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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum wir einen Muttertag feiern

Nelken waren das erste Muttertagsgeschenk, Blumen sind immer noch sehr beliebt: Hier steht die Aushändigung kurz bevor. Bildbeschreibung einblenden Podcast starten 05:54

Nelken waren das erste Muttertagsgeschenk, Blumen sind immer noch sehr beliebt: Hier steht die Aushändigung kurz bevor. Bild: Picture-Alliance

Die Griechen feierten die Mütter ihrer Götter, und auch Napoleon hatte einen Muttertag im Sinn. Die Frau allerdings, die unser heutiges Fest vor über hundert Jahren erfunden hatte, hätte ihn am liebsten wieder abgeschafft.

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          Wenn in Kindergärten wieder fieberhaft an Riesenherzen und tönernen Briefbeschwerern gewerkelt wird und die Geschäfte seit Wochen ihr gigantisches Sortiment an Schokolade, Eau de Cologne und Blumen aufbieten, dann spätestens erinnern wir uns: Es ist wieder Muttertag. Und verlässlich zum zweiten Maisonntag teilt die Nation sich wie einst das Rote Meer: Während die einen mit Hingabe tun, was der Tag verlangt, verweigern die anderen sich demselben Appell. Dass in letzter Sekunde viele Standhafte doch schwach werden, belegen die Zahlen, die vor allem die Blumengilde nach jedem Muttertag aufjubeln lässt. Die Blumenhändler waren es tatsächlich auch, die als Erste auf den Muttertagszug aufgesprungen sind. „Lasst Blumen sprechen!“ hieß schon ihre Fanfare zum Tag in den zwanziger Jahren.

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Erfunden aber haben sie den Tag dabei keineswegs, und auch nicht die Nationalsozialisten, wie oft behauptet wird. Der Muttertag ist vielmehr die Erfindung einer Feministin: Anna Jarvis hat 1907 in ihrem Heimatort Grafton in West Virginia den ersten Muttertag veranstaltet. Ihre Idee fußte auf den politischen Zielen der damaligen Frauenbewegung, doch wurde das schnell vergessen. Andere hatten es geschickter als die Suffragette verstanden, die so einfache wie durchschlagende Idee auf ihre Anliegen umzumünzen.

          Fünfhundert Nelken

          Nur sieben Prozent der Deutschen verweigern sich den Meinungsforschern von Allensbach zufolge der Erwartung, etwas zu schenken. Dabei waren die geschäftlichen Auswüchse um den Muttertag schon seiner Erfinderin ein Dorn im Auge: Anna Jarvis, die 1864 in eine der angesehensten Familien Virginias hineingeboren wurde, war so entsetzt über die Auswüchse, die der Muttertag im Laufe der Zeit angenommen hatte, das sie den Tag, der sie einst berühmt gemacht hatte, sogar wieder abschaffen wollte.

          Begonnen hat alles mit dem Einsatz der unverheirateten und kinderlosen Lehrerin für die Rechte der Frauen. Als 1905 ihre Mutter starb, kam ihr die Idee, einmal im Jahr nicht nur an die eigene, sondern an alle Mütter zu erinnern. Was ihr vorschwebte, war nicht die Würdigung eines Mutterbilds von edler Einfalt, stiller Größe und nimmermüder Opferbereitschaft. Der Tochter eines Methodistenpfarrers war es um die politische Rolle von Frauen zu tun. Sie warb so lange bei Kirchenmännern und Politikern für ihre Idee, bis schließlich der erste offizielle Muttertag am zweiten Maisonntag des Jahres 1908 stattfand. Anna Jarvis verteilte fünfhundert Nelken, die Lieblingsblumen ihrer Mutter.

          Die Flagge weht für diese zärtliche Armee

          Dabei war sie nicht die Erste, die glaubte, dass Mütter es verdient haben, einmal im Jahr gewürdigt zu werden: Schon die alten Römer und Griechen widmeten den Müttern ihrer Götter Festivitäten. Und England hatte im siebzehnten Jahrhundert seinen „Mothering Day“. Auch Napoleon schlug 1806 die Einführung eines Muttertags vor, fand dann aber vor Waterloo wohl keine Zeit, sein Vorhaben umzusetzen. Am Ende war es die Amerikanerin, die den Muttertag aus der Taufe hob; ihre gute Absicht erwies sich als so massenkompatibel, über alle Landes- und Sprachgrenzen hinweg, dass sie den Rest der Welt im Nu eroberte.

          1914 erklärte Präsident Woodrow Wilson den Muttertag zum amerikanischen Feiertag: „Die Flagge wehte nie aus einem schöneren und heiligeren Anlass als für diese zärtliche Armee: die Mütter Amerikas“, verkündete er verzückt. Nicht minder euphorisch reagierte die Geschäftswelt. Ebenfalls 1908 hatte ein Florist aus Berlin, Max Hübner, den Einfall für „Fleurop“: Eine Firma, die nicht mehr die Blumen selbst verschickt, sondern lediglich die Aufträge. Die Idee kam mit dem neuen Feiertag erst richtig in Schwung. Doch bald drängte die Konkurrenz auf den Markt: Auch Pralinen-, Parfüm- und Kleiderhersteller wollten mit dem Muttertag ihre Umsätze mehren. Und als die Nationalsozialisten 1933 die Macht ergriffen, war der Muttertag so fest installiert, dass Hitler ihn problemlos zu seiner Sache machen konnte, die bekanntlich im NS-Mutterkult gipfelte.

          Ihr Protest brachte sie ins Gefängnis

          Kein Wunder, dass der Muttertag nach dem Zweiten Weltkrieg bei uns abgeschafft wurde. Doch schon Anfang der fünfziger Jahre wurde er wiederbelebt, allerdings nur in der Bundesrepublik; in der DDR ersetzte den „westlich-reaktionären“ Brauch der „Internationale Frauentag“ am 8. März. Den Ruch der Vereinnahmung konnte der Tag aber auch im Westen nie ganz ablegen. Sein feministischer Ursprung jedoch ist gänzlich verlorengegangen. Und während in Deutschland 1923 der erste Muttertag gefeiert wurde, steckte man im selben Jahr in Amerika seine Erfinderin ins Gefängnis, weil sie öffentlich dagegen protestiert hatte, dass ihre Idee in bare Münze umgeschlagen wurde. „I wanted it to be a day of sentiment, not profit““, wetterte Anna Jarvis, die einen Gedenk- nicht einen Geschenktag gewollt hatte und gegen die Blumenindustrie prozessierte.

          Ihr Versuch, das ideelle Ereignis vor der Kommerzialisierung zu bewahren, blieb erfolglos. Am Ende verlor sie ihr gesamtes Vermögen und starb 1948, arm und vergessen, in einem Altenheim. Sie hat nie erfahren, dass die Kosten für ihren Aufenthalt dort jene übernahmen, die sie die letzten zwanzig Jahre ihres Lebens erbittert bekämpft hatte, und die ihr doch so viel zu verdanken haben: die Blumenhändler.

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