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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Wie man aus Quatsch eine Waffe macht

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Donald Trump im Oktober 2011 in Virginia, ein paar Jahre, bevor er Präsident der Vereinigten Staaten wurde Bild: Picture-Alliance

Manche Politiker sagen Sachen, da glaubt man den eigenen Ohren nicht. Und wenn sich dann andere darüber aufregen, sagen sie, sie hätten es nicht so gemeint. Was aussieht wie ein Ausrutscher, ist in Wirklichkeit ein Trick.

          2 Min.

          Politik bedeutet, über Gesetze reden, Gesetze durchsetzen oder abschaffen. Das kann man als Regierung in Ländern, wo es keine Freiheit gibt, einfach befehlen. In Ländern, wo es Freiheit gibt, dürfen alle über Gesetze reden und darüber, welche neuen man will und welche alten man abschafft, und dann wird abgestimmt. Das Ergebnis der Abstimmung ist dann Gesetz. Menschen, die sich von Beruf damit beschäftigen, wollen diese Sache beeinflussen. Sie müssen andere überzeugen. Eigentlich funktioniert das nicht, wenn sie Quatsch reden. Aber es gibt einen Trick, wie man Quatsch in dieser Arbeit an Gesetzen als Waffe benutzen kann.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn der amerikanische Präsident sagt, die meisten Leute, die aus dem Süden in sein Land kommen, seien Verbrecher, ist das Quatsch. Wenn der philippinische Präsident sagt, Frauen, die nicht mit Männern schlafen und keine Kinder kriegen können, wären wertlos, ist das Quatsch. Wenn eine deutsche Politikerin sagt, man sollte auf Mütter und Kinder schießen, wenn sie ohne Einladung über die Grenze nach Deutschland kommen, ist das Quatsch. Wenn ein deutscher Politiker sagt, der schlimmste Unterdrücker und Mörder, der hier je gelebt hat, sei nicht wichtig, ist das Quatsch.

          Vernünftige Leute regen sich über den Quatsch dann auf, weil er böse ist, denn dieser Quatsch ist eine nützliche Ausrede für Leute, die zum Beispiel Menschen aus dem Süden, Frauen oder diejenigen, die Hitler verfolgt hätte, schlecht behandeln wollen. Die Aufregung der vernünftigen Leute aber ist das, was diejenigen wollen, die den Quatsch reden. Sie sagen dann: „Ich habe doch nicht alle Leute aus dem Süden Verbrecher genannt, nur viele“ oder „Ich habe nur böse Frauen gemeint“ oder „Ich würde selbst nie auf Menschen schießen“ oder „ich wollte Hitler beleidigen, als ich gesagt habe, er wäre unwichtig“.

          Sie behaupten also, sie hätten etwas gesagt, worüber man sich nicht aufregen sollte, und dann zeigen sie auf die Aufregung der anderen. Weil die Aufregung laut ist, sehen die Aufgeregten dann aus, als wären sie im Unrecht, denn Angeber und Gewalttäter sind auch laut.

          Weil die Aufregung will, dass diejenigen, die Quatsch reden, das nicht mehr tun, können diejenigen, die Quatsch reden, behaupten, die Aufgeregten wollten verbieten, dass alle sich an den Gesprächen über Gesetze beteiligen. Es geht also beim Quatschreden darum, diejenigen schlecht aussehen zu lassen, die über die Folgen nachdenken, die der Quatsch hätte, wenn man ihn glauben würde. Denen, die den Quatsch reden, ist es egal, ob man ihn glaubt. Sie wollen sowohl Leute, die den Quatsch glauben, wie solche, die nur wollen, dass alle mitreden dürfen, auf ihre Seite ziehen. Manchmal glauben sie den Quatsch, manchmal nicht.

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          Die einzige Gegenwaffe gegen diese Art, Quatsch als Waffe zu benutzen, ist, dass man ganz genau wiederholt oder mit einer Aufzeichnung beweist, was für ein Quatsch es ist und dass es Quatsch ist. Bis sich das rumspricht, dauert es eine Weile, aber eine bessere Waffe gibt es nicht. Das ist anstrengend, aber es lohnt sich, weil die meisten Sorten Quatsch davon irgendwann besiegt werden. Vor zweihundert Jahren hatten die Leute viel Quatsch im Kopf, den heute niemand mehr glaubt. Man hat das ganz langsam, aber gründlich geklärt. So sollte es weitergehen.

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          Eine illustrierte Auswahl von Beiträgen unserer Kolumne „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“ ist bei Reclam erschienen.

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