          Jetzt könnte man fragen, ob man ernsthaft darüber streiten kann , dass sich jemand um den Müll und die Nationalparks und die Museen und die Flughafensicherheit und das Raumfahrtprogramm des Landes und all das kümmern und dafür bezahlt werden muss. Der Streit geht aber um etwas anderes, nämlich um die Mauer, die der amerikanische Präsident Trump an der Grenze zu Mexiko bauen will. Nach den Wahlen Anfang November hatten die Republikaner, das ist die Partei, der auch Trump angehört, die Mehrheit im Repräsentantenhaus verloren, und die Demokraten, so heißt die andere Partei, sind gegen die Idee mit der Mauer. Keine Einigung, kein Geld – nicht für die Mauer und auch für sonst nichts, außer für das Allernötigste, und das ist ziemlich wenig.

          Uns soll es hier nicht um den Streit über die Mauer gehen, sondern ums Streiten selbst. Darum, was passiert, wenn keiner nachgeben will. Wie das überhaupt passieren kann, dass ein ganzes Land auf einmal nicht mehr so richtig weiß, wie es weitergeht. Auch in Großbritannien ist das gerade so. Dort hatten die Menschen ja vor drei Jahren abstimmen sollen, ob sie noch weiter zu Europa, zur Europäischen Union, gehören wollen, und die meisten, die an der Wahl teilgenommen hatten, waren dagegen. Die britische Regierung hat dann mit Europa ausgehandelt, wie das überhaupt gehen kann, austreten, und was dann aus all den Vereinbarungen, der Zusammenarbeit, dem Miteinander werden soll. Als sie sich geeinigt hatten, war es auch hier wieder das Parlament, das dagegen war. Jetzt rückt der Austrittstermin immer näher, und er ist so ziemlich das einzige, was an der ganzen Sache klar ist. Was dann kommt, in etwas mehr als zwei Monaten, ob man ihn vielleicht doch verschiebt, ob man vielleicht überhaupt die ganze Idee mit diesem Brexit noch einmal neu entscheidet: Keiner weiß es.

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          Das Erschütternde an diesen beiden Auseinandersetzungen ist: Keine Seite will nachgeben, und jede Seite riskiert lieber, dass die Situation sogar noch schlimmer wird, als wenn sich die andere Seite durchgesetzt hätte. Vielleicht ist es ein bisschen so wie in der großen Pause auf dem Schulhof, wenn man sich nicht einigen kann, was gespielt werden soll, Fangen oder Tischtennis, man streitet und streitet – und dann klingelt es wieder zum Unterricht. Dabei wäre es auch für die Tischtennis-Fans bestimmt besser gewesen, fangen zu spielen als nur rumzustehen und zu streiten. Da klappt es dann aber auch mit diesem Vergleich nicht mehr, schließlich hat die Wahl zwischen Tischtennis oder Fangen eine andere Größenordnung und andere Folgen als die, ob ein Land eine Mauer an der Grenze baut oder sogar mit welchen Verabredungen es eine Staatengemeinschaft verlässt. Und eine Viertelstunde Zeitverschwendung kann man zur Not ja noch verschmerzen, aber wenn Hunderttausende Staatsbedienstete kein Geld mehr bekommen und ihre Arbeit liegen bleibt, sieht das schon anders aus.

          Oder es ist, wie wenn sich Kinder nicht darauf einigen können, was sie im Fernsehen gucken wollen: lieber die neue Folge einer Serie oder lieber ein Fußballspiel. In der Familie bekommen meist die Mutter oder der Vater was mit von dem Streit und sagen: Wenn ihr euch nicht einigen könnt, dann bleibt der Fernseher eben ausgeschaltet. In Amerika regelt ein über hundertdreißig Jahre altes Gesetz, dass es dann eben überhaupt kein Geld gibt. Was die Politiker natürlich nicht so unmittelbar trifft wie die Kinder vor dem Fernseher.

          Und es kommt bei den Politikern noch etwas dazu: Davor, sich mit ihrer Idee nicht durchzusetzen oder um des lieben Friedens willen einem Kompromiss zuzustimmen, der dann eben doch nur noch gerade mal die Hälfte ihrer eigenen Idee umsetzt, davor haben sie richtig Angst. Die Wähler könnten das als Schwäche auslegen, fürchten sie, und sie beim nächsten Mal einfach nicht wiederwählen. Dass es gerade so doof ist, merken zwar auch genau diese Wähler am stärksten. Aber daran kann man wenigstens dem politischen Gegner die Schuld geben.

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          Eine illustrierte Auswahl von Beiträgen unserer Kolumne „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“ ist bei Reclam erschienen.

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