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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Wie sich Musikgeschmack entwickelt

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Manchmal fühlt es sich so an, als gäbe es einen bestimmten Song nur für mich. Bild: Picture-Alliance

Klar, unser Musikgeschmack hängt mit dem Alter und der Zeit zusammen, mit familiärer Prägung und dem, was uns so begegnet. Aber wie kommt es, dass selbst Zwillinge unterschiedliche Vorlieben und Abneigungen haben?

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          Unsere erste Begegnung mit Musik findet im Mutterleib statt. Schon ab dem vierten Schwangerschaftsmonat ist das Gehör so ausgebildet, dass es Klänge erfassen kann. In einem Forschungsexperiment wurden vor einer Weile Föten beschallt: eine Gruppe mit einem monotonen Brummton, eine mit einer Flötensonate von Johann Sebastian Bach. Während die Föten mit dem Brummton ruhig im Bauch lagen, reagierten die anderen auf die Musik. Sie bewegten ihre Körper, öffneten ihren Mund und schoben ihre Zunge heraus.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Das ist zwar ein erster wichtiger Hinweis auf die Frage, woher eigentlich der Musikgeschmack kommt, aber nicht mehr als das. Denn dass wir auf die Musik reagieren, heißt noch lange nicht, dass wir sie mögen. Und das gibt auch noch keine Auskunft darüber, wie wir uns später zu Musik verhalten, die uns nicht seit dem Mutterleib vertraut ist.

          Meine erste bleibende Erinnerung an Musik hatte ich etwa mit fünf Jahren – und zwar durch das Küchenradio bei uns zu Hause. Bei uns liefen tagsüber Deutschlandfunk und NDR2. Es gab samstagsmorgens eine Chartsendung mit dem Moderator Wilken F. Dincklage – auch bekannt als „Der dicke Willem“. Ich bin Jahrgang 1977, mit fünf Jahren wuchs ich ästhetisch in eine schwierige Zeit Anfang der Achtziger – meine ersten Sounds waren die Neue Deutsche Welle und aktuelle englische Popsongs. Die Zuneigung zu „Come on Eileen“ von den Dexys Midnight Runners bekomme ich seit damals genauso wenig weg wie die zu meinem Lieblingsgericht Eierpfannkuchen aus der elterlichen Küche, zu meinem ersten Lieblingslied „Safety Dance“ von den Men Without Hats oder zu „Such a Shame“ von Talk Talk, dessen Text ich erst viel später begriffen habe, als ich schon lange erwachsen war.

          Eine Entwicklung in Phasen

          Wichtige Erfahrungen mit Musik sammeln wir aber nicht nur im Mutterleib und in der Küche, sondern auch in den Zimmern unserer Geschwister. Ich habe einen fünf Jahre älteren Bruder, bei dem ich „Mama“ von Genesis das erste Mal hörte. Mit welcher Musik man also in der empfänglichen Phase in Berührung kommt, die für die Geschmacksbildung so wichtig ist, hängt nicht zuletzt von Zufällen ab. Menschen der Jahrgänge 1940 bis 1955 sind mit deutlich größerer Wahrscheinlichkeit mit der Frage konfrontiert gewesen, ob sie lieber die Beatles oder lieber die Rolling Stones mögen. Wer zwischen 1955 und 1970 geboren ist, wird leichter nachvollziehen können, warum Punk nötig war.

          Woher kommt also der Musikgeschmack? Bis hierhin aus einem behüteten und stark kontrollierten Umfeld. Doch in der Jugend geht die Zeit der Distinktion los: Man will besonders sein, sich von den anderen abheben. Mit etwa 14 Jahren kam mein bester Freund mit seinen Queen-Platten an, die er wohl von seinen beiden Schwestern hatte, die mit älteren Jugendlichen befreundet waren. Ich fand das damals nicht komplex genug. Mir war das zu schrill, zu offensichtlich, zu laut. Mindestens die Hälfte dieses vermeintlichen Geschmacksurteils ist Angeberei, Wichtigtuerei und eben Distinktion.

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          Diese Phase hält bis mindestens 25 an, denn auch unter Azubi-Kollegen, Sportskameraden und Kommilitonen ist es total wichtig, sich abzugrenzen. Musik ist eben nicht nur Musik, sondern kann auch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe bedeuten, in der alle dieselbe Musik hören. Zu Computer-Nerds passt oft der elektronische Sound von Kraftwerk oder Depeche Mode, Surfer können zwischen Jack Johnson und Xavier Rudd entscheiden, Gamer mögen häufig Hiphop. Viele Musikfans können auf einem Festival an den T-Shirts der anderen Besucher erkennen, ob sie sich dort zu Hause fühlen.

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