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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Wie Verschwörungstheorien funktionieren

„Chemtrails“ sind ein Klassiker unter den Verschwörungstheorien: Hinter manchen Flugzeugen sollen nicht einfach nur Kondensstreifen zu sehen sein, sondern die Spuren von Chemikalien oder Mikroben, mit denen das Wetter oder die Menschen manipuliert werden. Bildbeschreibung einblenden Podcast starten 05:13

„Chemtrails“ sind ein Klassiker unter den Verschwörungstheorien: Hinter manchen Flugzeugen sollen nicht einfach nur Kondensstreifen zu sehen sein, sondern die Spuren von Chemikalien oder Mikroben, mit denen das Wetter oder die Menschen manipuliert werden. Bild: dpa

Wenn hinter dem, was alle betrifft, der finstere Plan noch finsterer Mächte steht: Verschwörungstheorien hatten schon immer ihre Anhänger. Dass sie gerade jetzt so beliebt sind, hat seine Gründe.

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          Die alten Römer haben früher gerne Wagenrennen veranstaltet. Dabei haben sie mehrere Pferde vor einen Wagen gespannt und sind gegeneinander angetreten. Auch in dem Comic „Asterix in Italien“ kommt so ein Wagenrennen vor. Natürlich treten Asterix und Obelix an. Gemeinsam stehen die beiden auf einem offenen Wagen, Obelix hält die Zügel von gleich vier Pferden in der Hand. Einer ihrer Konkurrenten ist ein Wagenlenker der in der englischen Übersetzung „Coronavirus“ heißt.

          Alles Zufall? Für Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, ist das ein Indiz, also ein Hinweis dafür, dass hinter dem Coronavirus eine Verschwörung steckt. Aber was ist eine Verschwörungstheorie überhaupt und warum glauben manche Menschen daran?

          Eine Verschwörung, klar, ist eine geheime Absprache von Leuten, die etwas vorhaben, was ihnen nützt und anderen schadet. Und eine Theorie ist eine Annahme, eine Erklärung für etwas, das jemand beobachtet hat. Bei einer Verschwörungstheorie glauben Menschen daran, dass dunkle Mächte im Verborgenen einen geheimen Plan aushecken. Sie denken, dass die Gesellschaft dadurch gesteuert oder sogar zerstört werden soll. Verschwörungstheoretiker stellen sich das als eine Art Netzwerk von Mächtigen vor, die alle Dinge regeln, die die Menschen betreffen. Und davon bekommen wir nichts mit. Natürlich wissen wir Menschen nicht alles. Können wir gar nicht.

          Nicht mehr in alle Richtungen kritisch denken

          Dass wir eben nicht alles wissen können, das macht manchen Menschen Angst. Die Welt, in der wir leben, ist ja auch sehr vielschichtig, und es gibt viele Fragen, die wir nicht einfach beantworten können. Deswegen versuchen die Menschen, wie zum Beispiel bei der Asterix-Verschwörungstheorie, ein Muster zu finden und die losen Enden zu verbinden.

          Welche Menschen glauben an solche Theorien? „Es gibt nicht die Verschwörungsperson. Es glauben zwar mehr Männer als Frauen daran, aber ob man in West oder Ost aufgewachsen ist, oder wie alt man ist, das macht keinen Unterschied“, sagt Pia Lamberty, die zu Verschwörungstheorien forscht.

          Sie weiß, welche Faktoren den Glauben an Verschwörungstheorien verstärken. „Das passiert, wenn Menschen das Gefühl haben, machtlos in einer Situation zu sein“, sagt sie. Zum Beispiel, wenn man für eine Klassenarbeit lernt, aber absolut nicht weiß, was richtig oder falsch ist.

          „Wenn der Mensch keine Kontrolle über eine Situation hat, verursacht das Stress“, sagt Lamberty. Auch wenn eigentlich klar ist, dass Menschen nicht alles kontrollieren können, brauchen sie das Gefühl, dass sie die Dinge selbst in der Hand haben. Wenn jemand zum Beispiel selbst am Steuer eines Autos sitzt, dann macht das weniger Angst als im Flugzeug, das jemand anderes steuert, den wir nicht kennen. Obwohl weniger Menschen in Flugzeugen verunglücken als in Autos.

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          Doch nicht nur um Halt in der Unsicherheit zu finden, glauben und verbreiten Menschen Verschwörungstheorien. „Menschen fühlen sich einzigartig, wenn sie eine Meinung haben, die nicht alle haben“, sagt Lamberty. Sie fühlen sich dadurch also besonders. Die Person denke dann: Ich weiß, was eigentlich passiert, sagt Lamberty. Und die anderen Menschen seien für sie „Schlafschafe“. Damit sind aus den Augen der Verschwörer Menschen gemeint, die blind und verschlafen den Medien vertrauen.

          Kritisch zu denken, das ist ja eigentlich keine schlechte Sache. Doch daraus entsteht dann etwas, das Lamberty „Vorurteilsstruktur“ nennt. „Wer an Verschwörungen glaubt, für den sind alle, die mächtig sind, böse und niederträchtig.“ Deswegen können diese Menschen dann gar nicht mehr in alle Richtungen kritisch denken. Zum Beispiel in der Schule wäre dann immer die Lehrerin Schuld, wenn irgendetwas schief läuft. Dass auch ein Mitschüler mal Mist bauen könnte, das wird gar nicht in Betracht gezogen.

          Aber nicht alles, was nicht stimmt, ist gleich eine Verschwörungstheorie. Es gibt auch einfach nur falsche Informationen, also Behauptungen, die gar nicht stimmen, aber niemand beabsichtigt damit etwas. Die Stufe danach ist die Desinformation. Dabei werden gezielt Falschinformationen verbreitet. Zum Beispiel wenn jemand erzählt: Morgen fällt die Schule aus, nur um dann zu glänzen und als einziger am nächsten Tag da zu sein. Bei einer Verschwörungstheorie wäre das dann noch komplizierter. Denn da müssten ja Mächte im Verborgenen einen Plan aushecken. Das könnte so etwas sein wie: Die Schule fällt aus, damit die Lehrer sich alle im Lehrerzimmer treffen können, um zu überlegen, wie sie uns alle krank machen.

          Aber wie erkennen wir überhaupt falsche Informationen? Im Internet gibt es beispielsweise das Spiel „Bad News“. Dabei müssen Kinder erkennen, welche Nachricht stimmt und welche nicht. Im Internet ist es ja manchmal ganz schön schwierig, zwischen Nachrichten und Quatsch, Lüge oder gefälschten Nachrichten zu unterscheiden. Aber wer sich mit einem solchen Spiel fit gemacht hat, für den geht es vielleicht bald einfacher.

          Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen
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          Eine illustrierte Auswahl von Beiträgen unserer Kolumne „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“ ist bei Reclam erschienen.

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