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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Was einen schlechten Verlierer ausmacht

Auch so ein Trick: Donald Trump hat sich ganz schnell zum Sieger der Präsidentschaftswahl erklärt, lange bevor alle Stimmen ausgezählt waren. Bildbeschreibung einblenden Podcast starten 05:11

Auch so ein Trick: Donald Trump hat sich ganz schnell zum Sieger der Präsidentschaftswahl erklärt, lange bevor alle Stimmen ausgezählt waren. Bild: Picture-Alliance

Schlechte Verlierer gibt es überall: auf dem Fußballplatz wie in der Politik. Niemand verliert gern. Aber manchmal lohnt es sich, genauer hinzuschauen – weil ein Trick dahinter steckt.

          3 Min.

          Niemand verliert gern. Wieso auch? Es kommt vor, dass wir uns lange und mühevoll vorbereitet haben – zum Beispiel auf einen Wettkampf. Und das soll jetzt umsonst gewesen sein? Oder wir finden, wir haben es einfach verdient, auch mal zu gewinnen, bei einem Würfelspiel mit gleichen Chancen für alle. Warum scheinen immer die anderen Glück zu haben? Selbst wenn wir uns einfach nur Hoffnung machen, dass wir es schaffen, ist es kein gutes Gefühl, wenn diese Hoffnung enttäuscht wird. Und das kommt gar nicht selten vor.

          Auf den ersten Blick ist also erstaunlich, dass es überhaupt Leute gibt, die gute Verlierer sind. Warum es schlechte Verlierer gibt, ist hingegen völlig klar. Doch auch hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen: auf das, was einen schlechten Verlierer antreibt, und auf das, wie er reagiert, und auf das, was er sich davon zu versprechen scheint.

          Nehmen wir ein Fußballspiel: Wenn der Schiedsrichter abgepfiffen hat, kann man oft die große Enttäuschung auf den Gesichtern der Spieler sehen, die verloren haben. Sie haben alles gegeben, und es hat nicht gereicht. Manchmal haben sie auch das Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein. Wenn ein Spieler der anderen Mannschaft ein Tor gemacht hat, aber vielleicht im Abseits stand, oder wenn irgendwie doch die Hand im Spiel war. Das sind Regelverstöße, nach denen ein Schiedsrichter ein Tor nicht gelten lassen darf. Wenn er es aber trotzdem macht, kommt bei denen, die das Tor kassiert haben, zur Enttäuschung noch die Empörung.

          Bild: F.A.Z.

          Es gibt Fußballer und auch Fußball-Fans, die sind dann nicht einfach nur enttäuscht und empört. Sie wollen sich beklagen. Sie protestieren gegen die Fehlentscheidung eines Schiedsrichters – nach einem Spiel, oft aber auch währenddessen. Natürlich wollen sie dann, dass der Schiedsrichter seine Entscheidung ändert. Manchmal bedrängen solche Spieler auch den Schiedsrichter, und manchmal sehen sie dafür eine gelbe Karte: Weil sie sich nicht damit abfinden wollten, dass der Schiedsrichter die Macht hat, in einem Spiel anders zu entscheiden, als sie es wollen. Aber das müssen sie.

          Es gibt auch Spieler, die tun nur so, als müsste der Schiedsrichter zu ihren Gunsten entscheiden. Sie merken zum Beispiel, dass sie einen Zweikampf um den Ball verlieren, und tun dann so, als hätte ihr Gegenspieler sie gefoult. Wenn sie dabei erwischt werden, gibt es auch eine gelbe Karte. Das dürfen sie nämlich ebenfalls nicht. Sie halten sich also selbst nicht an die Regeln, um anderen vorzuwerfen, sich nicht an die Regeln zu halten.

          Schon beim Sport kann man also schlechte Verlierer sehen, und da ist das noch einfach. Keiner würde hier auf die Idee kommen, mitten im Spiel die Regeln ändern zu wollen oder grundsätzlich abzulehnen, welche Rolle der Schiedsrichter hat. In der Politik ist es noch ein bisschen vertrackter. Auch da gibt es immer wieder Leute, die das Gefühl haben, schlecht behandelt oder sogar betrogen zu werden. Auch da gibt es schlechte Verlierer. Und die haben noch einen zusätzlichen Trick: Wenn sie sich lautstark beklagen, hören das nicht nur Fans im Fußballstadion, die dann rufen und pfeifen. Sondern ihr Publikum sind die Wähler, das Volk – in einer Demokratie also die Leute, auf die es ankommt. Diese Politiker können dann sagen, nicht nur sie selbst sind betrogen worden, sondern ihre Wähler sind es auch.

          Das ist ein ganz schönes Druckmittel, gerade wenn es, wie jetzt bei der Präsidentenwahl in Amerika, so knapp ist, wenn die Zahl der Wähler des Siegers und die des Verlierers ähnlich groß sind. Die Leute können demonstrieren und Neuwahlen fordern. Leute, die vielleicht diesmal nicht gewählt haben, weil sie sich nicht entscheiden konnten, könnten dem schlechten Verlierer glauben und ihn beim nächsten Mal wählen.

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          Je wichtiger einem Land die Sache mit der Demokratie ist, umso sorgfältiger achtet es darauf zu zeigen, dass bei Wahlen alles mit rechten Dingen zugeht. Und umso sorgfältiger kümmert es sich auch um Klagen und Vorwürfe, wenn jemand behauptet, dass es nicht so ist. Schlechte Verlierer können so etwas ausnützen – zumindest, um Stimmung zu machen, oder auch, um dem Gewinner die Arbeit schwer zu machen, damit die Wähler dann sehen, dass es doch nicht so gut war, dass der die Wahl gewonnen hat.

          Wenn es schlechte Verlierer gibt, was wären denn dann gute Verlierer? Das wären Leute, die sich ihr Interesse an dem Spiel oder Wettkampf oder der Wahl nicht dadurch verderben lassen, dass sie verloren haben. Die anerkennen, nach welchen Regeln läuft, wobei sie verloren haben, und dass es dabei eben Gewinner und Verlierer gibt. Dass es je nach den Regeln Glück oder Geschick oder Geduld oder Kraft oder Überzeugungskraft oder eine Mischung daraus braucht, um zu gewinnen, und bei ihnen hat es diesmal nicht gereicht. Das wären Leute, die sich damit abfinden, dieses Mal verloren zu haben, und die dem Sieger zeigen können, dass sie seinen Sieg anerkennen – und sei es nur, weil sie ihm nicht auch noch die Genugtuung gönnen wollen zu sehen, wie sie an der Niederlage zu knapsen haben.

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