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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum wir unseren Schlaf brauchen

Wenn, man schläft, passiert im eigenen Körper mehr, als man denkt. Bildbeschreibung einblenden Podcast starten 05:50

Wenn, man schläft, passiert im eigenen Körper mehr, als man denkt. Bild: Picture-Alliance

In vielen Familien entbrennt nach dem Abendbrot ein regelrechter Kampf, weil die Kinder nicht ins Bett wollen. Schlaf ist wichtig, sagen die Eltern. Warum eigentlich?

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          Noch eine Tasse warme Milch mit Honig, noch ein Kapitel lesen, noch fünf Minuten Hörspiel: Es ist verflixt, immer wenn die Schlafenszeit naht, würde man so viele Dinge lieber tun, als ruhig im Bett zu liegen und die Augen zu schließen. Wer geht schon gerne ins Bett?! Aber wichtig ist es doch, da haben die Eltern schon recht.

          Johanna Kuroczik

          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Kinder verbringen fast die Hälfte ihres Lebens mit Schlafen. Ein Neugeborenes braucht rund siebzehn Stunden Schlaf pro Tag. Wer in die erste Klasse geht, schlummert meist immer noch ungefähr elf Stunden. Auch wenn es uns beim Aufwachen scheint, als wäre in der Nacht nichts passiert – unser Körper leistet erstaunliche Arbeit, während wir friedlich dösen. „Schlaf hat ganz viele unterschiedliche Funktionen“, sagt Claus Doerfel, und er muss es wissen, denn er ist Kinderarzt und Schlafmediziner an der Universitätsklinik in Jena.

          Was nachts genau im Körper vorgeht, hängt von der jeweiligen Schlafphase ab. Es gibt unterschiedliche Phasen, die sich immer wiederholen. Schließt man die Augen, beginnt die Einschlafphase. Der Körper kommt zur Ruhe, dabei zucken manchmal die Beine, denn die Muskeln entspannen sich im Schlaf. Darum schnarchen manche, weil auch Zunge und Rachenmuskeln zusammensacken und die Atemwege einengen. Nach einer Weile folgt der leichte Schlaf, hier kann man noch von leisen Geräuschen geweckt werden. Im anschließenden Tiefschlaf ist das anders, da bedarf es schon ordentlichen Krachs. Man atmet ruhig und regelmäßig, das Herz schlägt langsamer, die Körpertemperatur fällt.

          Bild: F.A.Z.

          Im Tiefschlaf regeneriert sich der Körper, das heißt: Er bringt alles wieder in Ordnung, damit wir für den nächsten Tag gerüstet sind. Dafür sorgen unter anderem Hormone, die kann man sich vorstellen wie winzige Boten, die durch den Körper flitzen und Aufgaben verteilen. Wichtig für alle Kinder: In den ersten Schlafstunden sind Wachstumshormone besonders aktiv, man wächst also im Schlaf. Die Nachtruhe beeinflusst auch das Immunsystem. Wenn man nicht genug schläft, können die Abwehrzellen, die den Körper nach Krankheitserregern absuchen, ihre Arbeit nicht ordentlich erledigen.

          Auf den Tiefschlaf folgt ein spannender Teil des Schlafs: die sogenannte REM-Phase. Das steht für Rapid Eye Movement, übersetzt „schnelle Augenbewegung“, und zwar, weil die Augen unter den geschlossenen Lidern während dieser Schlafphase wild hin und her zucken. Während der Körper entspannt, dreht das Gehirn voll auf: Wichtige Ereignisse des Tages werden verarbeitet. Bereiche des Gehirns, die für das Langzeitgedächtnis verantwortlich sind, arbeiten auf Hochtouren. Man lernt nämlich sozusagen im Schlaf weiter: Wissenschaftler haben gezeigt, dass sich Testpersonen besser an Vokabeln erinnern konnten, wenn sie in der Nacht nach dem Lernen ausreichend schliefen. Die REM-Phase ist auch der Teil der Nacht, in dem man träumt.

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          Danach geht es wieder von vorne los, also folgt auf leichten Schlaf der Tiefschlaf, darauf wieder leichter Schlaf, dann kommt REM: So ein Zyklus dauert rund anderthalb bis zwei Stunden. Je länger wir schlafen, desto kürzer wird jedoch der Tiefschlaf und desto länger der REM-Schlaf.

          Wie wichtig Schlaf wirklich ist, zeigen Experimente, bei denen Menschen vom Schlafen abgehalten wurden. Den Weltrekord hielt lange der amerikanische Schüler Randy Gardner, der im Januar 1964 mit nur siebzehn Jahren länger als elf Tage wach blieb, nämlich ganze 264 Stunden: In den ersten Tagen wurde er aggressiv, irgendwann konnte er einfache Zungenbrecher nicht mehr aufsagen und nach einer Weile litt er unter Halluzinationen, er sah etwa Nebelschwaden, die eigentlich gar nicht da waren. Straßenschilder wurden für ihn zu Menschen. Er konnte sich auf nichts mehr konzentrieren und vergaß sogar, was er gerade tat. Nach einigen Nächten Schlaf erholte er sich, doch Versuche mit Ratten zeigten, dass Schlafentzug auch tödlich enden kann. Wer über lange Zeit zu wenig oder schlecht schläft, der bringt ebenfalls seine Gesundheit in Gefahr: Das kann zu Depressionen führen oder den Stoffwechsel des Körpers durcheinanderbringen und Krankheiten wie Diabetes begünstigen, weil der Zucker im Blut nicht richtig reguliert wird.

          Deswegen beschäftigen sich manche Ärzte speziell mit dem Schlaf, wie Claus Doerfel, der an der Universitätsklinik in Jena auch das Schlaflabor leitet. Hier übernachten Kinder, wenn sie nachts keine Luft kriegen, weil ihre Rachenmandeln zu groß sind, oder wenn sie häufig voller Angst aufschrecken. „Die Kinder verbringen in der Regel zwei Nächte in unserem Schlaflabor, denn in der ersten sind sie oft aufgeregt und schlafen schlecht“, erklärt Doerfel. Ärzte überwachen sie mit Kameras, Sonden und Kabeln, um herauszufinden, wie man ihnen helfen kann. Dabei wird etwa festgehalten, wie regelmäßig das Kind atmet, wie sich die Muskeln bewegen, wie schnell das Herz schlägt und wie aktiv das Gehirn ist. Claus Doerfel berichten in den vergangenen Jahren viele Kinder und Jugendliche von Problemen beim Einschlafen, weil es ihnen schwer fällt, die Finger abends vom Handy zu lassen. Das Licht des Bildschirms hält wach. Wer also im Bett noch die eine oder andere Nachricht beantwortet, läuft Gefahr, am nächsten Tag müde und unkonzentriert zu sein.

          Da trinkt man besser eine warme Milch mit Honig, um die Zeit zu vertreiben. Dieses alte Hausmittel rührt übrigens daher, dass Milch bestimmte Stoffe enthält, die müde machen, wie das Schlafhormon Melatonin. Allerdings nur wenig, so dass Forscher nicht glauben, dass Milch wirklich einen einschläfernden Effekt hat. Schmecken tut es trotzdem gut.

          Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen
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          Eine illustrierte Auswahl von Beiträgen unserer Kolumne „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“ ist bei Reclam erschienen.

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