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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Was eine Sucht ist

Nicht alles, was süchtig machen kann, ist verboten: Auch Alkohol gehört dazu. Bildbeschreibung einblenden Podcast starten 05:55

Nicht alles, was süchtig machen kann, ist verboten: Auch Alkohol gehört dazu. Bild: Picture-Alliance

Manche Kinder wissen aus eigener Erfahrung, wie es ist, süchtig zu sein. So unterschiedlich auch die Dinge sind, von denen wir abhängig werden können: Es gibt Gemeinsamkeiten – beim Weg hinein und wieder heraus.

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          Niemand ist es gern. Mehr Leute sind es, als man glaubt. Aber nicht jeder, dem gesagt wird, dass er es wohl ist, ist es auch. Das klingt wie ein Rätsel, und manche Feinheiten bei diesem Leiden sind tatsächlich immer noch ein Rätsel, selbst für Forscher. Es geht um Abhängigkeit oder Sucht.

          Im weitesten Sinn süchtig sein kann man in jedem Alter: Viele Kinder haben von ihren Eltern schon einmal gesagt bekommen, sie seien wohl schokoladensüchtig, wenn sie mal wieder gar nicht genug kriegen konnten von dem Süßkram. Und einige haben auch schon einmal mit ihren Eltern besprechen müssen, ob sie nicht vielleicht online-süchtig, smartphone-süchtig oder computerspielsüchtig sind. Erwachsene können von Alkohol, Zigaretten, Tabletten oder Drogen abhängig sein. Die Politik, das Bundesgesundheitsministerium zum Beispiel, zählt aber auch die Glücksspielsucht zu den Abhängigkeiten, die Erwachsene entwickeln können.

          Was verbindet diese ganz verschiedenen Substanzen und Beschäftigungen? Unser Körper reagiert darauf auf eine bestimmte Weise, und diese Reaktion wollen wir wieder und wieder erzeugen. Weil es sich so anfühlt, als ob sie uns guttut. Oder weil sie etwas kleiner macht oder überdeckt, was sich so anfühlt, als ob es uns nicht guttut. Leuten, die andauernd heftige Schmerzen haben, hilft manchmal nur noch ein Schmerzmittel, das leider süchtig macht. Der Körper stellt sich darauf ein, dass sie dieses Mittel einnehmen, er braucht immer mehr davon, und er reagiert sofort, wenn es fehlt. Die Schmerzen sind wieder da, und sie sind schlimmer als zuvor. Es gibt Nasenspray, von dem man süchtig werden kann: Es enthält ein Mittel, das die Nasenschleimhäute abschwellen lässt, und wer Schnupfen hat, kann wieder besser durch die Nase atmen. Wenn man es länger als eine Woche nimmt, gewöhnen sich die Schleimhäute daran – und schwellen an, wenn es fehlt. Auch ohne Schnupfen.

          Allein kommt man meist nicht mehr heraus

          Zum Glück hat so gut wie jedes Kind schon mal davon gehört, wie gefährlich Drogen sind. Darunter versteht man heute zumeist verbotene Mittel, die Leute zum Beispiel schlucken oder mit einer Spritze nehmen oder rauchen. Ihre Wirkung kann ganz verschieden sein: Manche machen, dass man sich wie der Größte fühlt, andere, dass man einfach nicht müde wird, wieder andere, dass einem alles, was einen sonst so bedrückt, gar nichts mehr ausmacht. Und die allermeisten von ihnen machen, dass man mehr von ihnen will – so schlecht für die Gesundheit, so verboten sie auch sein mögen, und so viel Geld man Drogenhändlern auch für sie zahlen muss. Bei vielen dieser Drogen glauben Leute, die sie nur mal ausprobieren wollen, einfach nicht, dass ihre Willenskraft allein nicht ausreicht, um wieder davon loszukommen. Und manche Leute, die drogenabhängig sind, setzen für ihre Sucht schließlich alles aufs Spiel: Ihre Gesundheit, ihr Geld, ihr Leben.

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          Aber es gibt auch ganz alltägliche Substanzen, die süchtig und krank machen. Die von vielen Leuten genommen werden, obwohl sie so gefährlich sind. Die nicht einfach verboten werden können, weil ihre Einnahme seit Jahrhunderten zum Leben der Menschen hier dazugehört. Alkohol ist so ein Beispiel. Menschen, die ihn trinken, in Bier oder Wein, Schnaps oder Cocktails, entspannen sich dabei, sie werden aufgekratzt, und ihre Hemmungen nehmen ab. Aber auch ihr Reaktionsvermögen nimmt ab, ihre Konzentration, die Fähigkeit, deutlich zu sprechen und klar zu denken. Das kann ganz schön gefährlich werden. Deshalb dürfen Leute auch nur ganz wenig Alkohol trinken, wenn sie noch Auto fahren wollen. Wer regelmäßig zu viel Alkohol trinkt, wird abhängig und krank.

          74.000 Menschen sterben in Deutschland im Jahr an übermäßigem Alkoholkonsum. Damit ist allerdings nicht nur die Sucht gemeint. In der gesamten EU ist es die häufigste Todesursache bei jungen Männern. Und trotzdem darf, wer sechzehn Jahre alt ist, in Deutschland Bier und Wein kaufen und trinken.

          Aber man muss nicht einmal eine Substanz zu sich nehmen, verboten oder nicht, um abhängig zu werden. Manchmal reicht es schon, etwas immer wieder zu machen, bei dem der Körper selbst Substanzen ausschüttet. Zum Beispiel Dopamin, einen Botenstoff, den wir in der Alltagssprache oft als Glückshormon bezeichnen. Dopamin wird im Körper selbst gebildet und zum Beispiel dann ausgeschüttet, wenn uns etwas gelingt oder wenn wir beim Spielen gewonnen haben. Vielen Leuten, die spielesüchtig sind, geht es eigentlich um diese Dopamin-Ausschüttung, um das Glücksgefühl im Erfolgsfall. Wie gut sich das anfühlt, weiß jeder. Was passiert, wenn man gar nicht genug davon kriegen kann, und immer mehr Zeit darauf verwendet, das zu machen, was bestenfalls zu einer solchen Dopamin-Ausschüttung führt, das wissen auch manche Kinder, die immer wieder dasselbe Spiel auf dem Smartphone zocken.

          Es ist übrigens ganz typisch, dass Leute, die süchtig nach etwas sind, nicht gern zugeben, dass es so ist. Dabei ist diese Einsicht, dieses Eingeständnis ein erster Schritt, um sich von der Abhängigkeit auch wieder zu befreien. Das hat schon vor bald 85 Jahren ein Arzt in Amerika erkannt, der selbst Alkoholiker war und eine Vereinigung von Alkoholikern ins Leben gerufen hat, die sich gegenseitig dabei unterstützen, von ihrer Sucht dauerhaft loszukommen und fernzubleiben. Jedes Mal, wenn sie zu einer ihrer Versammlungen zusammenkommen, stellt sich jeder mit seinem Namen vor und sagt danach, dass er Alkoholiker ist. Dieser Arzt, Robert Holbrook Smith, hat übrigens noch etwas erkannt: Wer abhängig ist, braucht die Hilfe, die Unterstützung, die Geduld und die Hartnäckigkeit anderer, um da wieder rauszukommen. Auch wenn er sich am Anfang am liebsten überhaupt nicht helfen lassen will.

          Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen
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          Eine illustrierte Auswahl von Beiträgen unserer Kolumne „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“ ist bei Reclam erschienen.

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