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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Die Sache mit dem Mitgefühl

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Bettlerin in Köln Bild: Picture-Alliance

Mitgefühl ist eine wunderbare Fähigkeit, die nicht nur wir Menschen von Geburt an haben. Was sie bedeutet, wann es kompliziert mit ihr ist und was wir für sie tun können.

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          Es gibt unter Jugendlichen, die einander Trost spenden wollen, den schönen Spruch „feel you“. Das bedeutet: „Ich fühle mit dir“. Diese wunderbare Fähigkeit, uns in andere einzufühlen, haben wir alle von Geburt an. Es gibt sogar Tiere, die das ebenfalls können. Ratten, die gelernt haben, ihre eingesperrten Artgenossen zu befreien, indem sie einen  Hebel betätigen, tun das selbst dann, wenn ihnen dadurch ein Stück Schokolade durch die Lappen geht. Handelt es sich bei den Gefangenen allerdings um Spielzeugratten, sind sie den echten Ratten egal.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Beim Menschen unterscheidet die Wissenschaft zwischen Empathie und Mitgefühl. Das ist wichtig, weil beide Begriffe etwas Unterschiedliches bedeuten. Empathie beschreibt erst  einmal nur unsere Fähigkeit des Einfühlens. Diese Fähigkeit hat eine helle und eine dunkle Seite. Wenn uns zum Beispiel die vielen furchtbaren Nachrichten über ertrunkene Flüchtlinge im Mittelmeer zu sehr mitnehmen, dann schalten wir einfach ab. Wir setzen Scheuklappen auf und wollen nichts mehr von der  Flüchtlingskatastrophe hören und sehen. Das ist schade, weil unsere Herz, das wir so schützen wollen, zu verhärten droht.

          Beim Mitgefühl ist das anders. Der Mitfühlende will handeln, also helfen. Der kanadische Wissenschaftler Paul Bloom hat es einmal so formuliert: „Empathie heißt, ich fühle das, was ein anderer Mensch fühlt. Mitgefühl bedeutet: Ich kümmere mich um den anderen, ich sorge für ihn.“ Beim Mitgefühl trifft Herz auf Verstand.

          Unser Einfühlungsvermögen wird im Grunde jeden Tag auf die Probe gestellt. Wenn ich ins Büro gehe, begegne ich oft mehreren Bettlern. Manchmal gebe ich einem Geld, manchmal gebe ich keinem etwas. Wenn ich nichts gebe, kommt es vor, dass mich kurz ein schlechtes Gewissen überfällt – allerdings beruhige ich mich damit, dass man schließlich nicht immer und jedem etwas geben kann.

          Wie sehr wir mitfühlen, hängt auch davon ab, wie es uns selbst gerade geht. Ob wir traurig sind oder fröhlich, nachdenklich oder gestresst. Je nach Stimmungslage berührt uns das Schicksal fremder Menschen unterschiedlich intensiv.  

          Natürlich versuchen auch die Medien, unser Mitgefühl zu wecken und zu beeinflussen. Als zum Beispiel zwölf Jungs und ihr Fußballtrainer im vergangenen Jahr über viele Tage in einer irrsinnig verwinkelten Höhle in Thailand feststeckten, verfolgte die ganze Welt gebannt das Schicksals der Eingeschlossenen. Die Rettungsaktion war dramatisch, sie war in den Medien eine große Geschichte, die Katastrophe wurde als Event vermarktet – mit Happy End. Gleichzeitig ereigneten sich auf der ganzen Welt Unglücksfälle, die uns nicht in dieser Weise mitfühlen ließen. Aber das ist auch völlig normal, denn Mitgefühl lässt sich eben gerade nicht verordnen. Und schon gar nicht, indem man das eine Unglück gegen das andere ausspielt.

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          Man kann die Sache mit dem Mitgefühl allerdings auch ganz anders angehen, nämlich so, wie es die effektiven Altruisten tun. Das ist eine noch ziemlich junge Bewegung, die sich in Oxford gebildet hat und weltweit immer mehr Menschen anzieht. Die Idee: Anstatt einem Gefühl zu folgen und wahllos zu spenden, sollte man auf Statistiken schauen. Das Gute wird berechnet. Jedenfalls wird das versucht. Die pragmatischen Weltverbesserer würden nie einem Bettler an der Straßenecke einen Euro spenden, weil sie sagen, dass der Euro, den sie hier einem Bettler geben, in Afrika viel mehr bewirkt. Den effektiven Altruisten wird gern Kaltherzigkeit unterstellt. Das ist unfair, weil die Altruisten ja tatsächlich die Welt verbessern wollen. Ihr Mitgefühl drückt sich nur auf andere Weise aus.

          Wie auch immer man es mit dem Mitgefühl hält, ob man nun dem Bettler an der Straßenecke etwas gibt, für Afrika spendet oder ehrenamtlich Arbeit verrichtet, die gute Nachricht lautet: Wir können unser Mitgefühl trainieren. Zum Beispiel durch Meditation und Achtsamkeitsübungen. Und es ist schon viel gewonnen, wenn man nicht die ganze Zeit auf sein Smartphone  guckt und das, was um einen herum geschieht, wieder genauer wahrnimmt. Denn wir können die Gesellschaft ja zumindest im Kleinen zu einem besseren Ort machen: durch ein mitfühlendes Miteinander.

          Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen
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          Eine illustrierte Auswahl von Beiträgen unserer Kolumne „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“ ist bei Reclam erschienen.

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