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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum wir Schluckauf kriegen

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Immer einen Versuch wert: Trinken mit zugehaltener Nase Bild: Picture-Alliance

Jeder bekommt mal Schluckauf – bei manchen bleibt er sogar jahrelang. Aber warum macht der Körper überhaupt so einen Quatsch? Und was hilft dagegen?

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          Achtundsechzig Jahre. So lange hatte der Amerikaner Charles Osborne Schluckauf, anfangs ziemlich schnell, nach ein paar Jahren langsamer, nämlich zwanzig Mal in der Minute. Man schätzt, dass er in seinem Leben 430 Millionen Mal hickste. Seltsamerweise verschwand der Schluckauf 1991, ein Jahr bevor Osborne im Alter von siebenundneunzig Jahren starb. Da stand er längst im Guinness-Buch der Rekorde mit seiner unfreiwilligen Hickserei. Wenn man sich das vorstellt, ein ganzes Leben mit Schluckauf, kommen einem die eigenen kurzen Phasen eher spaßig vor. Aber nervig sind sie schon. Was denkt der Körper sich denn bloß dabei?

          Brigitte Mayinger ist Chefärztin der Münchner Helios-Klinik und begegnet immer wieder Patienten, die lang andauernden Schluckauf haben. Sie kennt sich nämlich mit allem aus, was mit der Verdauung zu tun hat, und die kann eine Rolle spielen beim Schluckauf. Das Phänomen ist übrigens gar nicht so genau erforscht, weil es nicht als Erkrankung gilt. Brigitte Mayinger sagt: „Es ist schon sehr komplex. Stress ist zum Beispiel ein Auslöser – aber so richtig erklären kann man sich das auch nicht.“

          Ein paar andere Auslöser kann man dagegen besser verstehen, aber dafür muss man sich erst mal genau anschauen, was beim Schluckauf passiert. „Schluckauf ist, wenn sich das Zwerchfell unwillkürlich zusammenzieht und Millisekunden später die Glottis zugeht. Dadurch entsteht das Geräusch“, erklärt Brigitte Mayinger. Das Zwerchfell ist der Muskel zwischen Brust und Bauch. Die Glottis liegt am oberen Ende der Luftröhre, zu ihr gehören unter anderem die Stimmbänder, mit deren Hilfe wir sprechen und singen. Die Glottis kann außerdem so etwas wie eine Verschlusskappe für die Lunge bilden, damit keine Flüssigkeit hinein gerät. Man kann das selbst ausprobieren: Wenn man ein Glas Wasser trinkt und dabei einatmet, stockt der Atem kurz beim Schlucken. In diesem Moment nämlich muss das Wasser irgendwie über die Luftröhre hinweg in die Speiseröhre befördert werden, und wenn die Luftröhre offen ist, klappt das nicht. Also geht die Glottis zu, und derweil können wir nicht atmen.

          Warum jetzt ausgerechnet Zwerchfell und Glottis zusammen verrücktspielen, die doch ziemlich weit auseinander liegen, lässt sich erklären: Sie sind durch wichtige Nerven verbunden. Der Nervus Vagus kommt aus dem Gehirn und geht durch den Brustkorb und das Zwerchfell bis in den Magen. Wenn er dort irgendwo einen Fehler entdeckt, sendet er einen Reaktionsbefehl zurück. Zum Beispiel: Schluckauf, jetzt! Dann gibt es noch einen eigenen Nerv fürs Zwerchfell, der Nervus Phrenicus, der signalisiert: Verkrampfe dich! Und schon geht’s los.

          Manchmal hat der Nervus Vagus recht, und es stimmt tatsächlich etwas nicht so ganz. Diese Patienten haben dann chronischen Schluckauf, also mindestens zwei Tage lang, und nachdem sie wirklich alles versucht, also zum Beispiel auf dem Kopf stehend Wasser getrunken haben, gehen sie doch zu einem Arzt. „Die häufigste Ursache ist chronischer Reflux, das sehen wir mehrmals im Jahr“, sagt Brigitte Mayinger. Reflux bedeutet, dass Magensäure hoch in die Speiseröhre läuft. Wenn Erwachsene über Sodbrennen klagen, ist häufig Reflux die Ursache.

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          Aber es gibt auch eine Reihe anderer Möglichkeiten. Bei Charles Osborne, dem Mann mit dem jahrzehntelangen Schluckauf, war eine Ader im Gehirn geplatzt, die daraufhin offenbar permanent den Nerv reizte und Alarm auslöste. Auch ein Tumor kann auf den Nerv drücken. Aber das sind wirklich seltene Fälle.

          Bei den meisten ist es einfach nur ein falscher Alarm des Körpers. Und die ganzen Aktionen, die man dann startet, um den Schluckauf wieder loszuwerden, haben mit der Ursache gar nichts zu tun – es gibt ja keine Ursache. „Diese Maßnahmen lenken vom Reiz ab“, sagt Brigitte Mayinger. „Manchen hilft Druckausgleich, anderen Husten, in eine Tüte zu atmen, Gurgeln oder Trinken.“ Man konzentriert sich also auf etwas anderes, zum Beispiel auf die Frage, was man vorgestern Abend gegessen hat, und danach hat der Nerv seinen Fehler bemerkt und gibt wieder Ruhe.

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          Trotzdem bleibt natürlich die große Frage: Warum ist ausgerechnet Schluckauf die Alarmsirene für diesen Nerv? Hätte die Evolution sich nicht was Cooleres überlegen können? Dass vielleicht unsere Haare im Sekundentakt die Farbe wechseln oder so? Schließlich scheint Schluckauf für überhaupt nichts gut zu sein. Aber die Ärztin hat dafür eine Erklärung: „Für Erwachsene ist er wahrscheinlich sinnlos, aber Babys schlucken beim Trinken viel Luft. Die bekommt der Körper auf diese Weise wieder raus. Durch die Blockaden von Zwerchfell und Glottis wird verhindert, dass Flüssigkeit mit hochkommt und in der Lunge landet.“ Das ist natürlich schon wieder ziemlich clever eingerichtet von der Natur. Man könnte zusammenfassen: Beim Schluckauf passiert im Grunde das Gleiche wie beim Trinken. Nur rückwärts.

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