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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum Vögel singen

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Er kann auch Klingeltöne: Der Star verfügt über ein reiches Gesangsrepertoire, das sich aus Pfeiflauten, Knirschmotiven und Imitationen anderer Vögel zusammensetzt. Bildbeschreibung einblenden Podcast starten 08:10

Er kann auch Klingeltöne: Der Star verfügt über ein reiches Gesangsrepertoire, das sich aus Pfeiflauten, Knirschmotiven und Imitationen anderer Vögel zusammensetzt. Bild: Picture-Alliance

Musik liegt in der Luft: Wenn es Frühling wird, zeigen Amsel, Drossel, Fink und Star wieder, was stimmlich in ihnen steckt. Das ist jedoch kein Freizeitvergnügen, sondern mühsam erlernte Schwerstarbeit.

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          Wer durch die Stadt spaziert und ein lautes „Miau“ hört, schaut automatisch auf den Boden. Irgendwo muss die Katze ja stecken: in einer Einfahrt, unter einem Auto oder im Schatten eines Mauervorsprungs. Meistens ist sie schnell gefunden. Manchmal jedoch bleibt die Suche erfolglos, obwohl munter weitermiaut wird. In einem solchen Fall könnte es helfen, den Blick vom Boden zu lösen und in den Himmel zu gucken. Denn was ein verwöhntes Haustier draufhat, das beherrscht ein Mäusebussard mindestens genauso gut. Tatsächlich klingt der Greifvogel mit dem ernsten Gesichtsausdruck wie ein Kätzchen, das um Streicheleinheiten bettelt. Ziemlich beeindruckend, aber noch gar nichts im Vergleich zu seinen kleinen Mitstreitern. Während der Mäusebussard nur ruft, können Finken, Meisen, Drosseln und Lerchen richtig singen.

          Kai Spanke
          Redakteur im Feuilleton.

          Das beweisen sie momentan jeden Tag, wenn sie sich zum Morgenkonzert zusammentun. Als echter Frühaufsteher legt der Hausrotschwanz mit seinem lustigen Knirschen ganze neunzig Minuten vor Sonnenaufgang los. Etwas später dreht auch der Vogel des Jahres 2021, das Rotkehlchen, kräftig auf. Kurz danach steigt die Amsel ein und macht ihrem Image als Meistersänger alle Ehre, indem sie die phänomenalsten Flötentöne in die Dunkelheit haucht. Anschließend sind Zilpzalp, Blau- und Kohlmeise einsatzbereit. Es folgen Grünfink und Stieglitz, die sich für Vogelverhältnisse ganz schön Zeit lassen, immerhin wird es in einer Viertelstunde hell. Der größte Spätzünder des Ensembles ist Herr Buchfink. Er trägt seine lebhaften und mit einem tollen Endschnörkel versehenen Strophen in der Morgenröte vor. So früh zu singen hat einige Vorteile: Da es noch kühl und dämmrig ist, würde sich die Nahrungssuche schwierig gestalten. Also spart man sich die Snacks auf und erledigt schon mal das musikalische Pflichtprogramm.

          Bild: F.A.Z.

          Was aber soll das Ganze? Warum nehmen Vögel die enorme Anstrengung auf sich, jeden Frühlingstag mit einem Lied zu begrüßen und womöglich bis zum Abend immer wieder zu zwitschern? Das Nachtigall-Männchen – ein grandioser Stimmakrobat, der mehr als hundert Strophen im Repertoire hat – gurgelt, trillert, schmettert und klagt sogar nachts. Allerdings nur so lange, bis er ein Weibchen gefunden hat. Damit hätten wir schon eine erste Erklärung für den Gesang: Er lockt potentielle Partnerinnen an. Außerdem dient er der Verteidigung des Brutterritoriums. Je begabter ein Vogel tschilpt und trällert, desto vehementer bewacht er sein Revier. Stefan Leitner, Spezialist für Vogelgesang am Max-Planck-Institut für Ornithologie, sagt: „Die Weibchen können auch singen. Gleichwohl handelt es sich um einen weniger komplexen Gesang, der dem Zusammenhalt des Paars dient. Manche Weibchen verteidigen zudem kleine Winterterritorien.“

          Vögel tirilieren nicht beliebig drauflos, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Vielmehr befinden sie sich im Bann ihrer Hormone. Werden die Tage länger, steigt der Testosteron-Spiegel bei den Männchen – und damit der Drang, ein Ständchen zu bringen. Dessen Qualität lässt den Gesundheitszustand und die Leistungsfähigkeit des Sängers erkennen. Allerdings gelten auf dem Land andere Maßstäbe als in der Stadt. Berliner oder Kölner Vögel müssen sich nämlich besonders laut zu Wort melden, weil sie gegen den Straßen- und Baustellenlärm antrillern. Dieter Thomas Tietze vom Centrum für Naturkunde der Universität Hamburg sagt: „Es ist wie in der Diskothek. Will man dort verstanden werden, muss man sich anschreien, weil die Musik so laut ist. Meist redet man zwischen den Songs. So gehen auch die Vögel vor, wenn sie bewusst außerhalb der Rushhour singen.“

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